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Bremen

KUNST ALS VERSUCH VON HEIMAT

Das Festival Sehnsucht Europa präsentiert „Audition for Life/Art“



Kurz vor Ende des neuntägigen Bremer Festivals gibt es einen Höhepunkt im Theater am Leibnizplatz: "Ensemble New Bremen" behandelt die Thematik der Flucht und das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Kulturen in Alltag und Kunst.


  • Das Festival Sehnsucht Europa präsentiert „Audition for Life/Art“ Foto © Marianne Menke
  • Das Festival Sehnsucht Europa präsentiert „Audition for Life/Art“ Foto © Marianne Menke
  • Das Festival Sehnsucht Europa präsentiert „Audition for Life/Art“ Foto © Marianne Menke

Die neue Inszenierung von Mokhallad Rasem und Helge Letonja mit dem Ensemble „New Bremen“ ist als eine Art „Vorsprechen“ angelegt, in dem die beteiligten Akteure mit Text, Gesang und Tanz in einen Wettstreit gegeneinander antreten. Auf spannende Weise geraten sie dabei immer wieder anders aus der künstlerischen Form in den heutigen Alltag interkulturellen Zusammenlebens.

Kurz vor Ende des neuntägigen Bremer Festivals „Sehnsucht Europa – Kunst Zusammen Leben“ gibt es noch einen Höhepunkt im Theater am Leibnizplatz. „Audition for Life/Art“ führt uns kaleidoskopartig in die vielschichtige Thematik von Flucht, Vertreibung, Heimat sowie vor allem in das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Kulturen in Alltag und Kunst. Dabei stellt die hundert Minuten dauernde Inszenierung, bei all den verschiedenen Facetten menschlichen Seins, immer wieder neu die Frage in den Vordergrund, was uns Menschen verbindet.

Weiß ist die Bühne, mit weißem Hintergrund, vor dem ein paar Sitzgelegenheiten mit weißem Tuch verhängt sind, wie in einem verlassenen Haus. Klavierklänge kommen aus dem OFF und vermischen sich mit Stimmen und Geräuschen wie von Bahnhöfen oder Flughäfen. Währenddessen entstehen auf dem Bühnenhintergrund durch Videoprojektion dunkle Flecken, die wie Verschmutzungen aussehen. Eine Person in einem langen weißen Rock, mit nacktem Oberkörper und einer futuristisch anmutenden Maske kommt auf die Bühne. Weitere folgen. Ihre Haut ist weiß, gelb, braun oder schwarz; insgesamt fünf Männer und drei Frauen.

Weiße Lichtpunkte fliegen wie Sterne, die durch die Galaxien rasen, ins Bild und die Musik wird bedrohlicher. Zusammen mit den maskierten Wesen wirkt das zunächst alles ein wenig außerirdisch.
Psychedelisch anmutende Video-Bilder in schwarz-weißen Streifen folgen. Riesige, spiralförmig sich drehende Bögen ergeben zusammen ein tunnelartiges Gebilde, in dem einige Akteure verschwinden, wobei sich das Video in Aquarellgemälde verändert (faszinierendes Lichtdesign von Timo Reichenberger!). Undeutlich scheinen Straßenzüge arabischer Städte durch. Ein Mann tanzt ein Solo. Einer liegt am Boden. Träumt er? Eine verschleierte junge Frau kommt barfuß herein.

Plötzlich ein Bruch, Reisende erscheinen. Stehen am Bühnenrand, wie auf einem europäischen Großstadtbahnhof. Das Ensemble zieht sich Sportkleidung an. Denn jetzt sind sie angekommen bei ihrer Auswahlprüfung; der Audition, dem Wettstreit für Leben und Kunst. Die SchauspielerInnen Kathrin Steinweg und Michael Meyer sind die „Prüfer“, die wie Showmaster einer Realityshow durchs Programm führen, aber dabei immer wieder selbst in das Geschehen um Fremdsein, Heimat, Kunst und Identität hineingesogen werden.

Mit mitreißenden Monologen in verschiedenen Sprachen aus Film, Literatur, Theater oder aus persönlichen Geschichten, mit Tanzsolos wie auch kollektiven Tanzszenen unterschiedlicher Stilrichtungen sowie kulturellen Ritualen werden nun Nummer für Nummer, Bild für Bild die darstellenden Künste als „gemeinsame Heimat“ im transkulturellen Alltag erprobt, bewertet und persifliert. Die Audition ist der rote Faden der Inszenierung, die in den Einzeldarbietungen bewusst keiner stringenten Handlung folgt und den Tanz als eine Kunstform unter vielen zeigt.

Oh Chang Ik aus Südkorea macht auf durchgedrehten Superhelden; dann zeigt er sich als ein von sich selbst ferngesteuerter Roboter. Augusto Jaramillo Pineda aus Kolumbien verwirrt als schrille Drag-Queen und Kossi Sébastien Aholou-Wokawui aus Togo greift zunächst in die „Ethnokiste“, bevor er dann ein witziges Solo, einen regelrechten Muskeltanz zeigt. Roua Reshah aus Syrien zeigt mit Tanz, Kampfkunst und Lyrik in Persisch viele Facetten ihres künstlerischen Könnens und beweist in allen Bereichen eine eindringliche Präsenz.

Und das Beste kommt zum Schluss, wenn, in einem traumhaft schönen Bild zu Friedrich Händels wunderbaren „Lascia ch’io pianga", gesungen von Patricia Petibon, sich das gesamte „Ensemble New Bremen“ mit Heben und Tragen und Halten und Mitnehmen und Auffangen und Ziehen und Verbinden sich von der Bühne wegbewegt. Das alles macht Lust darauf, fremde Menschen und ihre Geschichten kennen zu lernen, anstatt sich vor ihnen zu fürchten und sie auszugrenzen. „Audition for Life/Art“ ist ein Abend voller Träume und richtet in Zeiten des Grenzenziehens den Blick auf das Gemeinsame, nicht auf das Trennende.

Veröffentlicht am 12.09.2018, von Martina Burandt in Homepage, Kritiken

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Kommentare zu "Kunst als Versuch von Heimat"



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