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Regensburg

„DER TANZ HAT MICH GEFUNDEN“

Porträt eines leidenschaftlichen Engagierten für den Tanz in Regensburg



Georg Reischl ist neuer Chef des Tanzensembles am Theater Regensburg - im Februar wird sein zweites Stück uraufgeführt. „Drum Dancing“ ist inspiriert von der Lakota-Mythologie Nordamerikas.


  • Georg Reischl ist neuer Chef des Tanzensembles am Theater Regensburg Foto © Michael Scheiner

„Der Tanz hat mich gefunden“, veranschaulicht der neue Chefchoreograf des Regensburger Tanzensembles, Georg Reischl, ein wenig geheimnisvoll seinen Zugang zum Ballett. Er habe sich als Kind schon immer gern bewegt und zu Hause getanzt. In der Schule machte er mit sieben Leistungsturnen. Dabei habe ihn ein Turnlehrer beobachtet und empfohlen, er solle ins Ballett gehen. Das war in Salzburg, wo der schmale, drahtige Mann als Kind sportlich sehr aktiver Eltern aufgewachsen ist. Die Mutter war Skilehrerin und der Vater fuhr Radrennen.

Von der Kunstform Tanz hatten sie keine Ahnung, dennoch unterstützte vor allem die Mutter den Wunsch ihres Sohnes vorbehaltlos und fuhr ihn täglich zum Tanztraining bei Rosa Hartlieb in die Altstadt. „Hartlieb war genauso, wie ihr Name“, lacht der bewegliche Mittvierziger, „hart und lieb“. Bereits im ersten Jahr seines Balletttrainings stand er schon auf der Bühne und hat sich „sehr wohl gefühlt, das war toll“, gibt er unverhohlen zu. Mit 14 Jahren wechselte er an die Ballettschule der Wiener Staatsoper. Sonst gab es damals keine Möglichkeit in Österreich die Matura, das dortige Abitur, kombiniert mit einer Tanzausbildung zu machen. Obwohl er das Zuhause vermisst hat, fand er schnell Gefallen an der großen Stadt. Er traf auf Gleichgesinnte und war froh, vom „vielen Spott und den Hänseleien“ seiner Mitschüler*innen in Salzburg weg zu sein.

Das Tanzen zum Beruf zu machen, kam dem Eleven dennoch erst kurz vor dem Abschluss in den Sinn. Ihn begeisterte „das tägliche Training“ außerhalb ökonomischer Perspektiven. „Ich tanzte einfach leidenschaftlich gern“, erinnert sich Reischl und fand schließlich seine Berufung in der zeitgenössischen Sparte. Für die Staatsoper „zu individuell“, verweist er auf die erste Ablehnung, ging er nach Heidelberg zu Liz King, einer renommierten Choreografin und Pädagogin. Schon damals, in den 90er Jahren, trug er eine Vision in sich, deren Umsetzung er zielstrebig verfolgte. Reischl wollte zum großen William Forsythe nach Frankfurt, was ihm 1999 auch gelang. Zu der Zeit hatte er schon begonnen Choreografien für das Scapino Ballett in Rotterdam zu entwickeln, bei dem er mehrere Jahre auch tanzte. Welche Vision er für Regensburg verfolgt, beantwortete der drahtige Mann mit dem schmalen Gesicht lächelnd: „Ich will mit dem Tanz die Menschen in Regensburg weiter zusammenbringen!“

Für die Kompanie wünsche er sich „ein Gespräch über den Tanz und die Entwicklung im zeitgenössischen Bereich“, welches über die Bühne hinausgeht und die Zuschauer*innen mit einbezieht. Seine choreografische Arbeit will er „mit den Tänzern weiterentwickeln“. Über öffentliche Proben will er Einblick in seine prozessorientierte Arbeit geben, die Entwicklung einer Choreografie zum Publikum hin öffnen.

Leidenschaftlich plädiert er dafür, damit „Neugier und Interesse zu wecken und die Wichtigkeit des Tanzes deutlich zu machen“. Dazu gehört auch die Themen, mit denen er „meistens wenigstens“ auf aktuelle Entwicklungen und Trends aus der Gesellschaft reagiert. In „Juke Box Hero“, Reischls erster, lautstark gefeierter Choreografie zum Einstand in Regensburg, beschäftigte er sich mit parodistisch und kluger Mehrdeutigkeit mit Rollenklischees, -zuweisungen und Identitäten.

Auch mit der neuen Arbeit, die am 15. Februar am großen Haus am Bismarckplatz Premiere hat, rekurriert er auf gesellschaftliche Tendenzen. „Drum Dancing“ ist inspiriert von der Lakota-Mythologie Nordamerikas, aus welcher der empathische Clown „Heyoka“ stammt. Er wird mit zwei Hörnern dargestellt und auch als „verkehrter Krieger“ bezeichnet. Er verhält sich immer gegensätzlich zu dem, wie es üblich ist und erwartet wird – ist er traurig, lacht er, ist er glücklich, weint er und kommt, wenn er gehen soll. Das macht ihn zu einem Spiegel der Gesellschaft. Die Tänzer*innen und der Schlagzeuger Vincent Glanzmann, der mit auf der Bühne ist, würdigen damit die – heute so ungemein wichtige – Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, emphatisch zu sein. Das klassische Ballett mit seinen Formen ist in „Drum Dancing“ eine Metapher für Ordnung und Ausgangspunkt für die Bewegungssprache des Stückes. Durch die verkehrten Krieger wird diese Ordnung praktisch wortwörtlich auf den Kopf gestellt. Der Tanzabend kann als energetische Einladung gesehen werden, die Augen für andere Perspektiven zu öffnen.

Veröffentlicht am 09.02.2020, von Michael Scheiner in Gallery, Leute

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