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München

AM BODEN BLEIBEN

"Junge Choreographen" am Bayerischen Staatsballett



Dustin Klein, Halbsolist am Bayerischen Staatsballett, kreiert erneut für den vierteiligen Ballettabend im Rahmen der Münchner Opernfestspiele. Das Thema: ein Schweineleben. tanznetz.de hat den Nachwuchschoreografen getroffen.


  • Dustin Klein bei der Probe für den Abend "Junge Choreographen"; Matteo Dilaghi, Dustin Klein, Maria Daniela González Muñoz und Jonah Cook Foto © Wilfried Hösl
  • Dustin Klein bei der Probe für den Abend "Junge Choreographen"; Matteo Dilaghi, Luis Lüps, Jonah Cook und Maria Daniela González Muñoz Foto © Wilfried Hösl
  • Dustin Klein bei der Probe für den Abend "Junge Choreographen"; Matteo Dilaghi, Jonah Cook und Maria Daniela González Muñoz Foto © Wilfried Hösl
  • Dustin Klein bei der Probe für den Abend "Junge Choreographen"; Luis Lüps, Dustin Klein und Matteo Dilaghi Foto © Wilfried Hösl

Dustin Klein, seit zehn Jahren Tänzer am Bayerischen Staatsballett, choreografiert zum zweiten Mal ein Stück für den vierteiligen Ballettabend "Junge Choreographen" im Rahmen der Münchner Opernfestspiele. Das Thema: ein Schweineleben. Dabei wird viel los sein. Neben fünf TänzerInnen, einem Schauspieler, 40 StatistInnen und der experimentellen Musik des Elektromusikproduzenten Matthew Herbert verwandelt sich die Bühne des Prinzregententheaters in eine Installation aus Gaze-Vorhängen und Projektionen des Grafikdesigners Paul Putzer. tanznetz.de hat den Münchner Nachwuchschoreografen zum Interview getroffen.


Wie kam es zu der Idee, ausgerechnet ein Tanzstück zum Thema Schweine zu machen?

DK: Die ausschlaggebende Quelle, etwas mit Tieren zu machen, war George Orwells Roman "Animal Farm" (1945), obwohl mein Stück gar nichts damit zu tun hat. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich die Musik von Matthew Herbert zwar – klick gemacht hatte es da noch nicht. Irgendwann bin ich wieder darüber gestolpert und statt eines Bauernhofs, wo die Tiere den Farmer stürzen, habe ich mich fortan auf das Leben der Tiere und dessen Ende konzentriert.

Diesen Kreislauf vertont Matthew Herbert auf seinem Album "One Pig" (2011) und begleitet ein Schwein im Mastbetrieb von seiner Geburt bis zu seiner Schlachtung und seinem Verzehr. Dabei klingt die kritische Frage an: Nehmen wir ein Tier noch als Lebewesen wahr oder ist es lediglich ein Produkt?

DK: Mich beschäftigt das Schwein als Lebensmittel. Es ist viel mehr als eine 100g-Packung Speck. Sich darüber bewusst zu sein, dass man ein Lebewesen zu sich nimmt, vor allem eines, das unheimlich klug und dem Menschen in gewissen Dingen sehr ähnlich ist, ist mir wichtig.

Bist du denn selbst Vegetarier?

DK: Nein! Nein! Ich esse gerne Fleisch, ich koche auch unheimlich gerne. Aber seitdem ich mich mit dem Thema intensiver befasst habe viel bewusster. Und da geht’s los.

Also geht es nicht um den moralischen Zeigefinger…

DK: Ich möchte das Thema in den Raum stellen, Anregungen geben, aber die Leute nicht dazu bringen, ihren Lifestyle umzustellen. Es geht mir um die Darstellung, wie so etwas abläuft. Der eine mag das brutal und grausam finden, der andere normal, und beim nächsten erweitert es vielleicht die Sichtweise auf das Thema.

Die Musik gibt ein starkes Thema vor und funktioniert fernab von klassischer Ballettmusik, in der Spannung von Bauernhofgeräuschen und elektronisch erzeugten Klängen. Welche Elemente waren wichtig für deinen Prozess, diese Musik in Bewegung zu übersetzen?

DK: Tiere sind in ihrer Bewegungsform natürlich – ob das nun ein einzelner Wolf oder Fische in großen Schwärmen sind, es existiert ein breit gefächertes Bewegungsrepertoire. Wie essen sie? Wie schlafen sie? Wie verhalten sie sich in einer Gruppe? Da kann man sich unheimlich viel abgucken, kopieren und neu inszenieren. Für das Schweinestück bleiben alle am Boden. Ein Mensch ist natürlich besser auf seinen zwei Beinen – ist schneller und wendiger, kann höher springen. Auf vier Beine zurückzugehen ist eine Einschränkung, die es aber ermöglicht eine Situation, in der ich mich gerade befinde, bewusst wahrzunehmen und anders zu denken. Wie funktionieren Bewegungen am Bauch? Kann ich meine Schultern zur Fortbewegung nutzen? Auf welche Weise hole ich Schwung, um es aussehen zu lassen wie bei einem Tier? Dadurch ist ein lustiges Bewegungsrepertoire entstanden.

Das war sicherlich eine Herausforderung für deine TänzerInnen – es gibt wohl kaum einen größeren Gegensatz als den zwischen einem Schweine- und einem Ballettkörper.

DK: Ja! Aber Herausforderung ist schön und spannend. Ich schlage gerne neue Wege ein. In Moskau haben wir zu lauter Technomusik auf Spitze getanzt, jetzt ändert sich mit dem Schweinethema die Richtung. Was mich damit verbindet ist eine Inspiration, die unmittelbar vor mir liegt und die mich betrifft – als Fleischesser, als Junge, der vom Dorf kommt und für den Bauernhöfe und Tiere nichts Fremdes sind. Letztes Jahr habe ich "wer ko der ko" mit bayerischer Musik einstudiert, also etwas, mit dem ich groß geworden bin. Oftmals muss man gar nicht weit gucken.

Du arbeitest in deinem Stück auch mit Projektionen. Warum hast du dich für eine weitere visuelle Ebene entschieden?

DK: Die Visualisierung des eigentlichen Vorgangs kann unheimlich brutal und aggressiv aufgeschnappt werden. Das finde ich gut, denn im Tanz auf der Bühne ist das nur schwer darstellbar. Und es hat einfach viel Panasch, es macht was her! Indem Tanz, Text und Musik unterstrichen werden, erreichen wir einen noch tieferen Effekt. Der ganze Raum wird dadurch verändert: das Bauernhaus wird zur Schlachthalle, Hackfleisch regnet vom Himmel … Dinge wie die Geburt oder der Abtransport werden in der Vorstellung angeregt, ohne sie auf der Bühne zu zeigen.

Zum zweiten Mal bist du Teil des Abends "Junge Choreographen" und seit 2012 hast du regelmäßig Choreografien gemacht, darunter für das Stanislawski Theater Moskau, die Stuttgarter Noverre-Gesellschaft, das Staatsballett II und zuletzt die Ballettdivertissements von Verdis "Les Vêpres Siciliennes" an der Bayerischen Staatsoper. Was reizt dich – auch als aktiver Tänzer – am Choreografieren?

DK: Für mich ging es schon früh Hand in Hand Tänzer und Choreograf zu werden und zu sein. Ich wollte nicht nur Schritte lernen und zur Perfektion bringen, sondern diese gelernten Schritte selbst aneinander bringen und mir neue ausdenken. Das ist wie bei einem Musiker, der nicht nur Coversongs spielen möchte. Deshalb ging das mit dem Choreografieren bei mir ziemlich früh los, ich suchte eigene Wege. In einer großen Ballettkompanie ist es schwer seinen eigenen Input zu geben - gerade bei den klassischen Stücken, die schon so lange existieren. Nur bei Uraufführungen oder Neueinstudierungen ist es möglich sich einzubringen, sofern der/die ChoreografIn das zulässt.

Was ist dir im Prozess des Choreografierens wichtig?

DK: Eine gute Crew um sich zu haben und sich geborgen zu fühlen. Es ist wichtig Leute zu haben, die einem vertrauen und an einen glauben. Man lernt unheimlich viel aus seinen Fehlern. Es ist schön sich diesem Prozess zu öffnen und sich Dinge einzugestehen – egal ob positiv oder negativ, um sie zu wiederholen oder anders zu machen.

Gibt es ein choreografisches Vorbild, das besonderen Einfluss auf dich hatte?

DK: Diese Frage habe ich schon hundertmal beantwortet. Langsam wage ich zu sagen, dass ich immer weiter davon wegkomme. Natürlich habe ich meine Favorites – ich finde Sharon Eyal supercool und die Arbeit von Hofesh Shechter, Sidi Larbi Cherkaoui oder Akram Khan spricht mich sehr an. Doch das wechselt immer mal wieder.

Allesamt ChoreografInnen aus dem Bereich des zeitgenössischen Tanzes, obwohl deine tänzerischen Wurzeln im Klassischen liegen.

DK: Mein Interesse am Tanz hat sich über die Jahre erweitert. So gerne ich Ballett mache, es ist sehr strukturiert und kann sehr eingeschränkt in seiner Wiedergabe sein. Tanz als Tanz zu sehen ist offener. Vielleicht mache ich morgen etwas mit Tango, danach interessiert mich wieder die Clubszene. Tanz ist so vielfältig, ich will alles mitnehmen.

Veröffentlicht am 22.06.2018, von Miriam Althammer in Homepage, Leute

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Kommentare zu "Am Boden bleiben"



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