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Hamburg

EINE SPÄTE, ABER UMSO TIEFERE LIEBE

John Neumeiers „Beethoven-Projekt“ erlebte eine umjubelte Uraufführung



Die Liebe des Hamburger Ballettintendanten zu Beethoven ist eine späte Liebe. Dafür ist sie umso heftiger, vielfältiger und kraftvoller. Der dreiteilige Abend ist seine 160. Kreation, die er skizzenhaft verstanden haben will, nicht als Handlungsballett.


  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Fragmente, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Fragmente, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Fragmente, Edvin Revazov, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Fragmente, Madoka Sugai, Aleix Martínez, Jacopo Belussi Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Fragmente, Borja Bermudez, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Fragmente, Patricia Friza, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Fragmente, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Intermezzo, Patricia Friza, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Intermezzo, Aleix Martínez, Madoka Sugai, Jacopo Belussi Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Intermezzo, Aleix Martínez Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Eroica 2. Satz, Anna Laudere, Edvin Revazov Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Eroica 4. Satz, Aleix Martínez, Ensemble Foto © Kiran West
  • John Neumeier "Beethoven-Projekt", Eroica, 4. Satz, Aleix Martínez, Ensemble Foto © Kiran West

Die Liebe des Hamburger Ballettintendanten zu Ludwig van Beethoven, dem Meister der Wiener Klassik, ist eine späte Liebe. Dafür ist sie umso heftiger, vielfältiger und kraftvoller. Wie das mit einer späten Liebe eben so sein kann. Und sie kann sich nur deshalb so zeigen, weil ihr viele andere Lieben vorausgegangen sind. Im Falle Neumeiers die zu Gustav Mahler zum Beispiel. Der habe ihm in seiner Gebrochenheit spontan mehr zugesagt, gestand Neumeier auf der Ballett-Werkstatt am 10. Juni 2018. Beethoven habe sich ihm nicht so schnell erschlossen, dafür jetzt, so spät in seinem Leben, umso tiefer, und weniger über die großen Sinfonien als über die Klavier- und Kammermusik.

Und so ist es nur konsequent, dass die Annäherung zwischen dem Meister-Choreografen und dem Meister-Komponisten mit aller Vorsicht erfolgt, nämlich fragmentarisch mit Variationen und Fuge Es-Dur, den „Eroica-Variationen“, dem 2. Satz aus dem „Geistertrio“ D-Dur, der Klaviersonate D-Dur und dem 3. Satz aus dem Streichquartett Nr. 15 A-Moll. Dieser kammermusikalische Teil bildet den ersten Abschnitt zu Neumeiers 160. Kreation, dem dreiteiligen „Beethoven Projekt“, das er skizzenhaft verstanden haben möchte, nicht als Handlungsballett, und schon gar nicht als choreografisch umgesetzte Biografie des großen Komponisten. Es ist kein Handlungsballett, es erzählt keine Geschichte. Und doch sind gerade diese „Beethoven-Fragmente“ nicht nur tänzerisch umgesetzte Ideen und Gefühle, die Neumeier beim Hören von Beethovens Musik hatte, sondern auch eine Remineszenz an das Leben und Sein des Komponisten, in der Neumeier ihn und seine Stimmungen mit vielen Details charakterisiert.

Dass Beethoven vor allem ein Klaviervirtuose war und seine Kompositionen oft vom Klavier ausgingen, symbolisiert schon das erste Bild: Ein Tänzer als Ludwig van Beethoven (Aleix Martínez) schlingt sich um das hintere Standbein des Konzertflügels auf der ansonsten bis auf drei rechts hereinragende rote Stellwände fast leeren Bühne, während Pianist Michal Bialk die ersten Akkorde anschlägt: Komponist und Instrument sind eins. Neumeiers Bewegungssprache in diesen Lebensskizzen Beethovens ist eine Mischung aus humoresk-verfremdeten, marionettenhaften Haltungen (Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Automaten und Spieluhren!) sowie weich und weit fließenden Gesten und Sprüngen, ein Gegensatzpaar, das wohl auch Beethovens Charakter ausgezeichnet haben dürfte. Immer wieder kreuzt ein Adliger (Edvin Revazov) Beethovens Wege, einer seiner Gönner wohl. Beethovens innige Zuneigung zu seinem jungen Neffen (Borja Bermudez) spielt in diesen Fragmenten aus seinem Leben ebenso eine Rolle wie seine vielfältigen Beziehungen zu Frauen, symbolisiert durch eine Frau in Rot (Patricia Friza), die sowohl Geliebte, Freundin und Vertraute als auch Mutter ist. Mitten hinein in den 2. Satz der Klaviersonate D-Dur knallt plötzlich ein schrilles Störgeräusch, ein Pfeifen und Kreischen – Beethovens Hörsturz und anschließende Taubheit wird mit dieser Klangcollage ebenso ohren- wie durch die Verzweiflung im Tanz augenfällig. Im Wechselspiel zwischen Musik und Tanz entfaltet sich in diesem ersten Teil eine fast magische Ruhe und meditative Faszination, die noch lange nachwirkt.

Nachdem der letzte Ton des Streichquartetts verklungen ist, kommen auf einmal Bühnenarbeiter auf die Szenerie, der hintere Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf die Hinterbühne, wo sich Tänzer an der Stange warmhalten. Die Beleuchtungsgalgen fahren tief herunter, das Licht im Saal geht an, und die Zuschauer blicken verwundert um sich: Ist etwas passiert? Haben wir etwas übersehen? Ist schon Pause? Da fehlt doch noch was – Teil 2 des Abends nämlich, das „Intermezzo“, Auszüge aus Beethovens einzigem Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“? Nein, es ist kein Unglück geschehen, das Publikum hat nichts verpasst, und der Inspizient hat sich auch nicht vertan: Dieser radikale Schnitt ist vielmehr ein genialer dramaturgischer Kniff Neumeiers, um aus dem melancholisch-nachdenklichen ersten Teil in den heiter-slapstickhaften zweiten überzuleiten. Patricia Friza kommt auf High Heels auf die Bühne und moderiert diese vier kurzen Ausschnitte aus „Prometheus“ an. Beethoven agiert jetzt als der Götterspross im Frack-Jacket mit Leier, der seinen alienhaft vermummten Geschöpfen (Madoka Sugai und Borja Bermudez) nach und nach die Verkleidung entreißt. Aber noch können sie keine Menschen sein, human werden sie erst durch die Kunst, die ihnen Apollo und Terpsichore (Edvin Revazov und Anna Laudere) bringen. Dieser zweite Teil steht auch für den Geist der Aufklärung, für die Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und dafür, dass der Mensch kein Mensch ist, solange er nicht auch die Kunst hat. Und so steht am Ende der Contredanse, in dem jeder mit jedem tanzt, wo alles bunt durcheinander quirlt – und mit dem strengen höfischen Zeremoniell der Zeit vor der französischen Revolution radikal bricht.

Nach der Pause dann wie ein jubelnder Höhepunkt die vertanzte „Eroica“, die Heinrich Tröger optisch jetzt in im Hintergrund ineinander geschachtelte Vierecke einbettet und die musikalisch das Leitmotiv aus Teil 1 wieder aufgreift. In diesem rein sinfonischen Ballett zieht Neumeier alle Register seines choreografischen Könnens, vor allem der „großen Form“ in den Ensembles, die er wie kaum noch ein zweiter heute beherrscht. Man muss diese Choreografie eigentlich aus mehreren Perspektiven gleichzeitig sehen – von vorne, von der Seite und vor allem von oben, um sie in all ihren Dimensionen zu erfassen. Es ist ein einziger Lobgesang auf den Tanz, die Bewegung, die Kunst, das Miteinander, unterbrochen lediglich im zweiten Satz durch einen berückend schönen Pas de deux (noch einmal Anna Laudere und Edvin Revazov) vor einer Projektionsfläche, auf der anfangs eine Landschaft und Meer erscheint, später auch Feuer mit immer höher auflodernden Flammen. Im dritten und vierten Satz dominieren wieder die Ensembles, in atemberaubendem Tempo und mit höchsten Anforderungen an die Bein- und Körperarbeit der Tänzerinnen und Tänzer (dass das vom Timing her noch „geputzt“ werden muss, versteht sich bei so einer Premiere von selbst und kann den guten Eindruck nicht stören). Die (von Neumeier selbst entworfenen) ebenso schlichten wie eleganten Kostüme wechseln bei den Frauen von brombeer-rot (im 1. Satz) über schwarzweiß (2. Satz), meergrün und gelb (3. Satz) zu reinem Weiß (4. Satz). Die Männer bleiben in den ersten drei Sätzen einheitlich in Dunkelblau in Jeans und T-Shirt, wechseln im 4. Satz aber ebenso in weiße Bekleidung, nur Beethoven selbst erscheint in Shirt und Jeans.
Teil 1 und 2 umfassen knapp anderthalb Stunden, in denen Aleix Martínez als Beethoven brilliert – eine grandiose Leistung des jungen Katalanen. Nicht minder beeindruckend Borja Bermudez, der bisher „nur“ Aspirant war, dem aber ein Platz im Ensemble sicher sein dürfte. Hervorzuheben auch Patricia Friza, die der Frauenfigur Innigkeit und Tiefe verleiht und auch im „Intermezzo“ mit ihrer Präzision und Ausdruckskraft auffällt. Vor allem aber ist dieser ganze Abend eine phantastische Ensembleleistung, die nur gelingen kann, wenn eine Kompanie auf so hohem Niveau tanzt wie das Hamburg Ballett.

Simon Hewett leitete das Philharmonische Staatsorchester mit sicherer Hand durch die anspruchsvolle Partitur der Prometheus-Auszüge und vor allem die Eroica. Michal Bialk spielte den Klavierpart ebenso souverän wie einfühlsam, was auch für die Solisten des Streichquartetts gilt (Konradin Seitzer und Hibiki Oshima an der Violine, Naomi Seiler an der Viola und Olivia Jeremias am Cello). Das Publikum feierte das Hamburg Ballett, seine Solisten und die neueste Kreation seines Chefchoreografen zu Recht mit Standing Ovations und enthusiastischem Jubel.

Weitere Vorstellungen am 26.6. und 6.7. sowie in der nächsten Spielzeit am 20. und 26.10., 1., 2., 7. und 8.11., jeweils um 19:30 Uhr. Kartentelefon 040-356868 oder im Internet unter www.hamburgballett.de.

Veröffentlicht am 25.06.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Eine späte, aber umso tiefere Liebe"



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