HOMEPAGE



Heidelberg

KONZENTRATION AUF PURE BEWEGUNG

Getanzte Bauhaus-Ideen: „Reconstruction“ von Jai Gonzales in der Hebelhalle Heidelberg



Ganz auf die Form konzentriert sich die Heidelberger Choreografin und lotet aus, ob ein Tanz ganz ohne Emotion möglich ist.


  • „Reconstruction“ von Jai Gonzales; Stavros Apostolatos, Florian Bücking, Luis Sayago, Hsin-i Hang & Sada Mamedova Foto © Günter Krämmer
  • „Reconstruction“ von Jai Gonzales; Hsin-i Hang & Sada Mamedova Foto © Günter Krämmer
  • „Reconstruction“ von Jai Gonzales; Sada Mamedova Foto © Günter Krämmer
  • „Reconstruction“ von Jai Gonzales; „Reconstruction“ von Jai Gonzales; Stavros Apostolatos, Florian Bücking, Luis Sayago, Hsin-i Hang & Sada Mamedova Foto © Günter Krämmer
  • „Reconstruction“ von Jai Gonzales; Sada Mamedova Foto © Günter Krämmer

Gibt es so etwas wie ‚Form pur‘ im Tanz? In ihrer jüngsten Arbeit „Reconstruction“ erweist die Heidelberger Choreografin Jai Gonzales dem aktuellen Bauhaus-Jubiläum ihre Reverenz: Sie stellt sich der Frage, ob der radikale Verzicht auf jedes ‚Ornament‘, also auf jede Verzierung ohne funktionalen Wert, auf der Bühne möglich ist. Gibt es so etwas wie Tanz pur, nicht mehr und nicht weniger als die Auslotung des Bühnenraums durch menschliche Bewegung? Ein hoher Anspruch an ihre fünf TänzerInnen – allesamt aus der Erfahrung früherer Zusammenarbeit bestens aufeinander eingespielt. Stavros Apostolatos, Florian Bücking, Hsin I Huang, Sada Mamedova und Luis Sayago kommen aus fünf Ländern auf drei Kontinenten. Können sie die Unterschiede von Herkunft, tänzerischer Ausbildung und individueller Geschichte so weit abstreifen, dass nur noch die Form der Bewegung übrig bleibt?

Jai Gonzales geht ihre Versuchsanordnung konsequent in schlichtem Schwarz-Weiß an. Ein schräg eingepasstes weißes Rechteck auf der Bühne, eine weiße Rückwand bieten augenfällige Kontraste im vorherrschenden Schwarz. Die TänzerInnen wirken vor diesem Hintergrund anfangs wie Scherenschnitte, die Bewegungen stoßen überraschende Assoziationen an geometrische Formen an. Farbe, gemalt vom Bühnenlicht, kommt erst in den letzten Minuten des Stücks ins Spiel. Gonzales versteht es, aus den höchst unterschiedlichen Körpern ihrer TänzerInnen Kapital zu schlagen: Die zierliche Hsin i Huang schafft es lässig, ins Innere einer Beleuchtungs-Traverse zu klettern. Dieselbe Traverse trägt der Hüne Stavros Apostolatos quer auf seinen Schultern, der Körper ein überdimensionales Kreuz.

Riesig ist der Bühnenraum und scheint manchmal doch nicht groß genug zu sein – mit so viel Energie schreiben die TänzerInnen Linien in den Raum, die nicht am Ende des Tanzteppichs halt machen. Als Anspielung auf den Bauhaus-Erfindergeist mischt eine ganz auf die Form reduzierte Apparatur mit, ein überdimensionales Stativ, das eine runde Metallstange trägt – die aufs Wesentliche reduzierte Grundfigur der menschlichen Gestalt. Auch die Musikauswahl trägt dem puristischen Ansatz Rechnung: Rhythmisch pulsierende Töne gliedern die Zeit nüchtern und doch beharrlich wie ein Herzschlag. Um so intensiver wirken kurze Melodien: Auch in der Abwesenheit aller narrativen Elemente entsteht so ein Resonanzraum für Emotionen. Und das ist gut so: In den radikalen Bauhaus-Theorien kommt der Einzelne nicht vor – auf der Bühne schon.

Veröffentlicht am 22.02.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1686 mal angesehen.



Kommentare zu "Konzentration auf pure Bewegung"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    GEWONNEN UND VERLOREN

    Ralf Stabel kehrt nicht an die Staatliche Ballettschule zurück
    Veröffentlicht am 03.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    XENIA WIEST KOMMT NACH SCHWERIN

    Das Mecklenburgische Staatstheater bekommt mit Xenia Wiest eine neue Ballettdirektorin
    Veröffentlicht am 01.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    MONIKA GRÜTTERS STÄRKT DEN TANZ

    Neue Hilfsprogramme für die besonders gefährdete Kunstform
    Veröffentlicht am 30.07.2020, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DIS-TANZ

    Der Tanzabend von Hans Henning Paar feiert am 12. September 2020 im Großen Haus des Theaters Münster Premiere.

    Musik von J.S.Bach, Scanner, Nils Frahm u.a.

    Veröffentlicht am 04.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DIE TANZNETZ.DE LINKLISTEN

    Fast alles, was Sie zu den Themenbereichen Tanz suchen, finden Sie bei uns in den Linklisten

    Veröffentlicht am 15.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    POSTKARTENERZÄHLUNG

    Alexander „Kelox“ Miller mit „Layover“ im Festspielhaus Hellerau

    Veröffentlicht am 15.09.2020, von Rico Stehfest


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    STEPHAN HERWIG :: IN FELDERN

    Das neue Tanzstück von Stephan Herwig feiert am Donnerstag, 29. Oktober 2020, in München Premiere.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige


    GEWONNEN UND VERLOREN

    Ralf Stabel kehrt nicht an die Staatliche Ballettschule zurück

    Veröffentlicht am 03.09.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP