HOMEPAGE



Oldenburg

QUICKLEBENDIG

"Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully in Oldenburg



Der französische Choreograf und Ballettdirektor lässt an seinem Haus ein Stück über die letzten musikalischen Werke von Komponisten tanzen.


  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully; Herick Moreira, Teele Ude, Gianluca Sermattei Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully; Francesco Fasano, Adi Hanan Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl
  • "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully Foto © Stephan Walzl

von Renate Killmann

„Jedes fertige Werk ist eine Anmerkung zu einer früheren Leistung und zu etwas, das kommen wird.“ Was bedeutet dieser Ausspruch Luciano Berios in Bezug auf ein letztes großes Werk im Leben eines Künstlers? Auf diese Spurensuche begibt sich Joachim-Ernst Berendt in seinem Buch „Hinübergehen“, das sich mit dem Zauber des Spätwerks berühmter Komponisten beschäftigt. Warum berühren letzte Werke oft so unmittelbar, werden regelrecht zu Hits, die immer wieder gespielt und choreografiert werden? Diese Werke klingen anders, als die vorherigen. Ist es dieser Verweis auf die Ewigkeit, auf die Transzendenz allen Seins, der die Menschen so berührt und den sie in jedem Ton mitzuhören meinen?

In Antoine Jullys Interpretation der „Kunst der Fuge“ am Oldenburger Theater kommt dieser Aspekt der Unendlichkeit und Transzendenz am ehesten im Bühnenbild zum Ausdruck, das der Choreograf zusammen mit seinem Bühnenbildner Georgias Kollos entwickelte: Ein breites Band - wie ein unendliches Notenpapier - quer über
die Bühne gespannt und an der Seite davon fließend - symbolisiert den ewigen Fluss der Musik. Wie von magischer Hand geschrieben fließt die 4. Zeile des imaginären Notenpapiers während der 1. Fuge langsam, in blauer Farbe über das Blatt. Später folgen weitere Projektionen in schwarzer Tinte oder in kaleidoskopartig verlaufenden Farben immer weiter sich fortbewegend. Diese fließenden Farben tauchen später auch
bei den Ganztrikots der TänzerInnen wieder auf und bilden so eine schöne optische Einheit mit der Bühne.

Doch zum Tanz: der Choreograf Antoine Jully verzichtet vollkommen auf das nähere Eingehen auf den Notentext, versucht nicht, die Struktur der Musik, die aufeinanderfolgenden Themen, die sich in den Fugen „jagenden“
Stimmen choreografisch sichtbar zu machen. Vielmehr deutet er die Musik atmosphärisch, lässt sich von den wechselnden Klangfarben der Instrumente inspirieren und „jagt“ statt dessen die TänzerInnen in schneller Folge mit Soli, Duetten und Gruppenformationen über die Bühne. Das alles sehr gekonnt: eine quicklebendige
Interpretation, die so gar nichts von Weltabschied hat, sondern im Gegenteil ganz im Hier und Jetzt sich immer weiter fort bewegt. Jullys freie Musikalität findet Ausdruck in kleinen Schüttel- oder Trippelbewegungen, die manchmal überdreht und witzig daherkommen, immer aber mit der Leichtigkeit eines Choreografen, der sich die Freiheit nimmt, mit dieser bis ins Kleinste durchstrukturierten Musik einfach
spielerisch umzugehen!

Dabei wird er unterstützt von einer sehr interessanten und sicher noch nie so dagewesenen Konzeption der Musik: in einer musikalischen Adaption für viele verschiedene Instrumente und ja, auch für Stimme (!) des Sängers und Tontechnikers - Tonkünstlers müsste man sagen - Gunnar Brandt-Sigurdsson. Er präsentiert J.S. Bachs Fugen im Wechsel von Cembalo, Orgel, Streichquartett, Streichorchester und eben auch mit Stimme, deren Arrangement er selbst vorgenommen hat. Die 1./5./9. Fuge und einen Kanon hat er selbst und zwar jede Stimme zunächst einzeln aufgenommen und dann alle zusammen gemischt. Erinnernd an den Scat-Gesang von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong verblüfft diese Musik mit einer fast jazzigen Heiterkeit, die von
Antoine Jully kongenial und humorvoll umgesetzt wird.

Sehr schön hier das Duett von Nicol Omezzolli und Lester René Gonzales Alvarez. Beeindruckend auch die beiden Tänzerinnen Laura Cristea und Caetana Silva Dias, die von dem gewaltigen Orgelklang fast erdrückt werden oder Teele Ude, die in mehreren Duetten mit ihrer fantastischen Tanztechnik beeindruckt. Eine Kompanie, die diesmal sehr in ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten zum Ausdruck kommen darf.

Schreiben für die Ewigkeit, tanzen im Hier und Jetzt - ein origineller Tanzabend mit hohem Anspruch und mit stürmischem Applaus bedacht!

Veröffentlicht am 19.06.2019, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1343 mal angesehen.



Kommentare zu "Quicklebendig"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    QUANTUM LEAP (UA)/ PIERROT LUNAIRE (UA)/ AN DEN UFERN DES SEES (UA)

    Choreografien von Lester René, Hae-Kyung Lee, Antoine Jully

    Die drei Stücke feiern am 12. Oktober im Großen Haus des Oldenburger Staatstheaters Premiere.

    Veröffentlicht am 11.10.2019, von Pressetext


    FLUSS UND RHYTHMUS DES LEBENS

    Uraufführung im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters

    Mit den Luca Veggettis „Am Ende unser Schatten“ und Antoine Jullys Interpretation von „Le Sacre du Printemps“ gibt es in Oldenburg erneut einen lohnenswerten Tanztheaterabend, dessen Stücke in ihrer Unterschiedlichkeit gut harmonieren.

    Veröffentlicht am 16.04.2019, von Martina Burandt


    SEHR FRANZÖSISCHES MINGLE-MANGLE

    „Le Paladins“, Comédie-ballet von Jean Philippe Rameau im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters

    Die selten gespielte Comédie-ballet verbindet auf vielschichtige Weise Oper und Tanz und zeigt sich als große Herausforderung für das Oldenburgische Staatstheater.

    Veröffentlicht am 20.02.2019, von Martina Burandt


    ANTOINE JULLY VERLÄNGERT SEINEN VERTRAG AM OLDENBURGISCHEN STAATSTHEATER

    Drei weitere Spielzeiten wird Jully die BallettCompagnie leiten

    Antoine Jully, Ballettdirektor und Chefchoreograf der BallettCompagnie Oldenburg, verlängert seinen Vertrag am Oldenburgischen Staatstheater bis 2022.

    Veröffentlicht am 25.04.2018, von Pressetext


    KARNEVAL, LEBEN UND TOD

    Premiere im Oldenburgischen Staatstheater: BallettCompagnie Oldenburg zeigt „Schläpfer/Jully(UA)/Blaska“

    Martin Schläpfer, Félix Blaska und Antoine Jully verschaffen dem Oldenburger Publikum Abwechslung mit einem wandlungsfähigen Ballett-Ensemble sowie einen kleinen Einblick in Ballettgeschichte.

    Veröffentlicht am 31.01.2018, von Martina Burandt


    OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

    „Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

    Mit Choreografien von Lester René González Álvarez, Tanzdirektor Antoine Jully und Altmeister Alwin Nikolais entsteht ein abwechslungsreicher Tanztheaterabend.

    Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt


    ZU SIMPEL

    „City Moves“ von Antoine Jully

    Der Spagat zwischen ‚dance now’ und zeitgenössischem Ballett bleibt in diesem neuen Tanzstück eine Petitesse.

    Veröffentlicht am 11.06.2016, von Marieluise Jeitschko


    KIDS UND YUPPIES VERTANZT GESTERN UND HEUTE

    Spannender Kontrast zwischen Bill T. Jones’ „D-Man in the Waters“ und Antoine Jullys „Generation Y“

    Aus der Vogelperspektive vom 2. Rang aus betrachtet, sind die Raummuster ein Augenschmaus ganz besonderer Art für Tanzliebhaber.

    Veröffentlicht am 11.03.2016, von Marieluise Jeitschko


    TECHNIK IST (FAST) ALLES

    Antoine Jully, Lar Lubovitch und Ashley Page

    Hinter der spielerisch verspielten Oberfläche verstecken sich vertrackte moderne Tanztechniken und das Postulat perfekter Präzision.

    Veröffentlicht am 16.11.2015, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE NEWS


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    AUSGEZEICHNET

    Verleihung des Theaterpreises DER FAUST am Staatstheater Kassel
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ACHTUNGSZEICHEN

    LOFFT und Villa Leipzig schaffen einmalige Strukturen
    Veröffentlicht am 29.10.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    UNDERGROUND VII UND VIII

    Performances, Ausstellungen und Installationen von und mit Tänzer*innen des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch und Gästen

    Gleich zwei Neuauflagen der Reihe Underground mit neuen Produktionen von Choreograph*innen aus dem Ensemble verwirklicht das Tanztheater Wuppertal in den Monaten Oktober und November 2019 im Skulpturenpark Waldfrieden und im Schauspielhaus Wuppertal.

    Veröffentlicht am 25.09.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VIELE ÜBERRASCHUNGEN

    "Dornröschen" von Ben Van Cauwenbergh in Essen

    Veröffentlicht am 10.11.2019, von Gastbeitrag


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DREI NEUE SOLISTEN AN DER PARISER OPER

    Der jährliche interne Wettbewerb des Corps de ballet im Palais Garnier

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von Julia Bührle


    AUSGEZEICHNET

    Verleihung des Theaterpreises DER FAUST am Staatstheater Kassel

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    POLITISCHE KÖRPER

    „The Furious Rodrigo Batista“ und „Piki Piki” in München

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von Peter Sampel



    BEI UNS IM SHOP