KRITIKEN 2019/2020



Hagen

FACETTENREICH

"Casa Azul" zum Einstand



Marguerite Donlon stellt sich als neue Ballettdirektorin am Theater Hagen mit ihrer Frida Kahlo-Choreografie "Casa Azul" vor und bietet mit Charme und Verve den Tücken der maroden Technik des Hauses Paroli.


  • "Casa Azul" am Theater Hagen: Luis Gonzalez, Sara Pena Foto © Oliver Look
  • "Casa Azul" am Theater Hagen: Filipa Amorim, Dario Rigaglia Foto © Oliver Look
  • "Casa Azul" am Theater Hagen: Filipa Amorim, Noemi Emanuela Martone, Sara Pena Foto © Oliver Look
  • "Casa Azul" am Theater Hagen: Filipa Amorim, Jeong Min Kim Foto © Oliver Look

Kaum eine halbe Stunde nach Beginn der Premiere galt es, eine unfreiwillige Pause zu überbrücken, um die wegen Überforderung laut knurrende Belüftungsanlage zu besänftigen. Quirlig und gut gelaunt forderten die neue Ballettchefin und der verlegen stammelnde Intendant Franzis Hüsers die ZuschauerInnen auf, sich mit einem Gläschen Sekt die Zeit in den Foyers zu vertreiben, während das Bühnenlicht auf Sparmodus umprogrammiert werden sollte.

Mehr Symbolik zum Auftakt einer Saison geht wohl kaum. Zumal, nachdem der mutige Spielplan des neuen Hausherrn für das marode, traditionsreiche Theater in der finanziell gebeutelten, kleinen Industriestadt gerade in der Kritikerumfrage der Deutschen Bühne als "Beste Bühne abseits der großen Zentren" geadelt worden war. Zwar können die vorbildlich engagierten Ballettfreunde Hagen eine Tanz-Premiere finanziell und ideell unterstützen und Top-TheaterkünstlerInnen und -macherInnen jahrelang ihre Theaterleidenschaft mehr als idealistisch zur Freude der teilweise von weither anreisenden BesucherInnen des weltweit führenden Theaterlandes Deutschland demonstrieren. Aber nun sind endlich Stadt, Land und betuchte Sponsoren aufgerufen, dem Theater am Geburtsort der Folkwang-Idee unter die Arme zu greifen.

Donlons Hommage auf Frida Kahlo indes wirkt zehn Jahre nach der Uraufführung in Saarbrücken viel origineller, berührte mich mehr als damals, als von Innsbruck bis Mannheim, von Johann Kresnik bis Helen Schneider (in dem Bonner Musical) so viele die Leidensgeschichte der Mexikanerin erzählten, die als 18-Jährige bei einem grausligen Verkehrsunfall schwerst verletzt worden war und bis zu ihrem Tod mit 47 Jahren (1954) nur unter größten physischen Qualen ihre Ideale als Kommunistin und Künstlerin leben konnte.
Donlon hat sich für ihre hinreißenden Tanz-Bilder von den vielen Gesichtern, Facetten und Kunstwerken Kahlos inspirieren lassen, zeichnet aber ausdrücklich nicht ihr Leben nach. Damit mutet sie den ZuschauerInnen mitunter viel zu.

Manche Szenen spielen in ihrem mit bunten Nippes dekorierten Haus vor dem Toilettentisch mit den hohen Spiegeln, auf denen sie sich selbst malte und ihr berühmtes Credo "Viva la Vida!" schrieb, von ihrem viel älteren, zweiten Ehemann, dem Künstler Diego Rivera, besungen, der sich selbst auf der Gitarre begleitet (Luis Gonzalez). Immer wieder flüchtet sie sich in ihre Fantasiewelt, in die winzige kornblumen-blaue "Casa Azul", die Bühnenbildner Ingo Bracke vorn an die Rampe gebaut hat.

Mexikanische Musik, gesungen und gespielt von Luis Gonzalez, Amber Neumann und dem Trommler Alexandre Démont, und rassige Folklore-Tänze des Ensembles unterstreichen effektvoll das authentische Flair. Kahlos Malerei und vielschichtige Persönlichkeit tanzen in den Kostümen von Markus Maas die drei Fridas Noemi Emanuela Martone, Filipa Amorim und Sara Peña. Ein unterhaltsames Ballett mit Tiefgang ist das.
Dass nach der Zwangspause die Fortsetzung mit der Wiederholung einer furiosen - der schönsten - Ensembleszene begann, zeigt, wie gut Donlon versteht, dass ihr Publikum unterhalten werden will. Aus dem Parkett tönte begeisterter Szenenapplaus und zum Schluss gab's, wie in Hagen üblich, demonstrativ stehende Ovationen.

Veröffentlicht am 06.10.2019, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2019/2020

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