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Dresden Hellerau

KEINE GRENZEN DER GENRES

Die Dresdner go plastic company präsentiert mit „INAROW“ ein Festival der Künste im Festspielhaus von Hellerau



Ein Fest der Freiheit der Kunst, das keine Grenzen der Genres, der Räume und Klänge, kennt – ein Abend mit Langzeitwirkung.


  • "INAROW" von der go plastic company Foto © Klaus Gigga
  • "INAROW" von der go plastic company Foto © Klaus Gigga
  • "INAROW" von der go plastic company Foto © Klaus Gigga
  • "INAROW" von der go plastic company Foto © Klaus Gigga
  • "INAROW" von der go plastic company Foto © Klaus Gigga

Von wegen, „in a row“ oder „INAROW“. In einer Reihe und so richtig hintereinander geht hier gar nichts. Die Dresdner Company go plastic, 2010 als Kollektiv gegründet, seit 2012 unter der künstlerischen Leitung von Cindy Hammer und Susan Schubert, seit dem letzten Jahr zu den assoziierten Künstlerinnen und Künstlern des Europäischen Zentrums der Künste in Hellerau erwählt, verwandelte am Wochenende so gut wie alle Räume des Festspielhauses in einen performativen Lust- und Irrgarten.

Man konnte (musste aber nicht) den Übersichten des Programmflyers folgen, man ließ sich treiben, locken und immer wieder überraschen von dem, was da jeweils von 18.00 Uhr bis nach Mitternacht in und an insgesamt 15 Orten geschah. Fotoausstellungen, Installationen, eine Video Lounge, Performances, Musik und unvorhergesehene Überraschungen gab es mit Künstlerinnen und Künstlern, die man kennt und solchen, über die man sich freute, sie kennenzulernen. Nicht alles steht in direktem Kontext zur inzwischen beachtlichen Anzahl der kurzen und abendfüllenden Stücke von go plastic. Das war auch nicht die Absicht. Manches aber erkennt man sofort, etwa die aufgetürmten, abgefahrenen Autoreifen vor dem Festspielhaus, auf denen die Company einst „Mit Alice in den Städten“ unterwegs war. Eine Miniwanne mit goldenem Lametta erinnert an Cindy Hammers spezielle Schwanensee-Variante für einen choreografischen Wettbewerb in Görlitz.

So finden sich Versatzstücke aus weiteren Produktionen und immer wieder, so in den Reihen ausgestellter Fotos, erkennt man Tänzerinnen und Tänzer, Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren unterschiedlichen Genres und Formaten immer wieder die Arbeiten von Cindy Hammer und Susan Schubert bereichert haben. Zuletzt, alle drei Uraufführungen fanden in Hellerau statt, widmeten sich die go-plastic-Produktionen Filmgenres. Zunächst in „about blanc“ dem Thriller. Darauf folgte, erstmals im großen Saal des Festspielhauses, eine so witzige wie hintersinnige Annäherung an das Western-Genre, „Go West, Young Man“ – Helden, Mythen, Grenzen, harte Kerle, ganz weich, Westernfantasien in der Kleingartensparte.

Zum Abschluss dieser Trilogie dann tragikomische Sience-Fiction-Fantasien in „clean me“. Und jetzt kommen sie alle zusammen, diese Genres, dafür wird das Publikum aber erst einmal aufgeteilt. Ein Teil setzt sich der verbalen Verhörfolter des abgefahrenen und aufgedrehten Kommissars in „about blanc“ aus. Der Superermittler aber muss parallel in einem anderen Raum der wilden Männerfantasien aus „Go West, Young Man“ Herr werden und immer, wenn er einen Raum verlässt, brennen da die wilden Traumfantasien der Protagonistinnen und Protagonisten mit ihnen durch. Die Thrillertypen üben Moonwalk oder sanften Blues in heißer Luft aus bedrohlich arbeitenden Föhns. Die Westernboys verknoten sich in bester Forsythe-Manier, ein kräftiger Kerl vergeht sich vergebens wie einst Nijinsky als Faun auf dem Tuch der Nymphe, hier auf der goldenen Unfalldecke um dann allen nicht bewältigten Überschuss als Holzhacker abzuarbeiten. Es gibt auch Dresdner Edel-Break-Dance. Zwei Männer tanzen nach der Devise, ja komm, ganz nah, denk aber ja nicht, ich bin es, der das will.

Da die Tänzerinnen und Tänzer aus der freien Szene mit ganz unterschiedlichen Ansätzen kommen, Mitglieder des Semperoper Balletts dabei sind, gelingt es auch damit zu arbeiten, dass sich der zeitgenössische Tanz aus vielen Varianten entwickelt hat, dass diese Entwicklung weiter geht, wenn sie sich verbindet mit anderen Genres. Dies wiederum stellt den Zusammenhang her mit dem, was
Hammer und Schubert in besonderer Weise auszeichnet, wenn sie oft, wie auch hier, Grenzen der Kommunikation, der Tradition, der gesellschaftlichen Vorgaben hinterfragen, doch ohne je den Zeigefinger zu erheben.

Und dann geht es in die Zukunft, die ist für alle offen, jetzt im großen Saal des Festspielhauses.
Da ist sie wieder, die freundliche Dame, die das Wasser verteilt. Da ist auch der Kommissar, jetzt im Tutu. Da ist die Frau mit den glitzernden High Heels im schwebenden Halbmond vor den blinzelnden Planeten, unter denen Menschen als Roboter am Gleichmaß der Bewegungen verzweifeln.
Sollte dieser Traum von der Zukunft doch ein Schuss in den Ofen sein, sollte diese Zukunft doch nicht das sein, was Filme, Medien, Spiele und computergesteuerte Fantasien uns klarmachen wollen? Kann man, wie es eine der Protagonistinnen tut, diese Zukunft, nur im gefrorenen Zustand, in einem Kühlfach überleben? Das ist nicht das Gelbe vom Ei, auch wenn es goldene Eier sind, die hier aufgeschlagen werden.

In diesem Zusammenspiel der Genres kann man das Spiel mit mehreren Ansätzen beenden, alles bleibt offen, da muss sich gar kein Vorhang schließen. Und schon wummern knallende Klänge einer absurden Klanginstallation aus dem Foyer, es geht weiter, ganz sicher nicht der Reihe nach, so wie man will, bei diesem Fest für die Freiheit der Kunst, die ganz im Sinne der bisherigen Arbeiten von go plastic keine Grenzen der Genres, der Räume, der Klänge, kennt. Und das ist mal wieder so ein Abend mit Langzeitwirkung, die Bilder, die Klänge, die Rätsel, sie bleiben im Kopf, das Theater geht weiter.

Veröffentlicht am 11.09.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Keine Grenzen der Genres"



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