HOMEPAGE



Heidelberg

WENN KEIN SPIELRAUM MEHR DA IST

Zur Tanzpremiere "Exhausting Space" von Iván Pérez



Tanzchef Iván Pérez eröffnet Heidelberg einen intimen Raum, der sich mit Vertrautheit und Anderssein beschäftigt.


  • "Exhausting Space" von Iván Pérez; Marc Galvez, Leon Poulton, Inés Belda Nácher Foto © Susanne Reichardt
  • "Exhausting Space" von Iván Pérez; Marc Galvez, Leon Poulton, Inés Belda Nácher Foto © Susanne Reichardt
  • "Exhausting Space" von Iván Pérez; Inés Belda Nácher, Marc Galvez, Leon Poulton Foto © Susanne Reichardt
  • "Exhausting Space" von Iván Pérez; Marc Galvez Foto © Susanne Reichardt
  • "Exhausting Space" von Iván Pérez; Marc Galvez, Leon Poulton Foto © Susanne Reichardt
  • "Exhausting Space" von Iván Pérez; Inés Belda Nácher, Marc Galvez, Leon Poulton Foto © Susanne Reichardt

Der Einstieg in die neue Tanz-Spielzeit fällt ungewöhnlich aus: Tanzchef Iván Pérez wählte mit „Exhausting Space“ ein Trio und mit Friedrich 5 die kleinste, intimste Spielstätte des Heidelberger Theaters. Ganz dicht sitzen die Zuschauer auf allen vier Seiten um den Tanzteppich herum; die drei ProtagonistInnen sind zu Greifen nah. Jeder Gesichtsausdruck, jeder Blickkontakt, jeder noch so kleinste Bewegung und jeder Schweißtropfen teilen sich unmittelbar mit.

Viel Raum zum Tanzen bleibt den Dreien allerdings nicht, denn der größte Teil der Bühne wird dominiert von schwarz glänzenden, geheimnisvollen Eiern. Viele Assoziationen bieten sich bei diesem Anblick an. Das Geheimnis des Materials wird allerdings gelüftet, als eines der Eier zu Bruch geht: Es sind – tatsächlich - rohe Eier, und genau so werden sie vom Tanztrio Inés Belda Nácher, Marc Galvez und Leon Poulton auch behandelt. (Iván Pérez nutzte die Chance, seine TänzerInnen und das Publikum ganz dicht zusammenzubringen und erarbeitete das Stück gleich noch mit einer Zweitbesetzung.)

„Exhausting Space“ thematisiert den Mangel an Bewegungsspielraum. Das ist zunächst ganz wörtlich genommen der äußere Spielraum: zwischen rohen Eiern und Publikum bleibt anfangs nur ein schmaler Streifen, auf dem die TänzerInnen sich miteinander bewegen - ohne direkte Berührung, aber immer miteinander im Kontakt. Das erfordert höchste Aufmerksamkeit und im Zweifelsfall die Bereitschaft, sich zurückzunehmen. Andererseits strahlen die Drei einen hohen Grad von Vertraut-Sein aus, eine selbstverständliche, ganz und gar unerotische Intimität.

Kreiert hat Iván Pérez das Stück 2013 für das Ballett Moscow, eines der wenigen dem zeitgenössischen Tanz verbundenen Ensembles in Russland. Der öffentliche Diskurs im Land war zu dem Zeitpunkt geprägt von der aktuellen homophoben Gesetzgebung, die schon Äußerungen über Homosexualität unter Strafe stellt. In diesem aufgeheizten öffentlichen Klima thematisierte Pérez in seinem Stück die Frage nach dem individuellen Spielraum für Individualität, für Anders-Sein und Nicht-Anpassung.

Was passiert, wenn man sich nicht mehr zurücknehmen kann oder will? Was passiert, wenn Dominanz des einen in Aggression gegenüber einem anderen umschlägt? Was passiert, wenn zwei sich gegen den Dritten verbünden? Wie heftig kann ein individueller Befreiungsschlag ausfallen? Hier zeigt Pérez, der sich bislang in Heidelberg eher als Schöpfer sanfter Bilder präsentiert hat, auch einmal klare Kante und raue Seiten. Wenn Inés Belda Nácher und Marc Galvez gemeinsame Sache machen und – mit der Schwerkraft als listiger Verbündeter – Leon Poulton wie eine hilflose Puppe herumschleudern, ist Schluss mit lustig.

Sein tänzerisches Dreigespann hält mit großer Ausstrahlung das Publikum über eine geschlagene Stunde lang in Atem; für den Trance-würdigen Soundtrack sorgt Rutger Zuydeervelt. Zum guten Schluss darf das Trio dann noch einmal kurz, aber intensiv Nähe und Innigkeit zeigen – Visionen für eine freundlichere, zumindest solidarische Welt fehlten bislang noch in keinem Pérez-Stück in Heidelberg. In diesem Fall wendet sich die Botschaft auch speziell an die jüngere Generation: Empfohlen wird „Exhausting Space“ ab 14 Jahren.

Veröffentlicht am 13.11.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 387 mal angesehen.



Kommentare zu "Wenn kein Spielraum mehr da ist"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DA MÜSSEN SIE DURCH

    Werden ist schwer – das zeigt Iván Pérez im neuen Tanzstück am Theater Heidelberg

    Damit etwas werden kann, braucht es Wurzeln und Freiraum, Halt und kreativen Freiraum. Und es darf, es muss auch mal was schiefgehen. Diesen Prozess hat der Heidelberger Tanzchef zum Thema seines neuen Tanzabends „Becoming“ gemacht.

    Veröffentlicht am 24.03.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DIE GENERATION Y TANZT

    Iván Pérez ist in „Impression“ den Millenials auf der Spur

    Mit seinem Stück hat es sich der neue Heidelberger Tanzchef nicht leicht gemacht. Mutig und originell thematisiert er darin die "Millenials" – diejenigen, die zur Jahrtausendwende gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden standen.

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    EINE TÄNZERISCHE HEIMAT FÜR DEN NEUSTART

    Iván Pérez ist neuer Tanzchef des Dance Theatre Heidelberg

    Gerade erst konnte der gebürtige Spanier mit "The Inhabitants" sein Debüt feiern. Ein Gespräch mit dem neuen Tanzchef des Dance Theatre Heidelberg.

    Veröffentlicht am 02.10.2018, von Nora Abdel Rahman


    ALIENS MIT SOZIALER KUSCHELKOMPETENZ

    Das Tanzstück "The Inhabitants" am Theater und Orchester Heidelberg

    Zum Open-Air-Einstand der aktuellen Spielzeit zeigt der neue Heidelberger Tanzchef Iván Pérez "The Inhabitants", ein ortsspezifisches Tanzstück.

    Veröffentlicht am 16.09.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    IVÁN PÉREZ KOMMT NACH HEIDELBERG

    Der Choreograf Iván Pérez übernimmt ab der Spielzeit 2018/19 das Dance Theatre Heidelberg

    Ab September wird der spanische Choreograf Künstlerischer Leiter der Tanzsparte am Theater und Orchester Heidelberg.

    Veröffentlicht am 16.05.2018, von tanznetz.de Redaktion


     

    AKTUELLE NEWS


    PRÄGENDE TÄNZERIN

    Sighilt Pahl verstorben
    Veröffentlicht am 15.12.2019, von tanznetz.de Redaktion


    PROGRAMM DER TANZPLATTFORM VERÖFFENTLICHT

    Die Jury stellt das Programm der Tanzplattform München 2020 vor
    Veröffentlicht am 04.12.2019, von Pressetext


    NEUES IM FALL BINDER

    Tanztheater Wuppertal legt Beschwerde gegen das Urteil ein
    Veröffentlicht am 29.11.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    RED.FOREST

    Premiere des Ensembles PLAN MEE in Nürnberg

    In dieser Adventszeit wird in der Tafelhalle die zweite Produktion der Saison gefeiert. Das Ensemble PLAN MEE unter der choreografischen Leitung von Eva Borrmann präsentiert am 19. Dezember seine Premiere „Red.Forest“.

    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    PINA BAUSCH LEBT

    Die Semperoper Dresden zeigt mit einer grandiosen "Iphigenie auf Tauris", dass Qualität nicht altert

    Veröffentlicht am 06.12.2019, von Rico Stehfest


    PROGRAMM DER TANZPLATTFORM VERÖFFENTLICHT

    Die Jury stellt das Programm der Tanzplattform München 2020 vor

    Veröffentlicht am 04.12.2019, von Pressetext


    DES GUTEN NICHT ZUVIEL

    Rudolf Nurejews "Raymonda" zurück an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 05.12.2019, von Julia Bührle


    EIN SEELENGEMÄLDE

    „Die Glasmenagerie“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett uraufgeführt

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP