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Gießen

KUNST-CROSSOVER ZWISCHEN WEST UND FERNOST

Wieder einmal wagt der Gießener Ballettdirektor Tarek Assam mit „CROSS!“ Neues



In seiner Choreografie lässt er Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen auf chinesische AkrobatInnen treffen.


  • „CROSS!“ von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • „CROSS!“ von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • „CROSS!“ von Tarek Assam Foto © Rolf K.Wegst
  • „CROSS!“ von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst

Zeitgenössischer Tanz und fernöstliche Akrobatik in einem abendfüllenden Bühnenstück mit 14 Beteiligten, das ist bislang wohl einmalig im Tanz. Dafür hat sich Tarek Assam mit der Kostümbildnerin Gabriele Kortmann und dem Bühnenbildner Fred Pommerehn, beide aus Berlin, ein seit Jahren bewährtes Kooperationsteam geholt. Auch mit den drei Musikern von 48nord (München) hat er schon für die letzte Produktion im Großen Haus des Stadttheater Gießen („Titus Andronicus“) erfolgreich zusammengearbeitet.

Seit gut sechs Jahren pflegt die Tanzcompagnie Gießen den künstlerischen Austausch mit China, hat dort mehrfach getourt und mit der Shenzhen Arts School gibt es mittlerweile ein Ausbildungsprojekt. Auf der Basis dieser Kooperation fragte das Kulturamt Shenzhen vor einiger Zeit, ob Assam sich vorstellen könne, mit Akrobaten der YATE-Gruppe (Leitung Ye Mao) zusammen zu arbeiten. Diese Idee musste reifen und wurde nun umgesetzt. Im Dezember waren Assam und einige TCG-Tänzer in Shenzhen, ein erstes Kennenlernen mit den YATE-Akrobaten fand statt.

Für die Ideenentwicklung äußerst hilfreich waren die Bühnenelemente von Pommerehn, die in China nachgebaut wurden. Damit konnten die Akrobaten auch in der Zwischenzeit weiterarbeiten, bevor sie Mitte Januar in Gießen ankamen. Hier ließ Assam Akrobaten und Tänzer paarweise miteinander arbeiten, um die Besonderheiten der jeweiligen Körperkunst zu erfahren und erste Mixturen zu erproben. „Das Bewegungsmaterial habe ich dann strukturiert und in die Choreografie eingebunden“, erzählt er. Also ein sehr behutsames Herantasten an das Miteinander der doch sehr unterschiedlichen Kulturen. Auch die Kostümbildnerin war mit nach China gefahren, vor allem, um dort entsprechende Stoffe einzukaufen, die für die Bühne in rotglänzende Satin-Anzüge umgewandelt wurden.

Unterschiede der westlichen und fernöstlichen Kultur bilden den Ausgangspunkt des Tanzabends. Unterschiede, die auch zu Missverständnissen führen können, wie Assam selbst in China erleben konnte. Er lässt die Unterschiede zwischen fernöstlicher Akrobatik und zeitgenössischem Tanz nebeneinander bestehen, sucht Schnittstellen und zeigt Begegnungen, will aber keinesfalls die Akrobaten zu westlichen Tänzern oder umgekehrt machen. Verschmolzen werden die Szenen über den Sound. Für diese Auftragskomposition mixten 48nord (Ulrich Müller, Siegfried Rössert, Patrick Schimanski) vor allem digitale Samples, spielten weniger Instrumente ein als sonst. Entstanden ist eine faszinierende Mischung aus chinesischer Musik der Vergangenheit und Gegenwart, westlicher E-Musik und Alltagsgeräuschen wie Stimmengewirr. Im Ergebnis sind das ebenso hart treibende Rhythmen wie lyrisch melodiöse Teile.

Das geometrische Bühnenbild strahlt fernöstliche Klarheit aus, offenbart am Ende auch eine blinkende Überraschung. Es besteht aus großen quadratischen Kuben, die gehoben, geschoben und gestapelt werden können, auf denen getanzt wird und akrobatische Pyramiden gebaut werden. Oder in deren offene Mitte man eintauchen und verschwinden kann, manchmal auch wie ein Jack-in-the-box wieder emporsteigt. Die Kostüme leisten das Ihre zu dem ästhetisch klaren Gesamteindruck. Wenn die roten Jacketts fallen, dann haben alle Oberteile einen dezenten Rosabeige-Ton. Alles ist wunderbar aufeinander abgestimmt und lässt zugleich die Kulturunterschiede klar erkennen. Und die Lichtregie zaubert natürlich entsprechende Stimmungen hinzu.

Während der zeitgenössische Tanz den individuellen Ausdruck, das Fallen und die Wildheit (visualisiert in den offenen Haaren der Frauen) zelebriert, steht bei den Akrobaten aufrechtes Schreiten, rituelle Bewegungen verbunden mit Tai-Chi-Eleganz und atemberaubende Balancen außerhalb der Körperachse im Zentrum. Geradezu atemberaubend sind die schnell geschlagenen Räder der Frauen (Wang Shasha, Zhao Huimin) und Sprünge der beiden Männer (Wenshang Wan, Dong Wu) quer über die Bühne, aber auch der Einarm-Handstand mit geschraubter Körperdrehung, den Xin Yuan über eine gefühlte Ewigkeit hält.

Nach der Pause wird das Crossover noch weitergetrieben: Lorenzo Rispolano tanzt im Trachtenjanker und mit Gamsbart-Hut, Sven Krautwurst überrascht im weißen Tütü zu roten Fußballersocken, amüsant kontrastiert von der Kriegerin (Li Lilam) im traditionellen Gewand der Peking-Oper. Adriana Dornio wird als turnerisch aktive Braut im weißen Kleid neugierig beäugt, erwartet von einem Bräutigam (Wu Dong) im chinesisch roten Traditionsgewand. Anna Jirmanova führt mit einem Nonnenschleier wilde Tänze auf und Michael d’Ambrosio sieht man im Schattenboxen gegen imaginäre Feinde. Während Magdalena Stoyanova den gefühlvollen Part der Annäherung an eine Akrobatin (Jiang Weiwei) übernimmt, dafür von ihresgleichen geschlagen wird. Mit der wirbelnden Caitlin Rae-Crook liefert sie sich einen heftigen Kampf mit dem Essbesteck. Denn das ist eine der Einzelaussagen: schon beim Essen zeigen sich die Unterschiede zwischen West und Fernost. Dass wir mit Messer und Gabel essen, diese von Chinesen als Waffen angesehen werden, die bei Tisch nichts zu suchen haben. Was sagt allein das über unsere Kultur aus?

Am Ende überraschen die Chinesen mit ihrer optischen Annäherung an das häufigste Outfit im westlichen Bühnentanz: hautfarbene Trikots. Die Vision lautet: Bei allen Unterschieden der Kulturen, wir sind alle Menschen und sollten traditionelle Eigenheiten wertschätzen. Love and Peace for all of us. Der Wunsch der Shenzhen-Kulturbeauftragten ist, das Stück auch in China zu zeigen; man darf gespannt sein, ob die politische Ebene die Erlaubnis erteilt.
Tarek Assam und seinem Team ist jedenfalls ein Bühnenstück über die Differenz gelungen, das mit temporeicher Dynamik und vielen Überraschungen aufwartet. Es lädt gleichermaßen zum Staunen und zum Träumen ein.

Weitere Vorstellungen: 09., 16. und 17. Februar, dann erst wieder am 20. Mai, 01. und 02. Juni.
www.stadttheater-giessen.de
www.tanzcompagnie.de

Veröffentlicht am 04.02.2018, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2017/2018

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