HOMEPAGE



Lüneburg

VOM FLIEHEN UND VERTRIEBENWERDEN

„StadtRaumKlang“ am Theater Lüneburg



Es war gewagt – und ein Gewinn auf ganzer Linie: Für das Projekt erarbeitete Ballettdirektor Olaf Schmidt eine bemerkenswerte Version von Strawinskys „Sacre du Printemps“ mit seinem Ensemble und acht freiwillig auftanzenden LüneburgerInnen.


  • "StadtRaumKlang" am Theater Lüneburg: Olaf Schmidt zeigt eine Version des "Sacre" Foto © Theater Lüneburg
  • "StadtRaumKlang" am Theater Lüneburg: Olaf Schmidt zeigt eine Version des "Sacre" Foto © Theater Lüneburg
  • "StadtRaumKlang" am Theater Lüneburg: Olaf Schmidt zeigt eine Version des "Sacre" Foto © Theater Lüneburg
  • "StadtRaumKlang" am Theater Lüneburg: Olaf Schmidt zeigt eine Version des "Sacre" Foto © Theater Lüneburg
  • "StadtRaumKlang" am Theater Lüneburg: Lüneburger Symphoniker unter der Leitung von Thomas Dorsch Foto © Philipp Schulze

Es war gewagt – und ein Gewinn auf ganzer Linie: Im Rahmen des Projekts „StadtRaumKlang“ zeigte Olaf Schmidt mit dem Lüneburger Ballettensemble und acht freiwillig auftanzenden LüneburgerInnen eine ebenso eigenwillige wie zeitgemäße Interpretation von Strawinskys „Sacre du Printemps“. Ein weiteres Beispiel für die exzellente Arbeit, mit der er seit fünf Jahren die kulturelle Szene der kleinen Hansestadt in der Nordheide bereichert.

Aber der Reihe nach. Den Hauptanteil des Abends unter dem Motto „EastWest DanceMelody“ bestritten nämlich die Lüneburger Symphoniker, die zu diesem zweiten Konzert in der Reihe „StadtRaumKlang“ eigens syrische MusikerInnen mit hinzugebeten hatten. Gemeinsam spielten sie unter Thomas Dorsch, dem kreativen Tausendsassa unter den Generalmusikdirektoren, Ravels „Bolero“ sowie zwei Uraufführungen zeitgenössischer KomponistInnen aus dem arabischen Raum: „Gates of Aleppo“ von Jehad Jazbeh und „Souvenir du Soleil“ von Suad Bushnaq. Jazbeh, der in seiner Heimat Syrien einer der führenden Violinisten war, flüchtete 2013 vor dem Bürgerkrieg in die Türkei und später nach Berlin. Heute lebt die Familie in Bremen. 2015 gründete sein Bruder Raed Jazbeh das „Syrian Expat Philharmonic Orchestra“ aus syrischen Musikern, die in Europa leben. Jehad Jazbeh ist Konzertmeister des Ensembles und ebenso Leiter des „Damascus String Quartet“. Sein jüngstes Werk „Gates to Aleppo“ steht für die heute noch fünf existierenden Stadttore Aleppos (früher waren es 15) und wurde speziell für den Abend von „StadtRaumKlang“ komponiert.

Das gilt auch für „Souvenir du Soleil“ der 36-jährigen Film- und Konzertkomponistin Souad Bushnaq. In Jordanien als Tochter einer syrischen Mutter und eines palästinensisch-bosnischen Vaters geboren, begann sie bereits mit neun Jahren zu komponieren und erhielt ihre professionelle Ausbildung in Damaskus und an der McGill University in Kanada. Ihre Musik versteht sie, die heute in Toronto lebt und wirkt, als friedliche Brücke zwischen den Kulturen, besonders zwischen dem vorderen Orient und dem Westen. Leider scheiterte ihre Anwesenheit bei der Uraufführung von „Souvenir du Soleil“ an den komplizierten Ein- und Ausreisebestimmungen Kanadas – Souad Bushnaq wurde die Ausreise am Flughafen verweigert. Schade, sie hätte an der einfühlsamen Interpretation der Lüneburger Symphoniker ihre Freude gehabt.

Eindeutiger Höhepunkt des Abends jedoch war dann nach der Pause die Aufführung des „Sacre“. Er habe „einen Heidenrespekt vor diesem Meisterwerk der Tanzgeschichte“, sagte Olaf Schmidt in seiner kurzen Einführung und betonte, es handele sich nicht um eine Choreografie im eigentlichen Sinne. Er habe das Stück an sechs Wochenenden mit seiner Kompanie und neun Freiwilligen aus der Lüneburger Bevölkerung (einer verletzte sich dann im Lauf der Proben leider am Fuß und konnte nicht mittanzen) einstudiert. Herausgekommen sei ein Tanzstück über das Thema Flucht und Vertreibung zur Musik des „Sacre“. Und was für ein Tanzstück! Olaf Schmidt ist ein Meister darin, aus wenig viel zu zu machen: Raffiniert auf die Gegebenheiten im Libeskind-Auditorium der Leuphana-Universität abgestimmt seine Lichtregie. In Ermangelung von seitlichen Scheinwerfern, ganz zu schweigen von Lichtquellen von oben, markierte Schmidt das Tanzteppich-Quarree mit kleinen, ferngesteuerten LED-Bodenscheinwerfern. So zeichneten sich die Schattenrisse der Tanzenden auf drei Wänden zugleich ab (hinten, rechts und links) – genial!

Es ist mucksmäuschenstill im Saal, als die Musik einsetzt und die 15 TänzerInnen das Areal betreten. Und dann beginnt zu den wuchtigen Klängen des „Sacre“ ein Fliehen und Verfolgen, ein Hin und Her, ein Rennen und Fallen, ein Stürzen und Getragenwerden, ein Vereinzeln und Zusammenkommen, ein Zurückweichen und Voranschreiten, ein Innehalten und Weitermachen. Grenzüberschreitend bis in das Publikum hinein dringen die Fliehenden und Vertriebenen, um dann wieder zurückzukehren zu ihrer Gemeinschaft. Kaum lassen sich Laien und Profis unterscheiden, so eng sind sie miteinander verwoben. Nur gegen Ende, wenn alle Mitwirkenden mit verschränkten Armen im Kreis stehen, lösen sich einzelne und einmal auch ein Paar zu Soli – und die sind dann doch erkennbar professionell. Bis sich alle zu einem kompakten Haufen zusammenballen, um mit dem letzten Akkord eine Einzelne auszustoßen. Ein furioser Schluss! Standing Ovations beim restlos begeisterten Publikum.

Bleibt zu hoffen, dass es bei diesen beiden Aufführungen im Rahmen von „StadtRaumKlang“ nicht bleibt.

Veröffentlicht am 27.11.2018, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 427 mal angesehen.



Kommentare zu "Vom Fliehen und Vertriebenwerden"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

    Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg

    Ein spannendes und sensibel ausgelotetes Seelen-Portrait des großen Komponisten und ein Stück, dem eine ganz große Bühne gebührt.

    Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp


    „MEIN BLICK IST KLARER GEWORDEN“

    Olaf Schmidt, Ballettdirektor am Theater Lüneburg, im Gespräch mit Annette Bopp

    Nachdem er in Kaiserslautern, Karlsruhe und Regensburg die Ballettsparten leitete, ist Olaf Schmid nun in Lüneburg angekommen und spricht über seine Erfahrungen und Pläne.

    Veröffentlicht am 12.01.2016, von Annette Bopp


    HERZERWÄRMEND UND BERÜHREND

    Einmalig: „Tanzabend vor dem Eisernen Vorhang – Olaf Schmidt hautnah“

    Der Lüneburger Ballettdirektor wollte damit an eine Tradition aus den 1920er Jahren anknüpfen, in denen Solo-Abende gang und gäbe waren. Eine schöne Tradition – wie geschaffen gerade für die kleineren Bühnen, zu denen jenes Theater gehört.

    Veröffentlicht am 16.02.2015, von Annette Bopp


    GROSSER WURF AUF KLEINER BÜHNE

    Olaf Schmidt choreografiert in Lüneburg „Kaspar Hauser“

    Er findet dafür eine Bewegungssprache, die traditionelle Gestik mit völlig neuen Elementen vermischt – das wird nie langweilig, und es trifft immer das Wesentliche.

    Veröffentlicht am 25.01.2014, von Annette Bopp


     

    LEUTE AKTUELL


    ALLES GUTE ZUM 75. GEBURTSTAG, GÜNTER!

    tanznetz.de gratuliert Günter Pick herzlich zum Geburtstag am 4. November
    Veröffentlicht am 03.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    "SÜCHTIG NACH SEINEN BALLETTEN"

    Ein Gespräch mit Patricia Neary über die Einstudierung von "Jewels" in München
    Veröffentlicht am 23.10.2018, von Miriam Althammer


    VERTRAUENSVOLLE ZUSAMMENARBEIT

    International Greater Bay Dance and Music Festival in Südchina
    Veröffentlicht am 15.10.2018, von Dagmar Klein



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    WIE WÜRDEN SIE INSTINKTIV HANDELN?

    INSTINCT – Eine installative Performance der Body-Art Künstlerin Marie Golüke

    Premiere am 15.11.2018

    Veröffentlicht am 02.11.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    STUMPFER GLANZ

    Auftakt der Saison 2018/2019 am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.10.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    VORÜBERGEHENDE NACHFOLGE VON ADOLPHE BINDER STEHT FEST

    Bettina Wagner-Bergelt und Roger Christmann kommen nach Wuppertal

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    WARUM JEDER MENSCH TANZEN SOLLTE

    "Tanzen ist die beste Medizin" von Julia F. Christensen und Dong-Seon Chang

    Veröffentlicht am 05.12.2018, von Annette Bopp


    AUFTRITT DER STARGÄSTE

    Die BallettFestwoche in München glänzt weiter

    Veröffentlicht am 21.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



    BEI UNS IM SHOP