HOMEPAGE



Berlin

NUR EIN HALBER GENUSS

„Maillot | Millepied“ beim Staatsballett Berlin



Aus Frankreich stammen zwar beide Choreografen, die den neuen Abend im Staatsballett verantworten. Stilistisch und vor allem künstlerisch indes trennen sie Welten.


  • "Altro Canto" von Jean-Christophe Maillot Foto © Dieter Hartwig
  • "Altro Canto" von Jean-Christophe Maillot Foto © Dieter Hartwig
  • "Altro Canto" von Jean-Christophe Maillot Foto © Dieter Hartwig
  • "Altro Canto" von Jean-Christophe Maillot Foto © Dieter Hartwig
  • "Altro Canto" von Jean-Christophe Maillot Foto © Dieter Hartwig
  • „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied Foto © Dieter Hartwig
  • „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied Foto © Dieter Hartwig
  • „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied Foto © Dieter Hartwig
  • „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied Foto © Dieter Hartwig
  • „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied Foto © Dieter Hartwig

Aus Frankreich stammen zwar beide Choreografen, die den neuen Abend im Staatsballett verantworten. Stilistisch und vor allem künstlerisch indes trennen sie Welten. „Maillot | Millepied“ heißt lakonisch, was als Doppel über die Bühne der Deutschen Oper geht und somit nicht die Stücke, sondern verheißungsvoll ihre Schöpfer ausstellt. „Altro Canto“ als eröffnender Beitrag nimmt Bezug auf ein Madrigal von Claudio Monteverdi, von dem neben zwei weiteren Barockkomponisten die überwiegende Zahl an geistlichen Musiken, eingespielt vom Band, entlehnt ist. Jean-Christoph Maillot, seit 24 Jahren Leiter von Les Ballets de Monte-Carlo und Weltstar der Choreografie, ist freilich viel zu erfahren, um die liturgischen Texte wortgenau umzusetzen. Er schafft jedoch mit anderen Mitteln eine geheimnisvolle, ja mystische Atmosphäre und handelt zugleich Eindrücke vom Mit- und Gegeneinander der Geschlechter ab. Jene anderen Mittel sind das Bühnenbild und die Kostüme. In die Schwärze der Szene hinein fahren von oben immer wieder einzelne oder ornamental gruppierte elektrische Kerzen wie die Seelen Verblichener. Manche haben kometengleich einen roten Schweif. Hat Rolf Sachs diese Requisiten feinsinnig auf das Notwendige reduziert, so verwischt Starcouturier Karl Lagerfeld in seinen Kostümen die Trennung von männlich und weiblich: Beide tragen gebauschte Kurzröcke oder Hosen. So weist bereits die Ausstattung auf ein Allgemeinmenschliches hin.

Zuvörderst jedoch gehören zu den Mitteln die choreografische Erfindung und das, was sie mitteilt. Das ist im Fall der schon 2006 uraufgeführten 45-Minuten-Kreation außerordentlich. Im Zwielicht der Szene treten mit ihrer Unschärfe Menschen in Kontakt, Rock mit Hose, gleich wer sie trägt. Maillot fügt sie vorerst zu Paaren oder Trios, in weich gedehnten Formen und mit tändelndem Armspiel, wie auch Gefühle hin und her wogen. Zum Gloria aus Monteverdis Magnificat von 1610 etwa verwickeln sich drei Männer allmählich in eine Folge von Kopfständen, die sie von der Bühne abführen. Es ist zunächst eine Männerwelt, in der einer vertrauensvoll am anderen hängt, verbunden auch im Kampf, bis eine Frau auf Spitze einbricht. Über die Hände der Partner schreitet sie durch die Luft, wird umgehoben wie ein Fisch im Wasser, gleitet scheinbar über Wellen und fliegt. Präzis wie ein Uhrwerk läuft das ab und ungemein harmonisch zu sehen.

Dann beginnt das Spiel: Sie dominiert einen Mann, hält ihn auf Abstand, schmiegt sich schließlich an – da kehrt sich die Lage um. Zum Finale teilen sich die 20 Tänzer in zwei Gruppen: Fünf Paare finden zusammen, die anderen beobachten sehnend deren Glück. Filigran und ästhetisch stringent spürt Maillot unterm Lichterfirmament intimen Stimmungen nach, ohne zu konkret zu werden. Elena Pris und Vladislav Marinov, Arshak Ghalumyan und Marian Walter, Aurora Dickie und Ekaterina Petina sind die exemplarischen Paare vor einer gediegen agierenden Gruppe. Ein Treffer. Vom zweiten Beitrag des Abends lässt sich das nicht behaupten. Benjamin Millepied, Choreograf des Skandalthrillers „Black Swan“ und gescheiterter Ballettdirektor der Pariser Oper, hat sich bereits 2014 eines 1912 für die Ballets Russes entstandenen Werks angenommen: Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“ nach dem bukolischen Liebesroman des Longus. Als Mann der Zeit abstrahiert er die Story zur belanglosen Formenfolge und schöpft dabei aus seinem Fundus als Ex-Solist beim New York City Ballet. Balanchinesk fällt Tableau I aus, in dem das liebende Paar von Daphnis' Rivalen Dorcon getrennt und Daphnis von Lycéion in die Liebe eingeweiht wird. In Tableau II rauben Piraten Chloé, ehe in Tableau III farbig gewandete Naturwesen das vereinte Paar feiern. Zu Ravels lyrisch hingetupfter, oft dramatischer Komposition, die das Orchester der Deutschen Oper unter Marius Stravinsky beherzt erblühen lässt, hat Szenograf Daniel Buren eine Zweitchoreografie kreiert: Geometrische Teile fahren auf und ab, lenken vom Tanz ab und liefern einen Hauch von Op-Art wie schon sein Streifenvorhang.

Bedauerlicher jedoch der tänzerische Teil. Charaktere finden sich kaum, ausgenommen die Chloé der Elisa Carrillo Cabrera. Weshalb Daphnis und Dorcon gleich gekleidet sind; die Piraten nur durch schwarze Trikots behauptet werden und Oberpirat Dinu Tamaslacaru, bravourös wie eh, seine technischen Tricks ohne Gewinn für das Thema zeigt; Millepied keine erkennbar eigene, bisweilen eher unorganische Bewegungssprache entwickelt, macht den Doppelabend zum halben Genuss. Das potente Staatsballett mit seinem dürftigen Repertoire hätte einen ganzen dringend nötig.

Wieder 3., 10.+11.2., 14.+17.3., Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg, Tickets 20 60 92 630, www.staatsballett-berlin.de

Veröffentlicht am 27.01.2017, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2016/2017

Dieser Artikel wurde 1846 mal angesehen.



Kommentare zu "Nur ein halber Genuss"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion


    MALEN MIT DEM MENSCHEN IN ZEIT UND RAUM

    Am heutigen Sonntag wird Hamburgs Ballettintendant 80 Jahre alt. Happy Birthday, John Neumeier!
    Veröffentlicht am 24.02.2019, von Annette Bopp


    TANZ MUSS EINE NACHVOLLZIEHBARE LOGIK HABEN

    "Er… Sie… und andere Geschichten" von Renate Graziadei und Arthur Stäldi
    Veröffentlicht am 22.02.2019, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MÜNCHNER TANZBIENNALE DANCE STELLT FESTIVALPROGRAMM 2019 VOR

    16. Internationales Festival für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München vom 16. bis 26. Mai 2019

    Das Programm der 16. Münchner Tanzbiennale haben Dr. Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, und Festivalleiterin Nina Hümpel auf der heutigen Pressekonferenz im Münchner Literaturhaus vorgestellt.

    Veröffentlicht am 07.03.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    DEMIS VOLPI WIRD BALLETTDIREKTOR UND CHEFCHOREOGRAF DES BALLETTS AM RHEIN

    Zur Spielzeit 2020/21 tritt der Choreograf die Nachfolge von Martin Schläpfer an

    Veröffentlicht am 15.03.2019, von Pressetext


    ARCHAISCHE ALLEGORIE

    Europapremiere in Hamburg auf Kampnagel: „Omphalos“ von Damien Jalet mit dem „Center of Contemporary Dance“ (CEPRODAC) aus Mexico City

    Veröffentlicht am 17.03.2019, von Annette Bopp


    „I WANT TO STINK AGAIN“

    Uraufführung von Doris Uhlichs „Tank“ im tanzhaus nrw

    Veröffentlicht am 15.03.2019, von Anja K. Arend


    GEISTERBAHN DER MISSBRAUCHTEN

    Ligia Lewis „Water Will (In Melody)“ gastiert in den Kammerspielen

    Veröffentlicht am 19.03.2019, von Vesna Mlakar



    BEI UNS IM SHOP