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München

POLITISCHE KÖRPER

„The Furious Rodrigo Batista“ und „Piki Piki” in München



Politische Missstände und den Zerfall der Demokratie in ihren Heimatländern Brasilien und dem Kongo: Das verhandeln die beiden Performances von Rodrigo Batista und Djino Alolo Sabin, die am letzten Wochenende des Spielart-Festivals zu sehen waren.


  • „The Furious Rodrigo Batista“ beim Spielart-Festival in München Foto © Thomas Lenden / DAS Theatre
  • Djino Alolo Sabins "Piki Piki" beim Spielart-Festival in München Foto © Studios Kabako

Das letzte Wochenende bei Spielart stand ganz im Zeichen neuer Strömungen. Unter dem Titel „New Frequencies“ – offiziell auch ein „Festival im Festival“ bezeichnet – wurde jungen internationalen KünstlerInnen eine Plattform geboten, auf der sie Erstwerke oder Abschlussarbeiten zeigen konnten. Es entstand ein ästhetisch diverses Programm mit Themen von persönlicher Aufarbeitung autobiografischer Stoffe bis hin zur Verhandlung historischer Ereignisse und politischer Missstände.

Eine der Performances, die auf sehr radikale Art und Weise politisch agiert, ist „The Furios Rodrigo Batista“, das im Einstein Kultur gezeigt wurde. Der brasilianische Theatermacher Rodrigo Batista, kritisiert in einer schwer körperlichen, schockierenden Arbeit den Aufstieg des Faschismus durch Jair Bolsonaro, den damit verbundenen Niedergang der Demokratie und Steigerung der Gewalt in seinem Heimatland. Batista berichtet, dass sich seine Kunst angesichts dieser politischen Notstände stark geändert habe und es sein Ziel sei, durch direkte Statements mit einer lauten, expliziten In-Your-Face-Ästhetik eine politisch-künstlerische Antwort darauf zu finden.

Dass er damit nicht zu viel verspricht, zeigt sich bereits in der „A-Side“ von Batistas Performance, deren beider Teile bei Spielart zum ersten Mal nacheinander gezeigt wurden. Zu lauter Samba-Musik versucht er zunächst den tänzerischen Körperidealen der brasilianischen Tanzkultur zu entsprechen. Er probiert sich in lasziven Posen und scheitert. Er tut dies zunächst mit dem Rücken zum Publikum, sein Gesicht ist noch nicht zu sehen.

Mit der Einspielung eines Monologs ändert sich der Tonfall schlagartig. „Brazil has failed“, wird gesprochen – Brasilien ist gescheitert, genau wie Batista in seinem Tanz. Die Folge ist eine Radikalisierung, eine Darstellung expliziter Gewalt des Performers gegen sich selbst. Er entblößt seinen Oberkörper und bedeckt in mit Kunstblut, er grillt Fleisch, dass er zerfetzt, zerkaut und dann auf die am Boden liegende brasilianische Flagge spuckt. Durch seine Hose pinkelt er auf die Flagge. Er zeigt auf, in welchem Ausmaß die Menschen unter den politischen Missständen und der Gewalt in Brasilien leiden, wie Bolsonaro das Land und das damit verbundene kulturelle Erbe mit Füßen tritt.

Am stärksten sind dabei die Momente, in denen in einem gewagten aber starken Statement die Gewalt in Brasilien, insbesondere an die Menschen in den Favelas als Genozid bezeichnet wird, oder wenn Batista mit einem Messer drohend auf die Karikatur Bolsonaros mit der Unterschrift „Fascist“ zugeht. Allerdings verursacht die immense Radikalität der Performance zunächst nur eine Schockwirkung seitens der ZuschauerInnen. Sie ist alles andere als subtil, erzählt kaum mehr als die Assoziationen Gewalt und Ekel und schafft den Weg zu einem tiefen persönlichen bzw. politischen Diskurs nicht vollständig.

Anders in Djino Alolo Sabins Performance “Piki Piki”, deren Ausgangspunkt ein ganz ähnlicher ist. Der Tänzer Kisangani, einer Großstadt in der Demokratischen Republik Kongo, kontrastiert in einer Arbeit, die in der Muffathalle gezeigt wurde, eine positive Kindheitserinnerung mit der aktuellen katastrophalen politischen Situation seines Heimatlandes.

Der Stücktitel kommt vom Namen eines Trucks, mit dem der Tänzer in seiner Kindheit gespielt hat und den er und seine Freunde, als kaputt war, in einem Akt körperlicher Anstrengung wieder zur Bewegung gebracht haben. Diese persönliche Erinnerung dient als Allegorie für den Freiheitskampf, den Kampf für eine progressive Bewegung in der Demokratischen Republik Kongo, einen Kampf, den auch Sabins Großvater, über dessen Verschwinden zu Beginn der Performance in einem Einspieler erzählt wird, geführt hat.

Im Folgenden führt der Performer den Befreiungskampf tänzerisch aus. Bis auf die Unterhose nackt, mit Staub und Dreck des Leides in seinem Land bedeckt, befindet er sich zunächst in absoluter körperlicher Starre. Allmählich beginnt er zu repetitiver, düsterer Elektromusik zuckend seine Arme zu bewegen. Der Körper wird immer mehr zum Leben erweckt, die abgehackten, teils verdrehten und aus der Körperachse ausbrechenden Bewegungen fließen von den Armen über den Oberkörper bis hin zu den Beinen.

Die körperliche Befreiung erfolgt keineswegs mit Leichtigkeit. Der Tänzer ist unter Höchstspannung, er stürzt immer wieder, seine Bewegungen nehmen an Brutalität zu, bis er schließlich erschöpft an der Wand der leeren Bühne lehnen bleibt. In zwei Monologen prangert er Gesetze in der Demokratischen Republik Kongo, die patriarchale Grundordnung und die Folgen des Kolonialismus an. Er bleibt dabei aber subtil, wendet immer wieder allegorisch seine Kindheitserinnerung an, spricht über sein persönliches Leid und das damit verbundene Scheitern der Freiheitsbewegung: „They crushed me.“

Am Ende des vierzigminütigen, dramaturgisch starken Abends wirft Djino Alolo Sabin die Frage in den Raum, welchen Unterschied es mache, dass er dem Publikum all das erzählt. Gezeichnet, ein Holzstab mit angehängten Autoreifen auf dem Rücken, humpelt er ab – ein eindrucksvolles Bild. Die Leichtigkeit seiner Kindheitserinnerung wurde abgelöst durch eine die Bewegungslosigkeit seines Heimatlandes, aus der es wieder auszubrechen gilt.

Veröffentlicht am 11.11.2019, von Peter Sampel in Homepage, Kritiken 2019/2020

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