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Hamburg

SCHLÜSSIGES VERSCHMELZEN

John Neumeier inszeniert „Orphée et Eurydice“ jetzt auch an der Hamburgischen Staatsoper



Er ist ein unsterbliches Thema, der Mythos von der Liebe, die stärker ist als der Tod. John Neumeier macht daraus eine schlüssige Symbiose aus Oper und Ballett.


  • „Orphée et Eurydice“ von John Neumeier; Andriana Chuchman & Dmitri Korchak Foto © Kiran West
  • „Orphée et Eurydice“ von John Neumeier; Dmitri Korchak Foto © Kiran West
  • „Orphée et Eurydice“ von John Neumeier; Anna Laudere & Edvin Revazov Foto © Kiran West
  • „Orphée et Eurydice“ von John Neumeier; Corps de Ballet Foto © Kiran West
  • „Orphée et Eurydice“ von John Neumeier; Dmitri Korchak & Marie-Sophie Pollak Foto © Kiran West
  • „Orphée et Eurydice“ von John Neumeier; David Rodriguez Foto © Kiran West
  • „Orphée et Eurydice“ von John Neumeier; Andriana Chuchman & Dmitri Korchak Foto © Kiran West

Nach ersten Versionen in Frankfurt und 1978 in Hamburg hat sich Hamburgs Ballett-Intendant John Neumeier nun erneut der Oper von Christoph Willibald Gluck „Orphée et Eurydice“ angenommen, ganz abgesehen von seinem eigenen Ballett „Orpheus“, das 2009 entstand, aber nicht auf Glucks Musik zurückgreift, sondern Strawinsky und Barock-Musik für Violine solo sowie elektronische Arrangements verwendet. Die nunmehr dritte Beschäftigung mit Glucks Oper erfolgte als Koproduktion zwischen der Lyric Opera Chicago, der Los Angeles Opera und der Hamburgischen Staatsoper. Allerdings unterscheidet sich die Hamburger Fassung bereits wieder ein stückweit von der ersten in Chicago und enthält viele Änderungen im Vergleich zur Urfassung. Die Produktion insgesamt widmet er der amerikanischen Tänzerin und Choreografin Sybil Shearer (1912-2005), „deren kreative Künstlerpersönlichkeit für ihn eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration war“, wie es im Programmheft heißt.

Anders als im Ballett, wo aus dem Sänger Orpheus ein Musiker wurde, ist Orphée hier ein Choreograf, der gerade dabei ist, ein neues Ballett zu kreieren, inspiriert durch das Bild „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin. Eurydice, seine Frau, soll die Hauptrolle tanzen, gerät während einer Probe jedoch mit ihm in Streit. Wütend stürmt sie aus dem Studio und stirbt – genau wie in der Ballettversion – bei einem Autounfall. Der Rest ist bekannt: Die Götter gestatten dem Trauernden, die Geliebte aus dem Reich des Hades zurückzuholen, wenn er die Bedingung erfüllt, sich nicht nach ihr umzudrehen. Anders als im ursprünglichen Mythos, wo Eurydike schweigt und Orpheus darüber an ihrer Liebe zu zweifeln beginnt, gibt es bei Gluck einen Dialog zwischen den beiden und es ist Eurydice, die die Aufrichtigkeit und Liebe des Gatten in Frage stellt, bis dieser das nicht mehr aushält und sich umdreht, um ihr seine Liebe zu beweisen – und Eurydice ein zweites Mal und jetzt endgültig stirbt. Aber eine Barockoper wäre nunmal keine, wenn sie nicht gut ausginge – und so siegt bei Gluck die Liebe, und Eurydice kehrt doch zurück. Neumeier ist jedoch klug genug, daraus kein kitschiges Happy-End zu machen – Eurydice lebt bei ihm nicht physisch weiter, sondern in dem, was Orphée gestaltet: in seiner Kunst. Sie geht in seinen kreativen Schöpfungen auf und wird dadurch unsterblich.

Die besondere Stärke von Neumeiers Inszenierung liegt in der schlüssigen Verschmelzung von Oper und Ballett. Orphée und Eurydice, die von dem russischen Tenor Dmitri Korchak und der Mezzosopranistin Andriana Chuchmann gesungen werden, die schon in Chicago für die Uraufführung besetzt waren, stellt Neumeier ein Tänzerpaar zur Seite (Anna Laudere und Edvin Revazov), so dass der Gesang sich immer wieder im Tanz spiegelt. Gerade in den Pas de Deux findet er eine ebenso zarte wie kraftvolle Bewegungssprache, die kongenial ausdrückt, was die Musik erzählt. Leider tanzen die beiden Ersten Solisten des Hamburg Ballett zwar technisch exakt, aber so ausdrucksarm nebeneinander her, dass man ihnen das liebende Paar kaum abnimmt. Auch Dmitri Korchak fehlte es ein wenig an Schmelz und Charme, und man sehnte sich nicht nur einmal nach der Wärme einer Altstimme. Dafür hauchte Andriana Chuchmann ihrer Eurydice viel Seele ein, und der Amor von Marie-Sophie Pollak verströmte glockenhelle Sopranreinheit.

Mit am stärksten in der ganzen Inszenierung sind die Ensembles – sowohl choreografisch wie optisch. Großartig die drei in schwarzgrau schillernde Kostüme verhüllten „Höllenhunde“ (Aleix Martinez, Ricardo Urbina und David Rodriguez) oder auch das Corps de Ballet als in schwarze Ganzkörpertrikots gehüllte Schattenwesen, die sich wie Scherenschnitte vor dem Hintergrund abzeichnen. Genial auch die Lichtregie, für die Neumeier ebenso verantwortlich zeichnet wie für die schlichten, weich fließenden Kostüme und das wunderbar zurückgenommene Bühnenbild, bei dem auch die Handschrift von Heinrich Tröger, der daran mitgearbeitet hat, erkennbar ist. Alessandro De Marchi dirigierte das Philharmonische Staatsorchester und den Chor der Staatsoper Hamburg wie gewohnt mit sicherer Hand.

Veröffentlicht am 21.02.2019, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

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