HOMEPAGE



Berlin

ENERGIE DER ELEMENTE

Isabelle Schads "Pieces and Elements" am Berliner HAU



Wo endet und wo beginnt der Körper? In Schads neuer Arbeit, dem zweiten Teil der Trilogie über Kollektivkörper, wird die Irritation der Wahrnehmung erneut zur Strategie, um das Verhältnis des einzelnen Körpers in der Gruppe zu verhandeln.


  • "Pieces and Elements" von Isabelle Schad am HAU Berlin Foto © Isabelle Schad

Von Charlotte Riggert

Wie schon die Vorgängerstücke „Collective Jumps“ oder „Der Bau“ kommt auch „Pieces and Elements“ mit einem puristischen und gleichsam extrem wirkungsvollen Bühnensetting aus: Im Hintergrund eine Leinwand, davor ein schwarzes Podest. Der Sound, der sich während der gesamten Performance über den Bühnenraum legt, fügt sich organisch ein in das Geschehen und öffnet weitere Wahrnehmungsräume. Tropfen, Kratzen, Schaben, Ziehen – die persistente Bewegung, die sich hier zeigt, wird auch über den Ton erlebbar.

Zunächst ist die Gruppe der PerformerInnen als Block zu sehen, mit dem Rücken zum Zuschauerraum, schwarz gekleidet und in samtigem Zwielicht. Die Bewegungsbetonung liegt auf dem Oberkörper, sie alle schwenken die Arme, über dem Kopf verschlungen, drehen, rotieren, legen die Hände in den Nacken. Und obwohl die Bewegungen einander gleichen, sind sie doch nicht dieselben – die PerformerInnen sind niemals unisono, sondern vielmehr einzelne Elemente, die in ihrem Zusammen-Sein ein Ganzes bilden. Innerhalb dieses Ganzen sind die unterschiedlichsten Rhythmen zu sehen, feinste Nuancen, die Freiraum für Assoziationen geben, ohne den Blick in festgelegte Muster zu drängen.

Dabei besticht die Bildlichkeit, die sich immer wieder einstellt – wenn beispielsweise die schwingenden Arme der PerformerInnen als ein dauerhaftes Bild des Kreises auf der Netzhaut bleiben oder die Körperlandschaften, die sich formieren, plötzlich als organische Fläche erscheinen. Es ist die Verschränkung der Genres, die Schads Arbeiten diese besondere Qualität verleiht – an den Schnittstellen von bildender Kunst und Tanz und verschiedenster Körpertechniken, entsteht eine Vieldeutigkeit des Sichtbaren, das das Vergessen von bereits Gesehenem anregt. Es ist dabei geradezu unheimlich, wie eigentlich Bekanntes zu Unbekanntem wird: Die nackten Tänzerkörper, die seitlich und mit dem Rücken zum Zuschauerraum sich vom schwarzen Boden abheben, Arme und Beine so angewinkelt, dass sie aus Publikumsperspektive nicht zu sehen sind, werden plötzlich zu Fragmenten, werden Torsi, werden organische Körpergebilde. Und wieder zeigt sich hier eine Bildlichkeit, die in ein Spannungsverhältnis tritt zu dem organischen Bewegungsfluss.

Als die Gruppe der PerformerInnen am Ende schließlich wieder dem Publikum gegenüber steht, diesmal frontal und doch ohne die Gesichter zu zeigen, kehrt Ruhe ein und das Gefühl, eine Reise gemacht zu haben. Diese Reise ist unbedingt sehenswert, auch wenn sie für jeden etwas anderes sein wird.

Veröffentlicht am 26.11.2016, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2016/2017, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2750 mal angesehen.



Kommentare zu "Energie der Elemente"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DEUTSCHER TANZPREIS 2019: PROGRAMM TANZ-GALA STEHT FEST

    Preisverleihung Gert Weigelt 19.10. / Ehrungen Jo Parkes und Isabelle Schad 18.10.

    Die Verleihung des ebenso traditionsreichen wie auf Innovation bedachten Preises findet im Rahmen einer hochkarätigen Tanz-Gala im Aalto-Theater Essen statt.

    Veröffentlicht am 23.06.2019, von Anzeige


    WENN DIE MECHANIK DIE OBERHAND GEWINNT

    Isabelle Schad beim Performing Arts Festival Berlin

    Mit „Reflection“ beendet Isabelle Schad ihre Trilogie über kollektive Körper und erforscht die Bühnenmaschinerie des Hebbel am Ufer als Machtapparat. Eine Passionsgeschichte.

    Veröffentlicht am 11.06.2019, von Gastbeitrag


    ROTATIONEN

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Die Drehbühne ist in vollem Betrieb - wie kann man das nur proben? Der Fotograf wirft einen Blick in die Proben von Isabelle Schads neuer Choreografie „Reflection“ am Berliner Hebbel am Ufer.

    Veröffentlicht am 02.06.2019, von Dieter Hartwig


    VERSTECKT

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    „Der Bau - Gruppe/Kids“ von Isabelle Schad kommt im Rahmen von "Purple - Internationales Tanzfestival für junges Publikum" in den Uferstudios Berlin zur Aufführung. Ein Heidenspaß!

    Veröffentlicht am 24.01.2019, von Dieter Hartwig


    ZWISCHEN DREHWURM UND DOPPELTSEHEN

    Isabelle Schad feiert mit „Double Portrait“ und „Turning Solo“ Premiere im HAU 3 in Berlin

    In beiden Stücken arbeitet die Berliner Choreografin mit einem Kontinuum an sich wiederholenden, fließend verschiebenden Bewegungssequenzen – und wirft das Publikum damit in vielfältiger Weise zurück auf seine eigene Wahrnehmung.

    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Maria Katharina Schmidt


    ISABELLE SCHAD SCHAFFT EIN „SOLO FÜR LEA“

    Lea Moro und Isabelle Schad sind erstmals gemeinsam in den Sophiensælen Berlin zu sehen

    Eine beständige Avantgardistin zeitgenössischer Choreografie trifft auf eine neue choreografische Hoffnungsträgerin.

    Veröffentlicht am 15.10.2016, von Maria Katharina Schmidt


    GESCHICHTETE PRÄSENZ

    Isabelle Schad zeigt ihre neueste Soloproduktion „Fugen“ im HAU3

    „Fugen“ ist eine komplexe Arbeit, die sowohl die Choreografin Isabelle Schad auf bisher ungesehene Art und Weise herausfordert als auch ihr Publikum. Und damit Möglichkeiten schafft, über Grenzen hinauszugehen.

    Veröffentlicht am 31.10.2015, von Maria Katharina Schmidt


    KÖRPERBILDWERDUNGEN

    „On Visibility and Amplifications“: Fünf Arbeiten von Schad und Goldring im HAU

    Laurent Goldring spricht zum Publikum, um Stille zu überwinden. „Unturtled #4“ hat am letzten Abend der einwöchigen Werkschau der Kollaboration zwischen der Choreografin Isabelle Schad und dem bildenden Künstler seine Berlinpremiere.

    Veröffentlicht am 15.05.2015, von Maria Katharina Schmidt


    FLEISCH ZU FLEISCH

    Isabelle Schad mit "Collective Jumps" im Berliner HAU und Stary Browar in Posen

    In ihrem neuesten Projekt stellt Isabelle Schad eine Begegnung von Körpern zur Schau. Wie in den letzten Arbeiten fragt die Choreografin nach dem Potenzial des Materials und nach den Beziehungen, die es eingeht.

    Veröffentlicht am 13.12.2014, von Gastbeitrag


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    "SUTRA" VON SIDI LARBI CHERKAOUI

    Die Aufführung des Jahres 2009 bei den Festspielen Ludwigshafen
    Veröffentlicht am 12.11.2019, von Pressetext


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    PREIS EINER WAHL-FRANKFURTERIN

    Förderpreis der Alix Steilberger Kulturstiftung verliehen
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    "PHANTOM ZONE"

    Interaktive Installation von Alexandra Rauh und Gunnar Seidel

    Digitale Medien und neue Technologien sind fester Bestandteil unserer Lebenswelt. Doch wie verändert sich dadurch die Wahrnehmung der Realität? Was wird als Fehler oder Störfaktor definiert? Was blenden wir einfach aus? Und was heißt das für ein gesellschaftliches Miteinander?

    Veröffentlicht am 30.10.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    EIN GROSSARTIG WAGHALSIGES BALLETT

    Christian Spuck choreografiert in Zürich „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

    Veröffentlicht am 13.10.2019, von Marlies Strech


    SICHERHEIT IN DER UNSICHERHEIT

    „(In)Security“ feiert im schwere reiter München Premiere

    Veröffentlicht am 14.10.2019, von Peter Sampel


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP