HOMEPAGE



Heidelberg

ALLE GLEICH INDIVIDUELL

Zur Tanz-Uraufführung "Dimension" von Iván Pérez im Heidelberger Theater



Kreative Verstärkung hat sich Pérez bei dem prominenten Berliner Künstler-Duo Yoko Seyama und Dirk. P. Haubrich gesucht. Während der langen Probenzeit wurde viel improvisiert und ausprobiert – und ein bisschen zu wenig wieder verworfen.


  • "Dimension" von Iván Pérez im Heidelberger Theater; Jacqueline Trapp, Arno Brys, Samuel Gilovitz, Inés Belda Nácher, Ismaël Belabid-Lenoir, Marc Galvez, Andrea Muelas Blanco, Alessandro Galati, Leon Poulton, Kuan-Ying Su, Orla McCarthy, Yi-Wei Lo Foto © Alwin Poiana
  • "Dimension" von Iván Pérez im Heidelberger Theater; Yi-Wei Lo, Samuel Gilovitz Foto © Alwin Poiana
  • "Dimension" von Iván Pérez im Heidelberger Theater; Samuel Gilovitz, Alessandro Galati, Ismaël Belabid-Lenoir, Kuan-Ying Su, Leon Poulton, Yi-Wei Lo Foto © Alwin Poiana
  • "Dimension" von Iván Pérez im Heidelberger Theater; Marc Galvez, Andrea Muelas Blanco Foto © Alwin Poiana

Iván Pérez hat sich Zeit gelassen für die erste große Tanzpremiere dieser Spielzeit im großen Haus (Maguerre-Saal) des Heidelberger Theaters. Kreative Verstärkung für sein neues Stück „Dimension“ hatte er sich zuvor bei einem prominenten Berliner Künstler-Duo gesucht: Yoko Seyama für Bühne und Licht-Installation, Dirk. P. Haubrich für den musikalischen Part. Während der langen Probenzeit wurde viel improvisiert und ausprobiert – und ein bisschen zu wenig wieder verworfen. Zwei Stunden (mit Pause) dauert der Tanzabend; da braucht es viel Vertrauen in eine lange Aufmerksamkeitsspanne des Publikums für eine Choreografie, die bruchlos um sich selber kreist.

Zum Einstieg gibt es reichlich Augenfutter: Die vielfach ausgezeichnete Yoko Seyama hat die Bühne als technikaffinen Fantasieraum gestaltet. Spiel- und Tanzfläche ist die Drehbühne, im Hintergrund von einem halbrunden Prospekt eingerahmt. Als Hingucker für den Anfang fungieren die beleuchteten (Plexiglas?-)Objekte, die von den zwölf Tänzer*innen des Dance Theatre Heidelberg sorgsam auf dem Kopf balanciert werden. Sie sind rechteckig in unterschiedlichsten Formaten und Größen, allesamt gleich neonbunt und trotzdem verschiedenartig: durchgehend in farbiges Licht getaucht oder transparent mit Lichtkante, starr oder biegsam, leicht oder schwer.

Im ersten Teil des Abends kann man bestaunen – unaufgeregt elektronisch beschallt von Dirk P. Haubrich – was die Tänzer*innen mit diesen Objekten so alles anstellen können: die Frucht reichlicher Improvisationsarbeit. Man kann die die Platten auf alle möglichen Weisen schleppen, man kann sie stapeln, schichten und einstürzen lassen; man kann mit ihnen einen temporären Raum begrenzen, sie als Abwehrschild benutzen, als Spielfläche oder als bedrängende Waffe. Bei alledem agieren die Tänzer*innen auch im Zusammenspiel effizient unterkühlt. Sie demonstrieren Meisterschaft im Austarieren des nötigen Sicherheitsabstandes; Emotionen kommen selbst bei Berührung nicht auf. Dass am Ende eine Tänzerin ausgegrenzt und von der Bühne geschubst wird, wirkt eher wie ein opportunistisches Ausnutzen des Augenblicks als eine geplante Aggression.

Nach der Pause ist vor der Pause – nur noch hübscher anzusehen und musikalisch fordernder. Eine sorgsam arrangierte Reihe von fahrbaren Standspiegeln, statt mit Spiegelflächen mit bunten Leuchtflächen bestückt, fahren auf der Drehbühne im Kreis. Raffiniert ausgeleuchtet, von fahrbaren Scheinwerfern in Szene gesetzt und von oben bespiegelt, entfalten sie ein pittoreskes Schattenspiel. Die zwölf Ensemblemitglieder, in reflektierenden, zugleich betont schmucklos geschnittenen Pannesamt gehüllt (Kostüme: Carlijn Petermeijer), dürfen jede(r) mal solistisch agieren. Aber so rechte Spannung will nicht aufkommen: Das verwendete Bewegungsmaterial bricht kaum aus dem einheitlichen sensiblen, sich selbst bespiegelnden Flow aus. Am Ende ist die ganze Truppe wieder gemeinsam aktiv, immer wieder dicht am Boden, mit vielen Körperspiralen und ein paar Turnübungen – bis zum Ende durchgehalten.

Als technikbesessen, selbstoptimierend und bindungsunfähig gelten sie, die „Millenials“, denen der Heidelberger Tanzchef Iván Pérez gleich eine ganze Trilogie zugedacht hat: „Dimension“ ist der zweite Teil nach „Impression“ (auch noch auf dem Spielplan). Aber was wollte der Choreograf denn eigentlich so Wichtiges sagen über die Generation Y? – Freundlicher Beifall und ein paar zaghafte Buhs.

Veröffentlicht am 26.01.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 1692 mal angesehen.



Kommentare zu "Alle gleich individuell"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DA MÜSSEN SIE DURCH

    Werden ist schwer – das zeigt Iván Pérez im neuen Tanzstück am Theater Heidelberg

    Damit etwas werden kann, braucht es Wurzeln und Freiraum, Halt und kreativen Freiraum. Und es darf, es muss auch mal was schiefgehen. Diesen Prozess hat der Heidelberger Tanzchef zum Thema seines neuen Tanzabends „Becoming“ gemacht.

    Veröffentlicht am 24.03.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DIE GENERATION Y TANZT

    Iván Pérez ist in „Impression“ den Millenials auf der Spur

    Mit seinem Stück hat es sich der neue Heidelberger Tanzchef nicht leicht gemacht. Mutig und originell thematisiert er darin die "Millenials" – diejenigen, die zur Jahrtausendwende gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden standen.

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    TALENTSCHMIEDE GÄRTNERPLATZ

    Uraufführung von „Heimat“ als Auftaktveranstaltung der neuen Reihe „Gasteig moves – Zeitgenössischer Tanz im Gasteig“
    Veröffentlicht am 24.09.2020, von Anna Beke


    GEGEN ALLE WIDERSTÄNDE

    Wiederaufnahmepremiere von "Giselle" beim Bayerischen Staatsballett im Münchner Nationaltheater
    Veröffentlicht am 23.09.2020, von Vesna Mlakar


    MARKANTER SAISONAUFTAKT IN MÜNCHEN

    "Schwanensee" am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 22.09.2020, von Vesna Mlakar



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF

    Im November wagt das Ensemble des Tanztheater Wuppertal die aufwändige Rekonstruktion von Das Stück mit dem Schiff von 1993.

    Die Rekonstruktion von Das Stück mit dem Schiff bildet den Auftakt für die von 21. – 29. November geplante Veranstaltungsreihe Pina Bausch Zentrum under construction im alten Schauspielhaus.

    Veröffentlicht am 24.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    GEWONNEN UND VERLOREN

    Ralf Stabel kehrt nicht an die Staatliche Ballettschule zurück

    Veröffentlicht am 03.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    ENDE UND NEUANFANG

    "From Berlin with Love I" am Staatsballett Berlin

    Veröffentlicht am 31.08.2020, von Hartmut Regitz


    XENIA WIEST KOMMT NACH SCHWERIN

    Das Mecklenburgische Staatstheater bekommt mit Xenia Wiest eine neue Ballettdirektorin

    Veröffentlicht am 01.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.

    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP