HOMEPAGE



Düsseldorf

STADTTHEATER MEETS FREIE SZENE

Ben J. Riepe choreografiert für das Ballett am Rhein



Ein grandios theatraler Kommentar für unsere Zeit ist Ben Riepe mit "Environment" gelungen. Umrahmt wird die Uraufführung von einer neuen Variante von Ohad Naharins "Decadance" und Remus Şucheanăs neuem Ballett "Abendlied".


  • Ben J. Riepes "Environment" mit dem Ballett am Rhein Foto © Gert Weigelt
  • Ben J. Riepes "Environment" mit dem Ballett am Rhein Foto © Gert Weigelt
  • Ohad Naharins "Decadance" mit dem Ballett am Rhein Foto © Gert Weigelt
  • Ohad Naharins "Decadance" mit dem Ballett am Rhein Foto © Gert Weigelt
  • Remus Şucheanăs "Abendlied" mit dem Ballett am Rhein Foto © Gert Weigelt
  • Remus Şucheanăs "Abendlied" mit dem Ballett am Rhein Foto © Gert Weigelt

Ein Orkan peitscht die See auf und reißt dem Betrachter des Naturdramas auf der Düsseldorfer Opernhaus-Bühne den Boden unter den Füßen weg. Vom Schnürboden ist kurz zuvor das romantische Seestück "Wanderer über dem Nebelmeer" im vergoldeten Rahmen gekracht. Ahnte Caspar David Friedrich, dass die Natur irgendwann gegen menschliche Missachtung der Schöpfung revoltieren würde? Ben J. Riepe macht sich den symbolistischen Greifswalder Maler zum Verbündeten seines theatralen Statements über unsere Umwelt-Probleme. Dessen Mann auf der Felsklippe - vermutlich C.D.F. persönlich - hat er aus dem Gemälde geschnitten und lässt ihn verwundert über unsere Zeit sinnieren.

Seit Jahren fühlt sich der freie Choreograf Riepe in alten Fabriken, Ruinen und Museen wohl mit seinen Installationen und Performances. Nun aber kehrt er auf Einladung von Martin Schläpfer zurück auf die Bühne. Mit Spannung erwartet - und alle Erwartungen erfüllt hat der einstige Folkwang-Absolvent aus Düsseldorfs freier Szene mit seinem Stück "Environment". Zu Deutsch: Umgebung, Umwelt, Atmosphäre. Die Bühne ist schon während der Pause offen einsehbar. Im Hintergrund türmen sich allerlei elektrische Apparate und undefinierbare Gegenstände. Schrott? Eine Müllhalde? Der Mann in Frack und Zylinder stellt sich davor und rätselt wohl auch. Schließlich wendet er sich halblaut murmelnd seinen philosophischen Gedanken zu: Livestream? Bewusstseinsstrom?
Weiß vermummte Gespenster lenken ab von den Texten, die weiter aus dem Off tönen. Dramatisch schallt die elektronische Klangwolke (Sound-Design: Roman Pfeifer). Zwei putzige Männer in giftgrünen Overalls mit schwarzen Punkten (Kostüme und Bühne: Ben J. Riepe) bemächtigen sich eines ebenso grünen Vehikels - einer Art Ur-Rennauto und verpesten mit den (unsichtbaren) Abgasen die Gegend. Barocke Gestalten finden sich ein, unappetitlich schmuddeliges Getier pellt sich aus schwarzen Panzern und stellt sein buntes, lustiges Innenleben zur Schau - wenn auch nicht die Gesichter, die mit gleichem Stoff, aus dem die Kleider sind, bandagiert wurden. Alle lassen sich an langer Tafel wie zum Abendmahl nieder. Der Übervater überragt alle. Man intoniert ein Konzert mit hölzernen Klöppeln. Vom Schnürboden fahren Stoffbahnen, machen den Raum immer kleiner und enger, vielleicht schließlich auch reiner: vorn hängt eine lindgrüne Plane - jungfräulich wie eine Frühlingswiese.
Dann wird Casper David Friedrichs romantisch symbolistisches Gemälde zum Rückprospekt. Der Mann von der Felsklippe geht nun betrachtend auf Distanz, fragt wie zu Beginn verdattert: "Livestream? Bewusstseinsstrom?" Sich bewusst werdend womöglich. Ein grandios theatraler Kommentar für unsere Zeit ist Ben Riepe gelungen.

"Environment" wird umrahmt von einer neuen Variante von Ohad Naharins "Decadance" und Remus Şucheanăs neuem Ballett "Abendlied". Schrill übersteuert brüllt die Melodie, die jeder mitsingen kann, durch den noch hellen Zuschauerraum: "Hava Nagila! - Lasst uns glücklich sein!" Ohad Naharin stellt sie an den Beginn seiner Collage "Decadance", die das 35. Programm der Ära Schläpfer mit dem Ballett am Rhein eröffnet.
Entstanden ist die Idee zu "Decadance" zum zehnjährigen Jubiläum Naharins als Direktor der Batsheva Dance Company im Jahr 2000, montiert aus Ausschnitten seiner Stücke für diese Formation im ersten gemeinsamen Jahrzehnt. Mittlerweile hat Naharin "Decadance" vielfach modifiziert und mit Ensembles in der ganzen Welt einstudieren lassen (diesmal von Iyar Elezra) als unterhaltsam animierenden Cocktail seiner Philosophie von Imagination, Kunstfertigkeit und Leidenschaft, gemixt mit einem ordentlichen Schuss seiner gewitzt-witzigen Gaga-Technik und dem temperamentvoll poppigen Groove auf Pop, Jazz, ein bisschen Vivaldi-Klassik und Folklore.
Aus fünf Naharin-Stücken bietet diese Folge von "Decadance" Kostproben. Hell und heiter tritt die Schar der Tanzenden in Jeans oder Kaprihosen und bunten T-Shirts barfuß auf und schafft eine Gute Laune-Atmosphäre zum Mittanzen-Wollen. Tatsächlich endet das halbe Tanzstündchen auch mit dem traditionellen "Welcome"-Finale, in dem einer die Arme weit ausbreitet, um das Publikum willkommen zu heißen auf der Bühne. Aber ein deutsches Landehauptstadt-Opernhaus ist schließlich kein tanzhaus-nrw oder Kibbutz-Zelt, keine Zeche Zollverein. Der sich schließende Vorhang verschluckt den Animateur. Immerhin gehen die Zuschauer froh gestimmt in die Pause und mit Bildern wie dem von der mit stoischer Ruhe durch die tanzende Menge humpelnden Giraffe, Cassie Martín.

Wie vom anderen Ende der Bühnentanz-Geschichte beschließt Remus Şucheanăs "Abendlied" das Programm. Großes Ensemble bietet er auf zu dem frühen Schubert-Trio Nr. 2 in Es-Dur, gespielt von Alina Bercu (Klavier), Franziska Früh (Violine) und Nikolaus Trieb (Cello). Halblange, weichfließende und wehende Tüllröcke der Damen und enganliegende graue Ganzkörpertrikots der Herren unterstreichen den leicht verfremdeten neoklassischen Duktus der Choreografie. Kleine Gruppierungen dominieren mit schnellen Pirouetten, vielen Arabesken - kaum Sprüngen oder Hebungen. Irgendwann sondert sich einer ab, steht melancholisch, sinnend abseits.
Immer wieder klingt in der Musik das Todesmotiv aus Schuberts Quartett "Der Tod und das Mädchen" an. Auch die späten Liederzyklen "Die schöne Müllerin" und "Winterreise" sind nicht fern. Aber der Choreograf kann sich nicht eindeutig zu einem der drei oft schon choreografierten Musikstücke bekennen. Unglücklich wirkt, dass ausgerechnet einer der grandiosesten Tänzer des Ballett am Rhein, Eric White, in die weitgehend halb-pantomimisch, statuarische Rolle des Melancholikers gezwängt wird, während die anderen ihn - mal in Schläppchen, mal auf Spitze - eher nichtssagend umtänzeln.
Es ist die zweite Choreografie des Rumänen, der seit dem Ende seiner Tänzerkarriere als Ballettdirektor und Leiter der Ballettschule am Rhein fungiert. "Abendlied" wird wie zuvor "Concerto Grosso Nr 1" dem künstlerischen Potential des Ballett am Rhein bei weitem nicht gerecht. Offenbar allerdings erkennt Martin Schläpfer, Chefchoreograf und Künstlerischer Direktor des Ballett am Rhein, da eine Handschrift, die dem Zuschauer beim erstmaligen Kennenlernen verborgen bleibt? In der nächsten Saison steht Şucheană mit zwei weiteren neuen Choreografien im Programm.

Veröffentlicht am 29.04.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 1449 mal angesehen.



Kommentare zu "Stadttheater meets freie Szene"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    BEHERRSCHER DER GEISTER

    Schläpfer, Goecke und Jooss in Duisburg

    Mit Sensibilität und Respekt für die Erwartungen des Publikums hat Martin Schläpfer auch die Duisburger Fraktion der Deutschen Oper am Rhein für sein Ballett am Rhein gewonnen.

    Veröffentlicht am 03.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

    Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf

    Martin Schläpfer setzt auch durch seine zweite Zusammenarbeit mit der Grande Dame der zeitgenössischen Musik höchste Maßstäbe für den Bühnentanz im 21. Jahrhundert.

    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko


    DIE FRAUEN EMANZIPIEREN SICH

    Applaus für das Berliner Gastspiel des Ballett am Rhein mit Martin Schläpfers „7"

    Das Zentrum bilden Mann und Frau, ihre Anziehung und Abstoßung, Dominierung und Befreiung. Faszinierend ist die Wucht, mit der Schläpfer dieses Sujet in immer neuen Tanzbildern spannend in Szene setzt.

    Veröffentlicht am 12.04.2017, von Gastbeitrag


    VON AUßENSEITERN UND EINZELGÄNGERN

    b.30 in Düsseldorf

    Das neue Programm des Ballett am Rhein bietet lange, vielfältige, aber leider allzu harmlose, ungenaue Blicke auf das aktuelle Thema Einsamkeit als Außenseiter oder Einzelgänger.

    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Marieluise Jeitschko


    PHÖNIX AUS DER ASCHE

    Pick bloggt über den Ballettabend „b.26“ in Düsseldorf

    Was für ein super Programm hat sich Martin Schläpfer da ausgedacht. Der Ballettabend „b.26“ mit Choreografien von August Bournonville, Antony Tudor und Terence Kohler an der Düsseldorfer Oper am Rhein weckt hohe Erwartungen.

    Veröffentlicht am 19.10.2016, von Günter Pick


    MONAT FÜR MONAT MIT KRAFT UND ELEGANZ UND FREUDE

    Eine Kalender-Hommage an Martin Schläpfers zeitgenössisches Tanzensemble

    Der Fotograf und ehemalige Tänzer Gert Weigelt zeichnet für die exquisiten Abbildungen verantwortlich, die alle von einer puristischen Eleganz durchzogen sind.

    Veröffentlicht am 23.11.2015, von Andrea Amort


    B.25 BEIM BALLETT AM RHEIN

    Ein neuer van Manen für deutsche Tanzfans!

    Die Premiere von b.25 in Düsseldorf mit Raritäten von Forsythe, Ashton und van Manen war ein Fest. Die deutsche Erstaufführung von van Manens "Two Gold Variations" bot den Höhepunkt.

    Veröffentlicht am 12.10.2015, von Marieluise Jeitschko


    NEUES DOMIZIL FÜR DAS BALLETT AM RHEIN

    Das Balletthaus der Oper ist offiziell übergeben

    Stadt und Oper haben das Millionenprojekt im vorgesehenen Zeit- und Budgetrahmen fertiggestellt

    Veröffentlicht am 05.09.2015, von Pressetext


    DREI VARIANTEN VON TANZ HEUTE

    "b.24" des Ballett am Rhein

    Scheinbar mühelos bewältigen die Tänzer und Tänzerinnen die Uraufführungen von Young Soon Hue, Marco Goecke und Amanda Miller. Aber eine wirkliche Novität im facettenreichen Spektrum zeitgenössischen Tanzes fehlt diesem Programm.

    Veröffentlicht am 14.05.2015, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein


    SOMMERNACHTSTRÄUME IN DER KIRCHE?

    Mit dem Ballett der Theater Plauen-Zwickau geht das wunderbar.
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    OPEN STAGE "EMPTY SPACE"

    „Open Stage“ am Samstag, 12. Mai, in der HebelHalle am UnterwegsTheater Heidelberg.

    Jai Gonzales hat für diesen Abend auch ehemalige Weggefährten des UnterwegsTheater eingeladen. Das von ihr ausgedachte Format „Open Stage“ gewinnt allmählich Kultstatus.

    Veröffentlicht am 30.04.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

    Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“

    Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger


    SEHNSUCHTSVOLLER HERZSCHMERZ

    "True Romance" von Hans Henning Paar und Daniel Soulié am Theater Münster

    Veröffentlicht am 19.05.2018, von Marieluise Jeitschko


    WUNDERVOLLES JETZT

    "After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

    Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


    ÄSTHETISCHE WELLEN

    Der Tanzabend "Waves" von Tarek Assam am Stadttheater Gießen

    Veröffentlicht am 18.05.2018, von Dagmar Klein


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen

    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein



    BEI UNS IM SHOP