HOMEPAGE



Mannheim

NUR DIE LIEBE KANN ERLÖSEN

Stephan Thoss zeigt in Mannheim seine Erfolgschoreografie "Blaubarts Geheimnis"



Im 2011 in Wiesbaden kreierten Erfolgsstück "Blaubarts Geheimnis" erforscht Stephan Thoss, aktuell Ballettchef am Nationaltheater Mannheim, die innersten und tiefsten Geheimnisse, die ein Mensch haben kann.


  • "Blaubarts Geheimnis" von Stephan Thoss; Jamal Callender, Emma Kate Tilson Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Blaubarts Geheimnis" von Stephan Thoss; Jamal Callender, Emma Kate Tilson Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Blaubarts Geheimnis" von Stephan Thoss; Jamal Callender, Emma Kate Tilson Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Blaubarts Geheimnis" von Stephan Thoss; Andrew Wright Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Blaubarts Geheimnis" von Stephan Thoss; Silvia Cassata, Rubén Julliard Foto © Hans-Jörg Michel

Der Nationaltheater-Ballettchef Stephan Thoss ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. In seinen Choreografien wühlt er sich geradezu in die Seelen der Beteiligten, als wollte er das Innerste nach außen kehren. Und für all die heftigen Gefühle, die es zu entdecken gilt, choreografiert Thoss genauso intensive Bewegungen: mit weit ausgreifenden Gliedmaßen und enormen Sprüngen „himmelhoch jauchzend“; schmerzhaft zusammengekauert oder förmlich zerrissen und „zu Tode betrübt“. Geschult in bester Ausdruckstanz-Tradition hat sich Thoss ein Bewegungsvokabular erarbeitet, das sich stilistischer Festschreibung kreativ entzieht, aber für die Zuschauenden unmittelbar verständlich ist. Das kommt an – beim Publikum und bei TanzintendantInnen jeder Couleur. Welcher Choreograf sonst hat schon erfolgreich für so gegensätzliche künstlerische Ausrichtungen wie Johann Kresnik, die Wiener Staatsoper und das Nederlands Dans Theater choreografiert? Crossover der Stile, Crossover der künstlerischen Genres: Thoss kreiert meist auch Bühne, Kostüme, und Licht selbst; feinstfühliger Umgang mit Musik versteht sich dazu beinahe von selbst.

In seinem 2011 in Wiesbaden kreierten Erfolgsstück „Blaubarts Geheimnis“ ist Thoss auf der Spur der innersten, tiefsten Geheimnisse, die ein Mensch haben kann. Dieser Blaubart verbirgt aber nicht wie in der Märchenvorlage gemordete Jungfrauen in seiner Burg, sondern er hat im übertragenen Sinn „Leichen im Keller“. Der Frauenheld und vielfache Liebhaber verbirgt im Innersten die Unfähigkeit, zu lieben.

Für die Mannheimer Neuinszenierung von „Blaubarts Geheimnis“ hat Thoss die Titelrolle mit Jamal Callender genial besetzt: einem dunkelhäutigen Ausnahmetänzer, der geschmeidige Eleganz und physische Attraktion ebenso mitbringt wie intensive Ausdrucksfähigkeit. Er verliebt sich – davon erzählt der Eingangsteil „Präludien“ (Musik von Henyk Gorécki) – in Judith (Emma Kate Tilson). Seine neue Liebe ist einerseits so blond, weich und mädchenhaft, wie das Klischee es will, und doch ist sie alles andere als ein kleines Mädchen. Nicht nur, weil sie die größte Tänzerin im vorzüglichen 17-köpfigen Mannheimer Ensemble ist; Augenhöhe ist hier nicht nur im physischen Sinn gedacht. Denn es ist Judith, die Blaubart ermutigt, sich seiner Vergangenheit zu stellen, und die den Mut mitbringt, Mitwisserin unwürdiger Geheimnisse zu werden.

Der erste Teil des Stücks, „Präludien“ spielt in einem abstrakten Raum, der perspektivisch aus den Fugen geraten ist; im titelgebenden zweiten Teil formen mobile Wände und Türen das klaustrophobische Innere einer Burg. Eingangs sitzen die beiden Liebenden an den Kopfenden einer viel zu langen Tafel, die ihnen Kommunikation unmöglich macht. Dazwischen agiert in merkwürdig abgehackter Formalität Blaubarts Mutter – eine Paraderolle für Alexandra Chloe Samion. Jetzt ist es Musik von Philipp Glass, die den Akzent auf feine Wahrnehmung setzt. Hinter all den verschlossenen Türen lauern Blaubarts vergangene Beziehungen – hinter der letzten aber findet sich erst der Grund für seine Unfähigkeit, zu lieben: Es ist die Mutter, die ihn nicht lieben und ihn die Liebe nicht lehren konnte. Judith erwächst am Ende zu unerhörter Stärke, wenn sie den Geliebten auch mit dieser gefühlten inneren Deformation annimmt. So geht ein gutes Ende, im Märchen wenigstens. Und das begeisterte Mannheimer Publikum wollte spürbar gerne daran glauben, dass Liebende einander erlösen können.

Veröffentlicht am 18.11.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 991 mal angesehen.



Kommentare zu "Nur die Liebe kann erlösen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    HER MIT DER ZUKUNFT!

    Choreografien von Liliana Barros und Stephan Thoss im neuen Mannheimer Tanzabend

    Gemeinschaft als Zukunft, Kritik am etablierten Kunstbetrieb - Mannheims Tanzchef stellt einen abwechslungsreichen Abend zusammen.

    Veröffentlicht am 25.05.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SOUVERÄNER TANZERZÄHLER

    Stephan Thoss kreiert „Sanssouci“ in Mannheim

    Ein performatives Panorama über das Unbehagen in der wiederentdeckten Moderne zum 30jährigen Choreografie-Jubiläum.

    Veröffentlicht am 20.03.2019, von Alexandra Karabelas


    WENN DER KAPITÄN VON DER BRÜCKE GEHT


    Guiseppe Spota und Johan Inger erzählen im neuen Mannheimer Tanzabend von Verlusten

    Mit der Auswahl von "Die vier Jahreszeiten" und "Empty House" gelingt Stephan Thoss ein kontrastreicher Tanzabend.

    Veröffentlicht am 16.01.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    IM BANN DUNKLER MÄCHTE

    Zum neuen zweiteiligen Mannheimer Tanzabend „Verräterisches Herz“

    Stephan Thoss hat ein Faible für Geheimnisse, Rätsel und doppelbödige Überraschungen. In „Verräterisches Herz“ zeichnet er mit Motiven von Edgar Ellen Poe mit Schmackes den Weg eines Mörders in den Wahnsinn nach.

    Veröffentlicht am 04.06.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    LIEBE UNTER CRASHTEST-DUMMYS

    Choreografien von Stephan Thoss, Guiseppe Spota und Marco Goecke in Mannheim

    Eine höchst originelle Uraufführung steuerte Guiseppe Spota mit seiner Petruschka-Version „Let’s Beat“ dem neuen Tanzabend bei. Marco Goeckes „Nichts“ begeisterten ebenso wie Stephan Thoss’ „La Chambre Noire“.

    Veröffentlicht am 08.01.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE DIE ZEIT VERRINNT

    Regensburg-Mannheimer Mix beim neuen Tanzabend „Hello Surprise“ am Nationaltheater Mannheim

    „Sweet Shadow“ von Stephan Thoss und „Loops“ von Yuki Mori gestalten einen abwechslungsreichen wenn auch nicht ganz überzeugenden Tanzabend.

    Veröffentlicht am 19.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    TANZENDE SCHATTEN, TANZENDE SCHUHE

    Zum neuen Tanzabend „Gesicht der Nacht“ im Mannheimer Nationaltheater

    Der Schuhdesigner Christian Louboutin machte mit roten Schuhsohlen weltweit von sich reden. Es könnte sein, dass für den choreografischen Senkrechtstarter Frank Fannar Pedersen ebenfalls Schuhsohlen zur Bekanntheit beitragen werden.

    Veröffentlicht am 04.04.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DIE JUNGEN MÄNNER, DIE ÄLTEREN DAMEN

    Zum neuen dreiteiligen Mannheimer Ballettabend „New Steps – Bolero“

    Der neue Ballettchef Thoss wählte seinen "Bolero" (1999) als „Rausschmeißer“ mit Erfolgsgarantie für einen dreiteiligen Ballettabend aus, bei dem er sich für die beiden ersten Teile zugunsten ehemaliger Ensemblemitglieder mutig aus dem Fenster lehnt.

    Veröffentlicht am 06.02.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DIE LIEBE IST KEINE HIMMELSMACHT

    „Ein Sommernachtstraum“ vertanzt - zum Einstand von Stephan Thoss

    Wenn Thoss den Thespiskarren voranbringen will, springt er offensichtlich gerne ins Geschirr. Am Mannheimer Nationaltheater hat er die Nachfolge von Kevin O’Day und Dominique Dumais angetreten.

    Veröffentlicht am 21.11.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    SPRUNGBRETT

    Junge Choreografen des Ballett am Theater Pforzheim
    Veröffentlicht am 14.07.2019, von Gastbeitrag


    BITTE ANSCHNALLEN UND DIE FANTASIE FLIEGEN LASSEN

    Das ARTORT-Festival des Heidelberger UnterwegsTheaters auf dem Airfield
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SELFIE MIT MONA LISA

    Die „Choreografische Werkstatt“ von und mit TänzerInnen des Nationaltheaters Mannheim
    Veröffentlicht am 11.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SASHA WALTZ & GUESTS: »DIDO & AENEAS«

    Ab August 2019 mit neuem Sänger*innen-Cast wieder an der Staatsoper Unter den Linden Berlin

    Sasha Waltz‘ erste choreographische Oper »Dido & Aeneas« von Henry Purcell kehrt im Sommer 2019 wieder an die Staatsoper Unter den Linden Berlin zurück. Dort feiert am 18. August 2019 unter dem Dirigat von Christopher Moulds die neue Solisten-Besetzung ihre Berlin-Premiere

    Veröffentlicht am 13.07.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EINS MIT SICH

    Solos von Urs Dietrich und Susanne Linke in der Heidelberger Hebelhalle

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    OPULENZ UND EMOTIONALE ABSCHIEDE

    Die 45. Nijinsky-Gala beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Annette Bopp


    >KREISE(N)<

    Ein Kommentar zum Tanzkongress 2019

    Veröffentlicht am 14.06.2019, von tanznetz.de Redaktion


    QUICKLEBENDIG

    "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully in Oldenburg

    Veröffentlicht am 19.06.2019, von Gastbeitrag


    AUF NEUEN WEGEN

    "Shakespeare-Sonette" von drei jungen Choreografen beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 18.06.2019, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP