HOMEPAGE



Düsseldorf

SPIEL, RITUAL UND RAUSCH

Ben J. Riepes „Carne Vale“ in der Kunsthalle Düsseldorf



Es ist als ob hier ein Fest gefeiert wird, bei dem sich der Mensch seinem Körper so, wie Gott ihn erschaffen hat, hingeben darf.


  • "Carne Vale" von Ben J. Riepe Foto © Ursula Kaufmann
  • "Carne Vale" von Ben J. Riepe Foto © Ursula Kaufmann
  • "Carne Vale" von Ben J. Riepe Foto © Ursula Kaufmann
  • "Carne Vale" von Ben J. Riepe Foto © Ursula Kaufmann

Spiel, Ritual und Rausch. Das sind die Ereignisse, aus denen Riepe seine vier Darsteller die Performance zünden lässt. „Carne Vale“, jetzt in der Kunsthalle Düsseldorf wiederaufgenommen, entpuppt sich als packende Tour de Force durch die Kulturen der Welt. Ein Teufelsritt auf weißem Podest im White Cube, während sich die Jecken draußen vor der Tür bereits warmlaufen. Es ist nicht mehr lang hin zum Rosenmontagsumzug.

Ben J. Riepe zählt zu den profiliertesten Künstlern in Nordrhein-Westfalen. Seit Jahren spitzengefördert und Affiliated Artist bei Pact Zollverein in Essen, steuert er seit dieser Woche auf seine erste Produktion für das Ballett der Oper am Rhein Ende April zu. „Environment“ entsteht auf Einladung von Martin Schläpfer für die Tänzerinnen und Tänzern der Kompanie; für Menschen, die eine klassische Tanzausbildung absolviert haben und die ihren trainierten Körper als Instrument für den Vollzug einer perfekt einstudierten Position oder eine festgelegte Bewegung zu benutzen wissen. „Carne Vale“ bildet dazu bereits jetzt den spannenden Kontrapunkt. Es ist als ob dort ein Fest gefeiert wird, bei dem sich der Mensch seinem Körper so, wie Gott ihn erschaffen hat, hingeben darf. Die Aufführung hat dabei die Kraft, die Grenzen zwischen den Zeiten und den Räumen zu durchstoßen.

Schnell bewegt man sich im Rhythmus mit, kaum haben die Performer Simon Hartmann, Petr Hastík, Sudeep Kumar Puthiyaparambath und Daniel Ernesto Müller Torres ihre Utensilien aus Stoffen, Jacken, Rollen aus Karton und Klebebändern am Rand abgelegt und begonnen, variantenreich zu hüpfen, zu wippen und zu wedeln. Der erste Freudenschrei aus dem Mund eines Tänzers, ein Loslassen während der Anstrengung, erschallt im Raum. Die anderen haken sich unter. Drehen sich mit weit geöffneten Armen im Kreis. Stapfen und gleiten durch den Raum, immer auf den Ton des anderen achtend, eine immer vielstimmiger werdende Komposition aus stampfenden und gleitenden Schritten und Atemgeräuschen. Rizzos Aufarbeitung von Bewegungen aus Volkstänzen in „D´après une histoire vraie“ lässt grüßen. Nur ist Riepes Gestus ein anderer. Nie hat man das Gefühl, er zeige demonstrativ etwas auf. Vielmehr wird man Teil von etwas. Die von ihm konzipierte und choreografierte Performance erzeugt einen Strom unterschiedlicher Erfahrungen und Emotionen, der einen schlicht: mitnimmt. Festhalten sinnlos.

Irgendwann kommen die Tänzer zusammen, um das nächste Kapitel ihres Karnevals aufzuschlagen. Der Übergang erfolgt unaufgeregt, leise. Sie entkleiden sich. Einer bindet sich Kuhglocken um die Hüfte, und plötzlich wirbelt er damit über die Bühne. Unmittelbar nimmt man den Funken Unglaube in sich wahr, noch bevor man begreift, dass sich hier Ekstase Bahn bricht. Ein Zustand, der altmodisch wirkt, wo es draußen nur noch um Informationen, Vernetzung, Dialogpflege, Digitalisierung und Optimierung geht. Riepes „Carne Vale“ triumphiert hingegen über den Verstand und huldigt dem Köper als Ort der Welthervorbringung, des Rhythmus und des Klanges, aber auch der Selbst- und Herrschaftsdarstellung.

Die Männer halten ihre Rohre aus Karton. Sie bilden einen Chor von Alphornbläsern. Danach steigern sie ihr Crescendo. Sie kleben sich Rohre um die Beine. Die Arme. Der Körper wird geschmückt, das Rohr in den Mund geschoben. Der Oberkörper sinkt. Es entstehen Leiber von Insekten mit langen Rüsseln, danach vom Himmel gefallene Kreaturen. Wie in einem Kaleidoskop verändert sich das Bild mit jedem längeren Moment. Die Männer werden zu Herrschern, Königen, Kriegern, Gladiatoren und Göttern. Und sie bilden ab der ersten Sekunde eine Gemeinschaft. Nie sind sie alleine, auch wenn sie sich individuell bewegen. Das ist vielleicht das spannendste Narrativ an diesem besonderen Karneval. Das, was sie im Tanz praktizieren, ist nur mit dem anderen im Raum möglich. Man vergisst es im Alltag der Komplizenschaften.

Das dritte Kapitel ist, wenn man so will, der Verhüllung des Körpers gewidmet. Die Darsteller durchwandern die Ikonografien verborgener Körper in den Weltkulturen, nur sekundenlang, aber prägnant. Der lasziv sich rekelnde Jüngling darf nicht fehlen. Und wieder finden sie zusammen zu einem einzigen Mantra. Man versteht kaum die Worte. Alles wird auf einer Silbe gesungen. Es ist ein Statement über Kunst. Vielleicht dauert der Weg zurück in den Verstand in diesem Moment auch zu lang. Als ob jemand den Stecker zieht, bricht die Performance ab. Verwundert reibt man sich die Augen. Es fehlt das letzte Kapitel, eine Art überraschende Wendung zum Schluss entweder ins Hier und Heute oder der Tritt über die Schwelle zum Zuschauer. Irgendwas, worin die letzte Konsequenz dieses gewaltigen Panoramas, das Riepe eindrucksvoll entwickelt hat, bestehen könnte. Das aber nur am Rande. Die großartigen Darsteller haben alles gegeben, was ihnen möglich war. Nun zählt man die Tage bis zur Premiere in der Oper am Rhein.

Veröffentlicht am 07.02.2018, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 2477 mal angesehen.



Kommentare zu "Spiel, Ritual und Rausch "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    KÜSSE UND BISSE

    Fotoblog von Ursula Kaufmann

    Ben J. Riepe zeigte im Rahmen des asphalt Festivals 2019 in den Alten Farbwerken Düsseldorf seine neueste Arbeit "MEDO/ANGST", in der das Leben ausgelassen gefeiert wird.

    Veröffentlicht am 22.07.2019, von Gastbeitrag


    AUSGEZEICHNETER RIEPE

    Tabori Preis 2019 zum 10. Mal verliehen

    Der Fonds Darstellende Künste verleiht den Tabori Preis 2019 an Monster Truck und zwei Tabori Auszeichnungen an die Ben J. Riepe Kompanie und machina eX.

    Veröffentlicht am 01.05.2019, von Pressetext


    ÜBERRASCHEND

    Fotoblog von Ursula Kaufmann

    Das "Geister Fragment" von Ben J. Riepe im Rahmen des Festivals für digitale Kunst und Musik "die digitale Düsseldorf".

    Veröffentlicht am 25.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    „LIVEBOX: PERSONA“ VON BEN J. RIEPE GEWINNT PREIS DER JURY BEIM THEATERFESTIVAL FAVORITEN 2016

    Die Kompanie erhält ein Preisgeld von 10.000 Euro

    Ben J. Riepe arrangiert seine PerformerInnen in einer vielseitigen Abfolge aus Bildkompositionen. Live und unvorhersehbar.

    Veröffentlicht am 09.10.2016, von Pressetext


    OHNE RAHMUNG

    Ein Tag auf der Tanzplattform 2010

    Veröffentlicht am 02.03.2010, von Alexandra Karabelas


     

    LEUTE AKTUELL


    TANZWUNDER

    Egon Madsen zum 77. Geburtstag
    Veröffentlicht am 28.08.2019, von Günter Pick


    DANKE REGINE!

    Renate Killmann erinnert an Regine Popp
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Gastbeitrag


    CLAUS SCHULZ ZUM 85. GEBURTSTAG

    Geburtstag zweier Größen der Ballettwelt
    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    REBELLEN (UA)

    Tanzabend von Asun Noales, Tarek Assam und Jörg Mannes Musik von Steve Reich, Dmitri Schostakowitsch und Igor Strawinsky

    Rebellion und Anderssein bilden die inhaltliche Klammer des neuen, dreiteiligen Tanzabends REBELLEN (UA) der Tanzcompagnie Gießen/Stadttheater Gießen.

    Veröffentlicht am 17.09.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    SCHWERGEWICHTE

    Das Spielzeitheft Nr. 6 ist online

    Veröffentlicht am 02.09.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „ONE FLAT THING, REPRODUCED“

    „Frankfurt Diaries“ vom Gärtnerplatz-Ballett in der Reithalle in München

    Veröffentlicht am 24.11.2015, von Malve Gradinger


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



    BEI UNS IM SHOP