"Ritual" von Mátyás Ruzsom

"Ritual" von Mátyás Ruzsom

Zum Abschied

Letztes TanzArt ostwest-Festival in Gießen

Mit der zentralen Gala und dem Format „Next Generations“ konnten Tanzfans bei der letzten Ausgabe von Tarek Assams Festival aus dem Vollen schöpfen.

Gießen, 07/06/2022

Das Pfingstwochenende und die Tage davor gehören in Gießen dem TanzArt ostwest-Festival. Nun fand es hier zum letzten Mal statt, da Ballettdirektor Tarek Assam nach Halberstadt geht. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand wie immer die Gala, dazu kam diesmal das Format „Next Generations“, bei dem die Ausbildungsinstitute für Tanz einen eigenen Abend im Großen Haus erhielten. Es gab eine weitere Site-Specific-Performance im Einkaufszentrum „Neustädter“, von der Cie. Irene K. inszeniert für zwei Paare und ihre Begegnungen an den Rolltreppen. Und es gab vier weitere (Spät)-Vorstellungen auf der taT-Studiobühne. Tanzfans konnten also aus dem Vollen schöpfen.

Zur Gala hatte er sich eigens einen neuen Anzug gekauft, erklärte der moderierende Ballettdirektor Tarek Assam schmunzelnd. Und er werde ihn behalten für die nächste Gala. Ein deutliches Signal an alle, dass er das TanzArt ostwest-Netzwerk auch an seinem nächsten Wirkungsort in Halberstadt und der Region Nordharz weiterführen wird. Er nutzte die Gelegenheit für viele Danksagungen, die auch Abschiedsworte an Gießen und seine Kompanie waren. Bei den Standing Ovations am Schluss reichte ihm Intendantin Cathérine Miville einen großen Rosenstrauß.

In der Rückschau auf 18 Jahre TanzArt-Galas lässt sich sagen, dass sich einiges verändert hat. Auf der Bühne des Stadttheaters Gießen war zu erleben, wie der Bühnentanz sich beständig weiterentwickelt. Von den früher dominierenden klassischen Pas-de-Deuxs war nur noch eines zu erleben, das kam aus Chemnitz (Choreo: Katarzyna Kozielska). Auffällig war diesmal die Dominanz männlicher Tänzer, von der Zweier- über die Vierer- bis zur Fünfer-Gruppe (Pforzheim – Trier - Nordhausen). Durchaus zur Freude eines Teils des Publikums, wie die Reaktionen zeigten. Bevorzugtes Kostüm bei Neuinszenierungen ist offenbar die schwarze Alltagshose und der nackte Oberkörper, beim Stück aus St. Gallen auch ein weiblicher (Choreo: Kinsun Chan). Die experimentelleren Stücke verlassen zunehmend das traditionelle Hebe-Trage-Schema, die Gleichberechtigung hat auch hier ihren Einzug. Worauf coronabedingt verzichtet werden musste, waren Gäste aus dem Ausland, so liegt der Austausch mit Shenzhen/Südchina seither auf Eis.

Der Beitrag aus Kassel zeigte eine auch im Erscheinungsbild deutlich veränderte Gruppe, auch dort hat es einen Leitungswechsel gegeben (Thorsten Teubl, Choreo: Noa Wertheim). Im Gedächtnis bleibt ein artistisches Duett, bei dem die Tänzerin den Boden nicht mehr berührt. Das Männer-Duett aus Pforzheim (Choreo: Guido Markowitz) war wie eine Paarbegegnung angelegt, mal kein Testosteron gesteuerter Zweikampf. Ivan Alboresi hat sein Stück für fünf Tänzer „Poeten“ genannt, obwohl sie eher wie Krieger vergangener Zeiten wirkten.

Es gab einige Klassiker. Bern zeigte einen Ausschnitt aus der „Göttlichen Komödie“ (Choreo: Estefania Miranda), die Kostüme waren entsprechend goldfarben und die fünf Tänzer trugen die Tänzerin wie eine Göttin, wodurch sie aber auch gehindert wurde zu ihrem Liebsten zu kommen. Die Atmosphäre zog auch musikalisch in den Bann. Es folgten Carmens Freiheitstanz (Koblenz, Choreo: Steffen Fuchs), Schuberts Winterreise in einer faszinierenden Neuinterpretation für ein Paar (Braunschweig, Choreo: Gregor Zöllig), und Vivaldis „Winter“ mit einer großartigen Choreografie für vier Tänzer von Roberto Scafati.

Die Tanzcompagnie Gießen zeigte einen Ausschnitt aus „Elektra“, da es ein Stück sei, das die Tänzer*innen so gern tanzen, erklärte Assam. Und für das Gießener Publikum war es eine schöne Wiederbegegnung. Bremerhaven zeigte ein „Ultimo Duo“ (Choreo: Sergej Vanaev) mit überraschendem Schlusspunkt und Augsburg schenkte dem Tanzfestival die Premiere „Amity“ (Choreo: Jayson Syrette). Ein sehr heutiges Pas-de-Deux in Jeans und Hoodies, aber auch im Verhalten der beiden und trotzdem fand es ein romantisches Ende. Man hörte das Seufzen in den Sitzreihen. Das Publikum war von Anfang bis Ende begeistert und zog beim Applaus alle Register.

Von den anderen Aufführungen seien einige Highlights genannt. Beim Abend der „Next Generations“ war die Züricher Gruppenchoreografie (Gianni Malfer) am professionellsten. Alle elf Tänzer*innen waren in schwarzglänzende, hautenge Ganzkörperanzüge gehüllt, nur Hände und Gesichter leuchteten hell, was auch visuell genutzt wurde. Die Gruppe bewegte sich oft wellenförmig, schnelle Isolationsbewegungen einzelner Körperteile erzeugten flirrende Momente.

Rosanna Hribar, die schon mehrfach bei der Tanzcompagnie Gießen zu Gast war, brachte gute Stimmung mit einer „Forschungsarbeit“ zur gegenseitigen Beeinflussung von Tanz und Musik. Die Tänzerinnen ließen sich vom Rhythmus bewegen, der Musiker bediente zunächst das Löffelspiel, dann eine große Trommel, mit der er das Tempo steigerte. Aus Den Haag beeindruckte das weibliche Duo, das zum Heavy-Metall-Sound von Radiohead die Verwandlung vom Miteinander zu Streit zeigte.

Die Abende auf der taT-Studiobühne waren kontrastreich. Bei den Gewinnern internationaler Tanzwettwerbe war das Duo Noemi della Vecchia und Matteo Vignali ungewöhnlich. Ihr Tanzstück über Alltäglichkeiten wie Wachwerden und Duschen, das einander Begegnen überraschte mit körperlich drastischer Direktheit. Hingegen entführten die Schwestern Ifigeneia und Ariadni Toumpeki in ein Zauberland: als kriechende Wesen mit netzverhülltem Kopf entwickelten sie sich zum aufrechten Gang, unterlegt vom traumhaften Barockgesang von Bobby McFerrin. Ein energiegeladenes Stück „Entre Nosotros“ (Unter uns) kam von der Cia. Marroch aus Südspanien. Melodia Garcia und Salvador Rocher nutzten Techniken des Breakdance für ihr gut gelaunte Wetteifern. Fulminant war der letzte Beitrag am Sonntagabend. Fünf Mitglieder des Tanztheaters Braunschweig agierten zu teils heftiger Rock-Musik zwischen Traum und Realität (Choreo: Matyas Ruzsom). Eine ausgefeilte Lichtregie suggerierte Fantasiewelten und das Werfen eines hellgrauen Granulats sorgte für temporeiche Action-Stimmung.

 

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