HOMEPAGE



München

SHOW EINES BÜHNENTIERS

Gastspiel von Robyn Orlin & Albert Khoza in der Münchner Muffathalle



Schon die ellenlangen Stücktitel der südafrikanischen Choreografin stecken voller Geschichten. Mit „And so you see… our honourable blue sky and ever enduring sun... can only be consumed slice by slice...“ ist sie Teil der 25 Jahre Muffatwerk-Feier.


  • Robyn Orlin & Albert Khoza mit der Performance „And so you see… our honourable blue sky and ever enduring sun... can only be consumed slice by slice...“ Foto © Jérôme Seron
  • Robyn Orlin & Albert Khoza mit der Performance „And so you see… our honourable blue sky and ever enduring sun... can only be consumed slice by slice...“ Foto © Jérôme Seron
  • Robyn Orlin & Albert Khoza mit der Performance „And so you see… our honourable blue sky and ever enduring sun... can only be consumed slice by slice...“ Foto © Jérôme Seron
  • Robyn Orlin & Albert Khoza mit der Performance „And so you see… our honourable blue sky and ever enduring sun... can only be consumed slice by slice...“ Foto © Jérôme Seron

Schon die ellenlangen Stücktitel der südafrikanischen Choreografin Robyn Orlin stecken voller Geschichten. Sie sind harmlos anmutender Aufhänger für provokativ-irritierendes, sozial-politisch unterfüttertes Bewegungstheater. Der Grenzbereich zwischen medial perfekt aufbereiteter Poesie und gezielt schonungsloser Publikumsverunsicherung verschwimmt dabei bestens.

Aus einem entspannten Zurücklehnen bei der Aufführung von „And so you see… our honourable blue sky and ever enduring sun... can only be consumed slice by slice...“ wurde beim Gastspiel in der Muffathalle folglich nichts. Dabei wähnte man sich – klanglich immer wieder von Mozarts vertrautem „Requiem“ umfangen – anfangs noch sicher auf seinem Platz.

Großformatige Fotografien entführen in die fremde Welt sandiger Landschaften und langhorniger Rinder. Dann aber fokussiert sich der Kameramann ganz auf sein Gegenüber: einen verhüllten Haufen Mensch, der in einem Ledersessel flackt. Langsam wird er wie eine Mumie aus einer dicken Tuchschicht gepellt. Darunter kommt der beeindruckende Körper des Solo-Performers Albert Khoza zum Vorschein – für eine höchst sinnliche, sexuell aufgeladene Fressorgie saftiger Orangen ganz in Frischhaltefolie verpackt.

Das riesige Messer, mit dem Orlins grandioser Protagonist sowohl das Obst als auch seinen gierig schlingenden Mund traktiert, sorgt für Schreckmomente. Es fließt aber kein Blut. Das Erwachen der bizarren Kreatur, die sich bald zum unnachgiebigen Beherrscher des Raums mausert, beginnt mit spitzen Lautäußerungen der Wonne. Das Gebimmel einer Kuhglocke treibt dem mächtigen Leib die Regungslosigkeit aus. Gertenschläge und wollüstiges Grunzen, dem später Hundegebell, Katzenmiauen und ein finaler Klagegesang folgen, begleiten einen Akt schamloser Selbstbefriedigung. Am Ende peitscht ein Paradiesvogel mit seiner Federpracht gen Boden. Dass es besser ist, mit seinen Waffen zu tanzen als mit ihnen zu töten – diesen Satz nimmt man mit nach Haus.

Alle Aktionen – perspektivisch brillant gezoomt und auf die Rückwand projiziert – zielen darauf ab, das Publikum durch effektreiche Zurschaustellung bestimmter Laster zum Hinterfragen der Gegenwart bzw. einem Südafrika nach Zeiten der Kolonialisierung und Apartheid zu verführen. Khoza verbreitet Sympathie und Angst. Ein hinreißender Transgendertyp, der auch im richtigen Leben als Schamane unterwegs ist. In vollen Zügen genießt er es, mit seiner überbordenden Sumoringer-Figur regelrecht Hof zu halten. Frech.

Nach wilden Schnitten seinem Folienkokon entschlüpft, zitiert der Südafrikaner – völlig eingesaut – drei Zuschauer höflich-autoritär zu sich. Eine ausgiebige Wellness-Toilette mit Wasserflasche und Lappen steht an. Widerspruch duldet der auf seinem Wohnzimmersessel thronende Darsteller nicht. Quintessenz dieser afrikanisch-europäisch verdrehten Welt: Kapitalismus macht die Menschen schlecht. Als nubische Königin geschminkt und mit opulenten Ringen an jedem Finger tanzt Khoza schließlich mit einer hüftschwingenden Putin-Projektion im Duett. Bis ein Wutausbruch die Szene stoppt. Thematischer Input hin oder her. Es ist Khozas multiple Persönlichkeit und enorme Wandlungsfähigkeit, die die einstündige Performance zum Erlebnis macht.

Veröffentlicht am 19.09.2018, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 1383 mal angesehen.



Kommentare zu "Show eines Bühnentiers"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    POLITISCHER TANZ AUS SÜDAFRIKA BEIM THEATERFESTIVAL

    Robyn Orlin auf Kampnagel

    Artikel aus Die Welt vom 23.08.2010


    PLAKATIVE BILDSPRACHE UND KONDOM-MUMMENSCHANZ

    Robyn Orlins "We must eat our suckers with the wrappers on ..." bei ImPulsTanz

    Veröffentlicht am 22.07.2010, von Silvia Kargl


     

    AKTUELLE NEWS


    PROGRAMM DER TANZPLATTFORM VERÖFFENTLICHT

    Die Jury stellt das Programm der Tanzplattform München 2020 vor
    Veröffentlicht am 04.12.2019, von Pressetext


    NEUES IM FALL BINDER

    Tanztheater Wuppertal legt Beschwerde gegen das Urteil ein
    Veröffentlicht am 29.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    RED.FOREST

    Premiere des Ensembles PLAN MEE in Nürnberg

    In dieser Adventszeit wird in der Tafelhalle die zweite Produktion der Saison gefeiert. Das Ensemble PLAN MEE unter der choreografischen Leitung von Eva Borrmann präsentiert am 19. Dezember seine Premiere „Red.Forest“.

    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    PINA BAUSCH LEBT

    Die Semperoper Dresden zeigt mit einer grandiosen "Iphigenie auf Tauris", dass Qualität nicht altert

    Veröffentlicht am 06.12.2019, von Rico Stehfest


    NEUES IM FALL BINDER

    Tanztheater Wuppertal legt Beschwerde gegen das Urteil ein

    Veröffentlicht am 29.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZUCKERSÜß

    Theater Chemnitz zeigt das "Nussknacker"-Ballett

    Veröffentlicht am 03.12.2019, von Gastbeitrag


    PROGRAMM DER TANZPLATTFORM VERÖFFENTLICHT

    Die Jury stellt das Programm der Tanzplattform München 2020 vor

    Veröffentlicht am 04.12.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP