HOMEPAGE



Bremen

ALLES IST MÖGLICH

„Zwei Giraffen tanzen Tango – Bremer Schritte“ – steptext dance project zu Gast im Bremer Theater



Absurd, komisch und unendlich tiefgründig ist Helge Letonjas Auseinandersetzung mit Gerhard Bohner.


  • "Zwei Giraffen tanzen Tango - Bremer Schritte" von Helge Letonja Foto © M. Menke
  • "Zwei Giraffen tanzen Tango - Bremer Schritte" von Helge Letonja Foto © M. Menke
  • "Zwei Giraffen tanzen Tango - Bremer Schritte" von Helge Letonja Foto © M. Menke
  • "Zwei Giraffen tanzen Tango - Bremer Schritte" von Helge Letonja Foto © M. Menke
  • "Zwei Giraffen tanzen Tango - Bremer Schritte" von Helge Letonja Foto © M. Menke

Bremens Tanz- und Theatergeschichte hat Einiges zu bieten: Kurt Hübner formte das Theater unter seiner Leitung in den 1960er Jahren zu einem Ort des Experiments, Johann Kresnik machte national und international beachtetes und kontrovers diskutiertesTanztheater, es folgten in der Tanzleitung Reinhild Hoffmann, Susanne Linke und Urs Dietrich sowie momentan Samir Akika. Das liest sich fast wie ein mustergültiges Abbild der deutschen Tanztheatergeschichte. Und doch wird einer der zentralen Vertreter des deutschen Tanztheaters leider allzu oft vergessen: Gerhard Bohner – von 1978 bis 1981 gemeinsam mit Reinhild Hoffmann Leiter der Tanzsparte. Helge Letonja, seit nunmehr 20 Jahren in Bremen und Leiter des setptext dance projects, nimmt sich Bohner an, stellt ihn in den Mittelpunkt seiner neuen mit Mitteln des Tanzfonds Erbe geförderten Arbeit.

Das ist nicht nur deshalb begrüßenswert, weil ein ausgesprochen spannender Künstler wieder ins Blickfeld rückt, sondern auch, weil Letonja sich nicht mit einer Rekonstruktion von Bohners 1980 entstandener Choreografie „Zwei Giraffen tanzen Tango“ begnügt. Sie ist Ausgangspunkt für einen zeitgenössischen Blick in Vergangenheit und Zukunft, in dem Letonja nahezu das gesamte Spektrum der (Bremer) Tanzgeschichte auffächert, und der sich als unterhaltsamer und geistreicher Abend zeigt.

Eine weißer Tanzboden, eine aus einzelnen, quadratischen Flächen bestehende weiße Wand (Bühne Rena Donsbach) und davor ganz in schwarz eine Gruppe Trauernder. Langsam, leise und hoch konzentriert beginnt dieser Tanzabend. Reduziert wirken nicht nur Bühnenbild und Kostüme (Katja Fritzsche), auch die einzelnen Bewegungen sind genau platziert, kein Fingerzucken zu viel, keine Geste zu wenig. Und doch ist diese ‚Beerdigung’ in ihrer ganzen Abstraktion fesselnd emotional. Diese Ambivalenz oder vielmehr das Changieren zwischen Kühle und Intensität, zwischen Nähe und Distanz, zieht sich durch die kommenden 90 Minuten.

Einzelne Figuren treten auf, Bilder entstehen, ins Groteske reichende Körperformen bewegen sich auf ihre ganz eigene Art und Weise. Wenn zwei Tänzer gemeinsam in einem engen Ganzkörperanzug stecken, in einem überdimensionierten Zylindern fast der ganze Tänzer verschwindet oder lange Rohre zu Armen werden, entsteht eine abstrakte, aber auch äußerst humorvolle und ergreifende Bewegungssprache. Collagenartig zusammengefügt werden diese einzelnen, zum Teil aus Bohners Werk stammenden Figuren, zu einem großen Ganzen, das, in all seiner Abstraktheit und Konstruktion, nicht nur von menschlichen Begegnungen und Beziehungen erzählt, sondern auch auf die Tanzgeschichte verweist. Diese Multireferenzialität ist spannend, fesselt und provoziert einen aktiven Zuschauer, da ein nicht unerheblicher Teil der Choreografie im eigenen Kopf stattfindet.

Zum Beispiel dann, wenn eine im knallroten, federähnlichen Tutu auftretende Ballerina verzweifelt versucht sich auf ihren Spitzenschuhen zu halten und doch immer wieder abrutscht, auf den Boden fällt. Kurz wird sie getragen von Anubis, erkennbar an seiner Maske, und wird doch gleich wieder fallengelassen. Nicht nur der verzweifelte Versuch des sich Aufrichtens, des Scheiterns liegt in dieser Szene, auch die Technik des klassischen Balletts wird in ihrer Künstlichkeit sichtbar, genauso wie einzelne Bewegungsmuster auf den „Feuervogel“ der Ballets Russes oder „Schwanensee“ verweisen. Und wer möchte, denkt vielleicht auch noch kurz an Rotkäppchen und den Wolf, wenn Anubis mit seiner wolfsähnlichen Maske die zarte rote Tänzerin im Arm festhält. Diese assoziative Offenheit ist nicht zuletzt auch den darstellerisch äußerst überzeugenden Tänzern und Tänzerinnen des steptext dance projects zu verdanken, die dem Stück mit ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten noch einmal eine ganz eigne Ebene schenken.

Helge Letonja gelingt ein Tanztheaterabend, der durch seine Komposition und Vielschichtigkeit überzeugt, auch wenn im letzten Drittel mit den nun eindeutig zeitgenössischen Gruppenchoreografien die inhaltliche Vielschichtigkeit hinter der Tanztechnik zurücktritt.

Veröffentlicht am 16.06.2016, von Anja K. Arend in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 2262 mal angesehen.



Kommentare zu "Alles ist möglich"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    SPEKTAKULÄR UND POLITISCH

    (La)Horde mit „Marry Me In Bassiani“ in der Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 10.08.2019, von Annette Bopp


    GRENZEN DES MENSCHLICHEN KÖRPERS

    Die Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 03.08.2019, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    GEOMETRISCHES BALLETT

    Hommage á Oskar Schlemmer von Ursula Sax (DE)

    Das Dresdner Ensemble bringt am 6./7.September 2019 in der Choreografie von Katja Erfurth das „Geometrische Ballett“ der Bildhauerin Ursula Sax als szenische Wiederaneignung mit Live-Musik im radialsystem Berlin zur Uraufführung.

    Veröffentlicht am 05.08.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren

    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion


    SPEKTAKULÄRES DEBÜT

    Shale Wagman als James in „La Sylphide“ am Mariinsky Theater St. Petersburg

    Veröffentlicht am 26.07.2019, von Gastbeitrag


    EMPÖRUNG IN DER BERLINER TANZSZENE

    Versprechen aus dem Koalitionsvertrag nur teilweise eingelöst

    Veröffentlicht am 04.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    SENSATIONAL DEBUT

    Shale Wagman as James in "La Sylphide“ at the Mariinsky Theater St. Petersburg

    Veröffentlicht am 30.07.2019, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP