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Berlin

GLEICHGEWICHT IM RAUM...

...zwischen Text, Musik und Bewegung beim 19. poesiefestival berlin



"excyte" von Julian Weber, Martin Hiendl und Kinga Tóth schafft ein organisches Ganzes, "let us gather for no-thing" von Ana Laura Lozza, Tian Rotteveel und Erica Zíngano konzentriert sich auf die rhythmischen Korrespondenzen.


  • Festival "drei D poesie VI" in der Akademie der Künste Berlin: Tian Rotteveel „let us gather for no-thing“ Foto © Dieter Hartwig
  • Festival "drei D poesie VI" in der Akademie der Künste Berlin: Tian Rotteveel „let us gather for no-thing“ Foto © Dieter Hartwig
  • Festival "drei D poesie VI" in der Akademie der Künste Berlin: Tian Rotteveel „let us gather for no-thing“ Foto © Dieter Hartwig
  • Festival "drei D poesie VI" in der Akademie der Künste Berlin: Julian Weber „excyte“ Foto © Dieter Hartwig
  • Festival "drei D poesie VI" in der Akademie der Künste Berlin: Julian Weber „excyte“ Foto © Dieter Hartwig
  • Festival "drei D poesie VI" in der Akademie der Künste Berlin: Julian Weber „excyte“ Foto © Dieter Hartwig

Im Rahmen des 19. poesifestivals berlin fand eine Reihe aus interdisziplinären und kollaborativen Zusammenkünften zwischen DichterInnen, MusikerInnen, KomponistInnen sowie ChoreografInnen und TänzerInnen zu ihrem, hoffentlich erstmals nur vorläufigen, Ende. Mit den Stücken „excyte“ und „let us gather for no-thing“ wurde das Format „drei D poesie“ an der Akademie der Künste in das umfangreiche Festivalprogramm eingebunden, weitere Aufführungen fanden im Laufe des letzten Jahres in den Uferstudios Berlin statt.

Passend zum Initiator, dem Haus der Poesie, bot die vielsprachige Plattform lyrikline.org eine Auswahl an Ansatzpunkten, von denen sich die ChoreografInnen inspirieren ließen und sich ihre Poetinnen für die Zusammenarbeit suchten. Dabei ging es weniger um Interpretationen oder Darstellungsformen von Text, als vielmehr um das Erfahren von Berührungspunkten und Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen und Materialien. Und da tauchen immer wieder rhythmische Elemente und Tempi auf, die sich auf sehr unterschiedliche Art eindringlich durch den zweiteiligen Abend ziehen.

„excyte“ besticht durch seine ruhige Kontinuität und Langsamkeit. In der Bühnenmitte verdichtet sich ein Wald aus Becken. Der Tänzer und Choreograf Julian Weber, der schon vor der Vorstellung mit einem Seil das Foyer und damit den Raum zwischen den Zuschauenden vermisst und auslotet, klettert über die Bühne und den hinteren Zuschauerraum. Wie eine Schlange zieht sich das Seil, mal leise, mal geräuschvoll, über Ränge und Becken. Durch die Bühne hindurch sehen wir in einen zweiten Zuschauerraum, in dem in statischen Positionen Podeste für Flöte (Rebecca Lenton) und Bassklarinette (Theo Nabicht) geschaffen wurden. Der Choreograf beschreibt die Konstellation als eine Art Raumsystem und etabliert unterschiedliche Positionen, um sie später im Stück aufzulösen. Dann wird die Flötistin zur Bühne getragen und schreitet schnellen Schrittes voran. Die Dichterin Kinga Tóth wird auf dem Tänzer sitzend vorwärtsbewegt. Sie rezitiert ihre Gedichte von Geräuschen durchzogen und streckt die Buchstaben lang, die sich mit einem Ping-Pong-artigen Zählen, das Entfernungen überbrückt, vermischen. So wird der Raum ausgedehnt, was zu dem atmosphärischen Zeitempfinden des Stückes beiträgt. Wie bei einem organischen System scheinen die Aufgaben verteilt und der alles ein- und umfassende Körper ist trotzdem gleichzeitig spürbar.

In „let us gather for no-thing“ spricht von der Empore, wie ein Priester von einer geheimnisvollen, räumlich nicht präsenten Kanzel, die Dichterin Erica Zíngano in rhythmischem Portugiesisch. Das Gedicht bewegt sich, wenn auch akustisch schon längst verstummt, noch durch die Schrittfolgen und Bewegungen weiter durch das Stück. Ana Laura Lozza und Tian Rotteveel haben sich dafür einen eigenen Algorithmus und ein System der Entscheidungsfindung geschaffen. Auf- und Abgänge folgen in rhythmischer Regelmäßigkeit. Reset. In schnellen Schritten wird eingezählt und losgelegt. Wie zum Training für ein Fußballspiel getrippelt, vorn und hinten überkreuz gelaufen, rückwärts gesprintet. Symbolische Armgesten kommen später hinzu, wie Handpistolen, die den Tänzer zu Boden sinken lassen, dazwischen ein Stopp und ein Go. Die Hände geöffnet oder zu Fäusten geballt. Wohin treibt diese Bewegungskonstellation? Sie scheint unzerbrechlich in ihrer Repetition, bis zum Ende des Stückes, wenn ein Ei auf dem Boden zerschlägt. Der Rhythmus verbindet und hält zusammen. Tian Rotteveel beschreibt es als eine wechselseitige Anwesenheit eines ‚together alone’, in dem ein betontes Nebeneinander das Gemeinsame entstehen lässt. Das rhythmische und sichtbare Zählen als Anker in der Zeit bekommt in „let us gather for no-thing“ eine eigene Körperlichkeit.

Das Gleichgewicht im Raum entwickelt sich durch das Zusammenspiel gleichberechtigter Elemente, die dennoch ihr Eigenleben behalten. Disziplinen und Genres lösen sich dadurch nicht vollkommen auf, aber ihre Grenzen werden keinesfalls vehement verteidigt. Dadurch entsteht eine Kooperation der sanften Grenzüberschreitungen und Übersetzungsprozesse. Nichts will und kann als vermeintliches ‚Genre-Original’ daherkommen. So ist das Schreiben für Kinga Tóth bereits eine Praxis, die Text von vornherein mit Körper und Stimme zusammendenkt. Auch der Musiker von „excyte“, Martin Hiendl, verneint seine kompositorische Tätigkeit als autoritärer Partiturenerzeuger und sieht die Arbeit vielmehr in der direkten und praktischen Aushandlung.

Was dadurch entsteht, ist eine für die zeitgenössische Tanzszene Berlins eher ungewöhnliche Konstellation, die beweist, wie spannend solche Aufeinandertreffen von KünstlerInnen sein können. Denn was der Abend sicherlich mit sich bringt, ist die Möglichkeit ein spartenübergreifendes Publikum anzusprechen und damit Perspektiven zu weiten.

Veröffentlicht am 30.05.2018, von Elisabeth Leopold in Homepage, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Gleichgewicht im Raum... "



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