KRITIKEN 2018/2019



Heidelberg

BITTE ANSCHNALLEN UND DIE FANTASIE FLIEGEN LASSEN

Das ARTORT-Festival des Heidelberger UnterwegsTheaters auf dem Airfield



Wieder einmal setzen Bernhard Fauser und Jai Gonzales unbekannte oder neu zu entdeckende Orte gekonnt in Szene.


Es gibt sie noch, die unentdeckten Orte – selbst in einer touristisch voll erschlossenen Stadt. Der Leiter des Heidelberger UnterwegsTheaters, Bernhard Fauser, ist ein Stadt-Entdecker allerersten Ranges. Unvergessen ist die Tatsache, dass er das Alte Hallenbad aus seinem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf weckte, das Heidelberger Schloss mit völlig neuen Augen sehen lehrte oder einen temporären Grüngürtel inmitten übermächtiger Verkehrsadern entstehen ließ. Zusammen mit seiner Partnerin, Choreografin Jai Gonzales, setzt er seit vielen Jahren während des längst Kult gewordenen ARTORT-Festivals unbekannte oder neu zu entdeckende Orte so in Szene, dass die Gedanken der Zuschauenden das Fliegen lernen. 


In diesem Jahr buchstäblich – denn der Spielort ist das Airfield, der längst geschlossene Heidelberger Militärflugplatz. 2014 an den Bund übergeben, harrt die Fläche auf eine neue Bestimmung. Einstweilen können Festivalbesucher vor Ort selbst Visionen für eine Zukunft dieses überraschend stadtnahen Geländes entwickeln. Das Flughafengelände selbst wartet mit starken Eindrücken auf: viel Beton. Die Landebahn ist über einen Kilometer lang. Umgebende Grasflächen, seit Jahren erstmals gemäht, zeugen von Sandboden und großer Trockenheit. Der Blick zurück nach Heidelberg bietet eine völlig neue, ungewohnte Perspektive.

Um die ungewohnten Perspektiven, die neuen Gedanken Raum geben können, geht es in Tanz und Performance und in den eigens für diesen Ort angelegten Installationen. Wie immer haben Fauser & Gonzales internationale, regionale und lokale KünstlerInnen um Beiträge gebeten. Der Bildhauer Knut Hüneke entlockt dem harten Granit wuchtige, mythische Steinskulpturen – seine tonnenschweren archaischen Figuren hocken auf der Landebahn, als gehörten sie ein für allemal da hin. Dass solche Steinwesen auch tanzen können, dass Eisen singt und der Hammer den Takt gibt – das alles demonstrierte der Künstler in einem Workshop der besonderen Art.

Fliegen ist eigentlich out, wenn man ans Kohlendioxid denkt; aber den Gedanken reichen auch hölzerne Flügel. Der Mannheimer Thomas Kaufmann hat sie an einen SETRA-Bus (Jahrgang 62) montiert und so einen wundersamen „Airbus“ geschaffen. Der Rest ist Gedankenspiel: „Folgen sie den Anweisungen des Flugpersonals“. So hat Jai Gonzales ihre neue witzige Arbeit für fünf TänzerInnen des UnterwegsTheater Ensembles genannt, inspiriert von den durchchoreografierten Bewegungen, mit denen das Kabinenpersonal das Verhalten im Notfall an Bord demonstrieren. Die TänzerInnen begleiteten den zweieinhalbstündigen Spaziergang der BesucherInnen und tauchten immer wieder überraschend auf: zwischen den Antennen auf dem Tower, in den Garagen oder auf dem filigranen Gerüst, das der Mannheimer Ingenieur Hans-Peter Restle dem umgebenden Raum als Orientierungspunkt entgegenstellte („Raumgraphiken 4-6-8“).

Zwei international preisgekrönte Tanz-Duos zeigten, dass Tanzkunst Futter für Auge, Hirn und Lachmuskeln sein kann: Lucio Baglivo und Mariana González Collado (Spanien) demonstrierten aufs Schönste, wie schwer es sein kann, Zweisamkeit zu erarbeiten – vor allem, wenn er ein harmoniebedürftiger Softie und sie eine zackige Flamenco-Königin ist („MyL“). Stefan Sing und Christiana Casadio zeigten in „Tangram“ ebenfalls einen Paar-Wettstreit, mit atemberaubenden Jongleur- und Artistik-Einlagen.

Wer ans Fliegen denkt, kommt nicht am Thema der Ressourcenschonung vorbei. International renommierte KünstlerInnen haben den riesigen versiegelten Flächen überraschende und kluge Statements entgegengestellt. Dem Franzosen Pierre Surtel reichen 1000 mit farbigem Wasser gefüllte Marmeladengläser oder in Metallrahmen gespannte Netze, um einen Sommertag am Meer zu beschwören. Hintersinnig ist die Ansammlung von siebzig in Autoreifen angelegten mit beleuchtetem Plastik bewachsenen Beeten, bei denen auf LED Displays unterschiedliche Namen auftauchen. Sie erinnern an ermordete südamerikanische UmweltaktivistInnen und zeigen gleichzeitig mit dem Finger auf die Verursacher des Klimawandels. Was müsste sich ändern? Das fragen sich auch Mavro Avrabou und Dimitri Xenakis, die Oldtimer als aussterbende Art einer neuen Bestimmung zuführten: In „Greenhouse“ sind sie bis unters Dach mit riesigen Blumen angefüllt. Ihre „Gießkannen“ markieren den Weg bis zu einem spektakulären Gießkannen-Beet, das an die knappe Ressource Wasser erinnert.

Passend zum Ort: Das Airfield ist von allen Versorgungskanälen abgeschnitten; kein Wasser, kein Abwasser, kein Strom. Letzteres machte am Eröffnungsabend dem durchchoreografierten Publikumsspaziergang einen kleinen Strich durch die Rechnung – die temporäre Stromversorgung patzte und Bernhard Fauser musste auf seine Entertainer-Qualitäten zurückgreifen. Pannen hin, Improvisation her – am Ende war doch alles (inklusive zahlreicher Programmpunkte, die hier nur aus Platzgründen unerwähnt bleiben) eindrucksvoll zu sehen.

Veröffentlicht am 12.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2018/2019

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