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Berlin

GESCHICHTETE PRÄSENZ

Isabelle Schad zeigt ihre neueste Soloproduktion „Fugen“ im HAU3



„Fugen“ ist eine komplexe Arbeit, die sowohl die Choreografin Isabelle Schad auf bisher ungesehene Art und Weise herausfordert als auch ihr Publikum. Und damit Möglichkeiten schafft, über Grenzen hinauszugehen.


  • Fugen, Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • Fugen, Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • Fugen, Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • Fugen, Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig

Das Licht lenkt allmählich die Aufmerksamkeit von der Publikumstribüne in den Bühnenraum. In dessen Mitte steht ein einfacher Tisch, darauf ein Holzkasten ohne Boden, derart auf eine Seite gekippt, dass man durch ihn hindurchsehen kann. Das Bühnenende ist durch eine weiße Projektionsfläche markiert. Auf dem Holzkasten liegt ein Stapel beschriebener Blätter, sorgfältig zurechtgelegt.

Bereits der Programmtext des Dramaturgen Saša Božić kündigt eine Fusion aus verschiedensten Vortrags- und Darbietungstechniken an, angesiedelt zwischen autobiografischen Einblicken und musiktheoretischer Reflexion über die Kompositionsprinzipien einer barocken Fuge. Eine ambitionierte Polyphonie von Musik und Bewegung, Form und Inhalt, Innen und Außen, Verstehen und Sehen und schließlich dem auf der Bühne unweigerlich entstehenden Paradox zwischen der Person Isabelle Schad und der Darstellerin Isabelle Schad. Über allem zeigt sich die Einsicht in die stetige Konstruktion von Welt, des Ichs, mittels unumgehbarer Systeme, Disziplin und Codes, innerhalb derer im Grunde alles zur Darstellung wird. „Fugen“ ist eine komplexe Arbeit, die sowohl die Choreografin Isabelle Schad auf bisher ungesehene Art und Weise herausfordert als auch ihr Publikum. Dieses wird an die Grenzen seiner Auffassungsgabe geführt. Zugleich schafft das Stück jedoch die Möglichkeit über jene Grenzen hinwegzugehen, in der sich zeitweilig einstellenden Einheit von Sehen und Hören, von Intellekt und Ästhetik.

In blauer Bluse und beiger Hose betritt Isabelle Schad die Bühne. Die Haare exakt zurückgebunden. Ein überraschender Anblick, überschritten in vergangenen Soloproduktionen doch übergroße Kostüme und schließlich der nackte Körper, verlängert durch meterlange Stoffbahnen, die Grenzen von Körper und Umgebung. In „Fugen“ dagegen changiert Isabelle Schad zwischen der Rolle der Vortragenden, der Darstellerin und ihrer selbst. Ihre Arme beginnen um den Körper zu schwingen, dieser dreht sich kontinuierlich, in seiner Dynamik an- und abschwellend. Fast scheint es als vollziehen ihre Bewegungen Phrasen, beschreiben einen Beginn, eine Maxime und schließlich ein Ende. Ein leises Summen begleitet ihre Drehungen, die zeitweilig den gesamten Bühnenraum umfassen. Im Zentrum des hinteren Bühnenendes kommt sie allmählich zum Stehen, ihr Körper schwingt noch eine Weile nach. Jener Moment schafft in der eigenen Aufmerksamkeit eine unsagbare Sogwirkung erfüllt von Präsenz. Spätestens mit dem anschließenden Verweis von Isabelle Schad gerade ihre eigene Produktion „Ohne Worte“ von 2009 zitiert zu haben, schichtet sich die Erfahrung einer vergangenen Präsenz darüber.

Einen Kontrapunkt ganz anderer Art setzt die Szene, in der die Choreografin einen Bambusstab kontinuierlich um das rechte und dann wieder das linke Handgelenk schwingt, den Rhythmus der erklingenden „Matthäuspassion“ von Johann Sebastian Bach verfolgend. Exaktheit und Zählen treffen hier auf das freie Spiel des Bambusstabs. Weit zurückliegende Kindheitserinnerungen und die Lust sich zur Musik zu bewegen vermengen sich mit Isabelle Schads heutigem Körper, der durch klassisches Ballett, zeitgenössischen Tanz, Techniken des Body-Mind Centering sowie ostasiatischer Körperpraxen wie Aikido und Shiatsu geprägt ist. Schnell erschöpften sich für sie die Bilder des klassischen Balletts und es folgte die Verweigerung der Auswahl nach Größe und Körper, der Hierarchie eines Ballettensembles und der vielbeschworenen Schönheit der Linie. Beschrieben werden kann ihr Weg, dessen Spuren „Fugen“ nachverfolgt, als die kontinuierliche Suche nach anderen Arbeitspraktiken, horizontal organisierten Kollaborationen und Körpertechniken, die das Material des Körpers, seine Knochen, sein Fleisch, seine Organe und auf mikroskopischer Ebene seine Zellen ins Zentrum rücken und schließlich zur Suche nach individueller Kollektivität auf der Bühne führen. Ein polyphoner Weg, der in „Fugen“ erstmals derart sichtbar, die Arbeit, die Übung, das Training einer solchen Suche auf die Bühne bringt und immer wieder zum Anfang zurückkehrt: Johann Sebastian Bach und die Lust aus Kindertagen sich zur Musik zu bewegen. Die Erfordernisse dieses kontinuierlichen Trainings machen jene Momente berührend erfahrbar, in denen sie die Exaktheit zur Bewegung zu sprechen, zur Musik sich zu bewegen für einen Moment verfehlt und das Zählen bzw. die Wiederholung die Illusion des Theaters an die Oberfläche bringt.

„Fugen“ stellt eine von Isabelle Schads persönlichsten Arbeiten dar, die zugleich auch die Zweifel der Choreografin auf die Bühne bringt: Wie lange wird sie wohl das Bedürfnis haben zu produzieren, um im und mit dem Theater eins werden zu wollen? Muss ihre Suche nach einer anderen, individuellen Form der Kollektivität wohl eine Utopie bleiben? Jene Fragen schwingen nach, am Ende, im Dunkel des Theaterraums, zum Klang des durch die Luft geführten Bambusstabs.

Veröffentlicht am 31.10.2015, von Maria Katharina Schmidt in Homepage, Kritiken 2015/2016

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