KRITIKEN 2018/2019



Oldenburg

QUICKLEBENDIG

"Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully in Oldenburg



Der französische Choreograf und Ballettdirektor lässt an seinem Haus ein Stück über die letzten musikalischen Werke von Komponisten tanzen.


  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully; Herick Moreira, Teele Ude, Gianluca Sermattei Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully; Francesco Fasano, Adi Hanan Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl

von Renate Killmann

„Jedes fertige Werk ist eine Anmerkung zu einer früheren Leistung und zu etwas, das kommen wird.“ Was bedeutet dieser Ausspruch Luciano Berios in Bezug auf ein letztes großes Werk im Leben eines Künstlers? Auf diese Spurensuche begibt sich Joachim-Ernst Berendt in seinem Buch „Hinübergehen“, das sich mit dem Zauber des Spätwerks berühmter Komponisten beschäftigt. Warum berühren letzte Werke oft so unmittelbar, werden regelrecht zu Hits, die immer wieder gespielt und choreografiert werden? Diese Werke klingen anders, als die vorherigen. Ist es dieser Verweis auf die Ewigkeit, auf die Transzendenz allen Seins, der die Menschen so berührt und den sie in jedem Ton mitzuhören meinen?

In Antoine Jullys Interpretation der „Kunst der Fuge“ am Oldenburger Theater kommt dieser Aspekt der Unendlichkeit und Transzendenz am ehesten im Bühnenbild zum Ausdruck, das der Choreograf zusammen mit seinem Bühnenbildner Georgias Kollos entwickelte: Ein breites Band - wie ein unendliches Notenpapier - quer über
die Bühne gespannt und an der Seite davon fließend - symbolisiert den ewigen Fluss der Musik. Wie von magischer Hand geschrieben fließt die 4. Zeile des imaginären Notenpapiers während der 1. Fuge langsam, in blauer Farbe über das Blatt. Später folgen weitere Projektionen in schwarzer Tinte oder in kaleidoskopartig verlaufenden Farben immer weiter sich fortbewegend. Diese fließenden Farben tauchen später auch
bei den Ganztrikots der TänzerInnen wieder auf und bilden so eine schöne optische Einheit mit der Bühne.

Doch zum Tanz: der Choreograf Antoine Jully verzichtet vollkommen auf das nähere Eingehen auf den Notentext, versucht nicht, die Struktur der Musik, die aufeinanderfolgenden Themen, die sich in den Fugen „jagenden“
Stimmen choreografisch sichtbar zu machen. Vielmehr deutet er die Musik atmosphärisch, lässt sich von den wechselnden Klangfarben der Instrumente inspirieren und „jagt“ statt dessen die TänzerInnen in schneller Folge mit Soli, Duetten und Gruppenformationen über die Bühne. Das alles sehr gekonnt: eine quicklebendige
Interpretation, die so gar nichts von Weltabschied hat, sondern im Gegenteil ganz im Hier und Jetzt sich immer weiter fort bewegt. Jullys freie Musikalität findet Ausdruck in kleinen Schüttel- oder Trippelbewegungen, die manchmal überdreht und witzig daherkommen, immer aber mit der Leichtigkeit eines Choreografen, der sich die Freiheit nimmt, mit dieser bis ins Kleinste durchstrukturierten Musik einfach
spielerisch umzugehen!

Dabei wird er unterstützt von einer sehr interessanten und sicher noch nie so dagewesenen Konzeption der Musik: in einer musikalischen Adaption für viele verschiedene Instrumente und ja, auch für Stimme (!) des Sängers und Tontechnikers - Tonkünstlers müsste man sagen - Gunnar Brandt-Sigurdsson. Er präsentiert J.S. Bachs Fugen im Wechsel von Cembalo, Orgel, Streichquartett, Streichorchester und eben auch mit Stimme, deren Arrangement er selbst vorgenommen hat. Die 1./5./9. Fuge und einen Kanon hat er selbst und zwar jede Stimme zunächst einzeln aufgenommen und dann alle zusammen gemischt. Erinnernd an den Scat-Gesang von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong verblüfft diese Musik mit einer fast jazzigen Heiterkeit, die von
Antoine Jully kongenial und humorvoll umgesetzt wird.

Sehr schön hier das Duett von Nicol Omezzolli und Lester René Gonzales Alvarez. Beeindruckend auch die beiden Tänzerinnen Laura Cristea und Caetana Silva Dias, die von dem gewaltigen Orgelklang fast erdrückt werden oder Teele Ude, die in mehreren Duetten mit ihrer fantastischen Tanztechnik beeindruckt. Eine Kompanie, die diesmal sehr in ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten zum Ausdruck kommen darf.

Schreiben für die Ewigkeit, tanzen im Hier und Jetzt - ein origineller Tanzabend mit hohem Anspruch und mit stürmischem Applaus bedacht!

Veröffentlicht am 19.06.2019, von Gastbeitrag in Kritiken 2018/2019

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