HOMEPAGE



Lüneburg

IM STRUDEL DER RACHE DAS LICHT

Olaf Schmidt choreografiert die „Orestie“ für das Ballett am Lüneburger Theater



Feinste, tief durchdachte Tanzkunst, von jedem Einzelnen mit Hingabe und auf hohem Niveau dargestellt.


  • "Orestie", Harumi Washiyama und Wallace Jones Foto © Andreas Tamme
  • "Orestie", Claudia Rietschel Foto © Andreas Tamme
  • "Orestie", Giselle Poncet und Ensemble Foto © Andreas Tamme
  • "Orestie", Mara Sauskat und Ensemble Foto © Andreas Tamme
  • "Orestie", Phong Le Thanh und Claudia Rietschel Foto © Andreas Tamme
  • "Orestie", Phong Le Thanh und Ensemble Foto © Andreas Tamme

Es war schon sehr gewagt, was Olaf Schmidt, Ballettdirektor in Lüneburg, sich da vorgenommen hatte: Die Umsetzung der 458 vor Christus geschriebenen dreiteiligen Tragödie „Orestie“ des griechischen Dichters Aischylos in Tanz, mit einem zehnköpfigen Ensemble, auf einer vergleichsweise kleinen Bühne. Es ist das zweite Mal, dass dieses Stück für Ballett adaptiert wird, das erste Mal wagte es Joachim Schlömer 1993 in Ulm. Im Original umfasst das Werk drei Abende, die hintereinander gespielt werden – Olaf Schmidt beschränkte sich auf die wesentlichen Handlungsstränge und komprimierte das ganze auf zweimal eine Stunde.

Die „Orestie“ markiert eine wichtige Grenze aus der Zeit des ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn’ und den demokratischen Strukturen der Gesellschaft heute. Zu Aischylos Lebzeiten gab es noch keine Gerichtsbarkeit, Selbstjustiz war normal. Und so verstrickt sich auch das Haus Atreus in einen Strudel der Rache: Agamemnon opfert seine Tochter Iphigenie, damit die Götter endlich günstige Winde für seine Fahrt nach Troja schicken. Iphigenies Mutter Klytämnestra ermordet deshalb Agamemnon nach seiner siegreichen Rückkehr aus dem trojanischen Krieg, und als Kollateralschaden fällt ihrer Rachsucht auch noch die Seherin Kassandra zum Opfer, die Agamemnon als seine Geliebte mitgebracht hatte. Noch in Agamemnons Abwesenheit hatte sich Klytämnestra Aegisth zum Mann genommen und zum König gekrönt. Elektra, Tochter von Klytämnestra und Agamemnon, hasst Aegisth und verzweifelt schier am Tod ihres Vaters, ihr Bruder Orest verlässt das Haus und geht in die Fremde. Chrysothemis, die dritte und jüngste Tochter, ist mit ihrer kindlichen Heiterkeit der Gegenpol zur hasszerfressenen Elektra. Als Orest schließlich zurückkehrt, überzeugen ihn Gott Apollon und dessen Freund Pylades, den Tod des Vaters zu rächen und Klytämnestra zu ermorden. Widerstrebend fügt sich Orest in dieses Schicksal: „Du hast getan, was man nicht tun durfte – erleide nun, was man nicht tun darf.“ Er fühlt sich jedoch schuldig und besudelt und wartet nun seinerseits darauf, von den Göttern für den Mord an der Mutter gemeuchelt zu worden. Jedoch – es kommt anders. Pallas Athene veranlasst ein Gerichtsverfahren, weil sie findet, dass Schuld und Unschuld hier zu dicht zusammenliegen, und Orest wird freigesprochen. Es ist der Beginn des demokratischen Rechtssystems und der vom Volk geschaffenen Regierungsinstrumente und damit eines neuen Zeitalters der Menschheit.

Olaf Schmidt verdichtet diese komplexen Handlungsstränge zu einer gut verständlichen Abfolge und findet deutliche Anspielungen auf die Gegenwart – zum Beispiel indem er Agamemnon zum coolen Banker mit Aktenköfferchen und Anzug macht. Dankenswerterweise verzichtet er nahezu komplett auf Kunstblut, obwohl das Stück nun wahrlich von Blut nur so trieft. Stattdessen verwendet er große schwarze Tücher und eine Art Handkantenschlag, um einen Mord zu verdeutlichen. Die Rachegötter der Erynnien verkörpern immer wieder die Emotionen, die zwischen den Menschen aufwallen – vor allem im Bösen. Fliegende Kostümwechsel hinter der Bühne (eine Meisterleistung von Garderobieren und Maske!) ermöglichen es, dass so ein vielschichtiges und personenstarkes Epos auch mit zehn TänzerInnen zu bewerkstelligen ist.

Vollkommen überzeugend ist die Bewegungssprache, die Olaf Schmidt für die komplizierten Handlungsstränge findet: dynamisch, kraftvoll und doch auch ungemein sensibel und fragil, am deutlichsten zu erkennen in einem grandiosen Pas de Deux für Elektra und ihre ungleiche Schwester Chrysothemis zur Musik von Isoldes Liebestod von Richard Wagner. Wallace Jones ist ein ebenso herrschsüchtiger wie zerbrechlicher Agamemnon, Giselle Poncet eine furiose Klytämnestra, Harumi Washiyama eine zerbrechliche und doch mutig in ihr Schicksal gehende Iphigenie, Phong Le Thanh verleiht seinem Orest eine starke Dynamik, Claudia Rietschel gibt eine in ihrer Verzweiflung tief berührende Elektra, Mara Sauskat brilliert in der Doppelrolle als Kasssandra und Chrysothemis – kurzum: Das gesamte Ensemble überzeugt auf ganzer Linie. Das ist feinste, tief durchdachte Tanzkunst, von jedem Einzelnen mit Hingabe und auf hohem Niveau dargestellt.

Claudia Möbius und Manuela Müller stehen für ebenso schlichte wie passende Kostüme und ein wandlungsfähiges Bühnenbild. Robin Davis leitete die Lüneburger Symphoniker souverän durch die schwierig zu spielenden Werke von Philip Glass, Henryk Górecki, Peteris Vasks, Béla Bartók und Richard Wagner – auch bei der Musikzusammenstellung hat Olaf Schmidt eine sichere Hand bewiesen.

Bleibt zu wünschen, dass dieses Stück noch oft und lange auf dem Spielplan steht und bundesweit Beachtung findet. Das Lüneburger Ballett ist jedenfalls auf dem besten Weg, eine Kompanie von überregionalem Ruf zu werden.

Ein Interview mit Olaf Schmidt anlässlich der Premiere


Weitere Vorstellungen am 12., 14., 18., 26. und 28. Februar sowie am 1. und 12. März, am 6. April und am 1. Mai 2016. Jeweils 30 Minuten vor Beginn gibt es eine Einführung in das Stück.
Kartentelefon 04131-42100 oder über www.theater-lueneburg.de

Veröffentlicht am 30.01.2016, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 5084 mal angesehen.



Kommentare zu "Im Strudel der Rache das Licht "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben
    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DANCE!

    Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu
    Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „DER TRAUM VON BESSEREN ZEITEN“

    Das Ballett FORDLANDIA von und mit der Primaballerina Lucia Lacarra wird am Samstag, 19. September 2020, um 19.30 Uhr im Dortmunder Opernhaus uraufgeführt.

    Zusammen mit Matthew Golding tanzt Lacarra sechs moderne Choreografien von Anna Hop, Yuri Possokhov, Juanjo Arqués und Christopher Wheeldon.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DIE TANZNETZ.DE LINKLISTEN

    Fast alles, was Sie zu den Themenbereichen Tanz suchen, finden Sie bei uns in den Linklisten

    Veröffentlicht am 15.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    POSTKARTENERZÄHLUNG

    Alexander „Kelox“ Miller mit „Layover“ im Festspielhaus Hellerau

    Veröffentlicht am 15.09.2020, von Rico Stehfest


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    STEPHAN HERWIG :: IN FELDERN

    Das neue Tanzstück von Stephan Herwig feiert am Donnerstag, 29. Oktober 2020, in München Premiere.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige


    GEWONNEN UND VERLOREN

    Ralf Stabel kehrt nicht an die Staatliche Ballettschule zurück

    Veröffentlicht am 03.09.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP