HOMEPAGE



Hamburg

GROßARTIGE HOMMAGE

John Neumeiers "Bernstein Dances" in Hamburg



Die Wiederaufnahme von "Bernstein Dances" beim Hamburg Ballett anlässlich des 100. Geburtstags des großen Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein.


  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Aleix Martínez, Mayo Arii, Sasha Trush, Xue Lin, Jacopo Bellussi, Greta Jörgens Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Christopher Evans Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Christopher Evans, Madoka Sugai Foto © Delf Dietmar Danckwerts
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Oedo Kuipers, Dorothea Baumann (Gesang), Ensemble Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Christopher Evans, Sasha Trusch Foto © Delf Dietmar Danckwerts
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Emilie Mazon, Christopher Evans Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Hélène Bouchet, Christopher Evans Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Sasha Trusch, Ensemble Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Mayo Arii, Sasha Trusch, Xue Lin, Ricardo Urbina Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Sasha Trusch, Sebastian Knauer (Klavier), Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • "Bernstein Dances" von John Neumeier; Christopher Evans, Ensemble Foto © Delf Dietmar Danckwerts

Genau 20 Jahre ist es her, dass John Neumeiers „Bernstein Dances“ zum ersten Mal auf die Bühne kam. Jetzt erlebte es anlässlich des 100. Geburtstags des großen Komponisten und Dirigenten in Hamburg eine glänzende Wiederaufnahme. Schon der Titel ist Programm: „Bernstein Dances“ lässt sich auf zweifache Weise lesen; einmal als „Bernstein-Tänze“ und als „Bernstein tanzt“. Und wäre er noch am Leben, hätte es ihn ganz sicher nicht auf seinem Stuhl gehalten – er wäre auf die Bühne gestürmt und hätte sich unter die Tanzenden gemischt ...

Neumeier hat hier eine von Anfang bis Ende begeisternde „Ballettrevue“ zusammengestellt, die all die vielen verschiedenen Facetten Bernsteins beleuchtet, so verständnisinnig und liebevoll-zärtlich, dass es mitten ins Herz trifft. Und das gesamte Hamburg Ballett tanzt, als gäbe es kein Morgen – spritzig, schwungvoll, dynamisch, aber auch nachdenklich, melancholisch, hochkonzentriert. Das gilt nicht nur für die erste, sondern ebenso – fast sogar noch mehr – für die zweite Besetzung.

Los geht’s bei noch geschlossenem Vorhang mit einem kompositorischen Geniestreich Bernsteins, der Ouvertüre zu dem Musical „Candide“, dem am Broadway kein besonderer Erfolg beschieden war, zu dieser Ouvertüre sei Neumeier aber schon als junger Mann „rumgetobt“ (wie er in der Ballett-Werkstatt am vergangenen Sonntag verriet). Zu den letzten Takten öffnet sich der Vorhang und man sieht den jungen Bernstein am Flügel sitzen (ein von einer Tante geschenktes, gebrauchtes Klavier war die Initialzündung für seine musikalische Karriere). Und dann erhebt sich eines der schönsten und berührendsten Lieder, die Bernstein je geschrieben hat: „Who am I?“ aus „Peter Pan“, gesungen von der bildhübschen, hochgewachsenen 27-jährigen Sopranistin Dorothea Baumann, die (alternierend mit Marie-Sophie Pollak) zusammen mit dem nicht minder ansehnlichen 29-jährigen Bariton Oedo Kuipers die Bernstein-Songs präsentiert – beide mit Musical-Erfahrung und zurückhaltender Bühnenpräsenz, die sich nahtlos in den Tanz einfügt, ein Glücksgriff für diese Aufführungen.

Neumeier entwickelt im ersten Teil des Abends die musikalische Karriere Bernsteins in einem Vierer-Schritt: von den ersten zaghaften Gehversuchen über den Aufbruch nach New York, die „Stadt der Städte“, in die jede/r KünstlerIn will, über seine Tiefgründigkeit und hohe Moral bis hin zu den großen Erfolgen als Dirigent (Bernstein war über Nacht zum Shooting Star unter den Dirigenten geworden, als er für den erkrankten Bruno Walter einspringen musste) und Komponist der „West Side Story“. Neumeier stellt hier Lieder wie „What a Waste“, „A Little Bit in Love“, „Wrong Note Rag“, „Lonely Town“, „So pretty“ und „Simple Song“ neben konzertante Episoden aus verschiedenen Werken und zeichnet so eine vielschichtige Charakterskizze Bernsteins, in deren Mittelpunkt die Spiritualität steht. Diese, so Neumeier in der „Ballett-Werkstatt“, gehöre essentiell zu Leonard Bernstein, der das größte Problem des modernen Menschen im Verlust des Glaubens sah. Glaube allerdings nicht im religiösen Sinn, sondern als moralische Struktur im Umgang mit anderen Menschen, wobei die Moral nichts mit Äußerlichkeiten zu tun hab, denn „God is the simplest of all“ heißt es in dem bewegend schlichten „Simple Song“. Und dafür, dass Bernstein nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, für seinen Mut, eine eigene Meinung zu haben, steht der ebenso zarte wie hintergründige Anti-Vietnamkrieg-Song „So pretty“, in dem eine Schülerin Bilder aus Vietnam sieht und nicht versteht, warum diese schönen Menschen, wie der Lehrer ihr erklärt, „für den Frieden sterben“ müssen.

Teil 2 des Abends beginnt noch einmal mit der „Candide“-Ouvertüre, diesmal mit dem ganzen Ensemble, besteht dann aber zum größten Teil aus Neumeiers „Bernstein Serenade“ von 1993, in der es um die Liebe in ihren vielen Spielarten geht: die langjährige Liebe in enger Verbundenheit und lebhafter Auseinandersetzung, die naive, die Symbiose suchende Liebe und die feurige, temperamentvolle Liebe. Es geht um das Zusammenkommen und Auseinandergehen, den Wechsel von der einen zur und zum anderen. Auch das eine nicht unwesentliche Facette in Bernsteins Leben, der verheiratet war und drei Kinder zeugte, sich später aber mehr zu Männern hingezogen fühlte, woran seine Ehe zerbrach. Und so ist der Abschluss dieser Serenade ein suchender, ein fragender: Wohin wird es gehen? Who am I? Aber damit kann es natürlich nicht enden bei einer Persönlichkeit, wie Bernstein sie war. Und deshalb kommt als Rausschmeißer noch einmal die „Candide“-Ouvertüre, und jetzt – ganz in der Musical-Tradition – als schwungvoll-ausgelassenes Verbeugungs-Ritual für SolistInnen und Ensemble. Grandios!

Wen aus diesem von A bis Z glänzend auftanzenden Ensemble soll man hervorheben? In der Rolle Leonard Bernsteins natürlich Christopher Evans, der mit dieser Spielzeit zum Ersten Solisten ernannt wurde und eine rasante Karriere hingelegt hat. Sasha Trusch gleich zweifach: einmal in der ersten Besetzung als hoch erotische „Love“, eine allgorische Figur für die Liebe, die sich durch das ganze Stück bewegt; und ebenso als Bernstein in der zweiten Besetzung, wo er mit seiner jungenhaften, enormen Bühnenpräsenz noch einen Hauch überzeugender und souveräner ist. Hélène Bouchet mit ihrer bezwingenden Eleganz. Xue Lin mit ihrer Zerbrechlichkeit und Stärke. Die furiose Madoka Sugai, der Mayo Arii in nichts nachsteht. Karen Azatyan und Aleix Martínez mit ihrem Charme und ihrer Lässigkeit. Emilie Mazon mit ihrer mädchenhaften Innigkeit. Jacopo Bellussi mit seiner Liebenswürdigkeit und Hingabe. Den erst 23-jährigen Ricardo Urbina als „Love“ in der zweiten Besetzung – ein überaus vielversprechendes Talent. Und dann natürlich die gesamte Kompanie mit ihrer unbändigen Freude am Tanz. Hervorzuheben ist aber auch das Philharmonische Staatsorchester, das Garrett Keast schwungvoll durch die anspruchsvollen Bernstein-Kapriolen führte. Sebastian Knauer am Flügel spielte die Solopartien stilsicher und einfühlsam. Was für ein Abend!

Hier geht es zum Fotoblog von Dieter Hartwig zu "Bernstein Dances".

Veröffentlicht am 16.09.2018, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 712 mal angesehen.



Kommentare zu "Großartige Hommage"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EINE GALA FÜR ZWEI LEGENDEN

    Nijinsky-Gala in Hamburg

    Die 44. Nijinsky-Gala 2018 widmete John Neumeier Marius Petipa und Leonard Bernstein – zwei legendäre Künstlerpersönlichkeiten, die auch das Werk des Hamburger Ballettintendanten stark beeinflussten.

    Veröffentlicht am 11.07.2018, von Annette Bopp


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    SPANNUNG UND ENTSPANNUNG

    Fotoausstellung und Performance von Stefan Maria Marb im Gasteig München
    Veröffentlicht am 18.12.2018, von Vesna Mlakar


    VON MANNHEIM NACH GELSENKIRCHEN

    Neuer designierter Ballettdirektor am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
    Veröffentlicht am 18.12.2018, von Pressetext


    SPRACHENWETTSTREIT

    Porträt des Ballet of Difference im Vorfeld von "ROUGHHOUSE" am Schauspiel Köln
    Veröffentlicht am 18.12.2018, von Miriam Althammer



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    100 JAHRE BAUHAUS. DAS ERÖFFNUNGSFESTIVAL

    Ein Feuerwerk der Künste in Berlin zum Auftakt des Bauhausjubiläums 2019

    Programm des internationalen Eröffnungsfestivals, das vom 16.– 24. Januar 2019 in der Akademie der Künste, Berlin, das Jubiläumsjahr mit einem Feuerwerk der performativen Künste eröffnet.

    Veröffentlicht am 02.11.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    STUMPFER GLANZ

    Auftakt der Saison 2018/2019 am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.10.2018, von Karl-Peter Fürst


    WILL ADOLPHE BINDER IHREN JOB ZURÜCK?

    Die Ex-Intendantin des Tanztheaters klagte am 13.12.2018 erfolgreich
    Veröffentlicht am 13.12.2018, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    WILL ADOLPHE BINDER IHREN JOB ZURÜCK?

    Die Ex-Intendantin des Tanztheaters klagte am 13.12.2018 erfolgreich

    Veröffentlicht am 13.12.2018, von tanznetz.de Redaktion


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    DYNAMIK DES STILLSTANDS

    Der Kalender Dance 2019 mit Fotografien von Gert Weigelt

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Boris Michael Gruhl


    OPULENT, SINNLICH, MEISTERHAFT

    Zwei Werke von George Balanchine am Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Annette Bopp


    EINSTIEG AUF HOHEM NIVEAU

    Das Bayerische Staatsballett erobert sich erneut John Neumeiers „Nussknacker“

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP