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Essen

INFERNO – DER MENSCH GEHT UNTER IN SEINEN EIGENEN TECHNISCHEN SCHÖPFUNGEN

Uraufführung von Richard Siegals „Model“



Richards Siegals neue Produktion im Rahmen der Ruhrtriennale im Salzlager der Kokerei auf Zollverein in Essen


  • "Model" von Richard Siegal Foto © Ursula Kaufmann
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Bevor man sich diesem Tanzstück aussetzt, ist es hilfreich sich klarzumachen, dass es der erste Teil einer Trilogie ist, nämlich das „Inferno“ aus Dantes „Göttlicher Komödie. Das gibt Hoffnung auf das, was folgt, denn selten war Tanz so aggressiv und abschreckend wie diese Uraufführung von „Model“ im Salzlager der Kokerei auf Zollverein in Essen.

Das körperlich spürbare Wummern und Dröhnen durch die überlauten Soundcollagen – Musik mag man es wirklich nicht nennen – beeinflusst Gedärme, Atmung und Puls, lässt das Gehirn fast aus den Ohren springen. Und die großen stroboskopartigen LED-Tafeln sind eine Tortur für die Augen, die sich gerade an die dämmrig-düstere Rauminszenierung gewöhnt haben. Man kann sich nicht entziehen, es sei denn man verlässt den Raum. Doch das hat bei der Uraufführung an diesem ersten Samstagabend der Ruhrtriennale niemand getan.

Für die einen ist es ein Spiegelbild unserer von Kriegen überzogenen Welt, für die anderen die Thematisierung der tradierten christlichen Vorstellungen von Himmel und Hölle, dazwischen geschaltet das Fegefeuer. Bei Dante Alighieri heißen die drei Stationen in aufsteigender Reihenfolge: Inferno, Purgatorio und Paradiso. Das ist auch Anlass und Thema für die Tanztrilogie, die der aktuelle Intendant der Ruhrtriennale, Johan Simons, sich von seinem Kollegen aus München, dem Choreografen Richard Siegal, gewünscht hat.

Die von Simons gewählte Gesamtlosung „Seid umschlungen“ begegnet aufmerksamen Besuchern der Kunsttriennale allenthalben, in Großdruck-Zitaten auf Plakatwänden im gesamten Ruhrgebiet und in der Stückeauswahl. Auch die rau belassene Bühnenumgebung passt dazu, die von Industriebrachen geprägt ist. Das sind „Ruhris“ gewöhnt, Besucher von außerhalb staunen noch über Größe und Wucht der Anlagen.

Der Einstieg in den zweiteiligen Tanzabend ist fast harmonisch, wird doch zunächst Siegals bewährtes Stück „Metric Dozen“ gezeigt, das er mit Tänzern des Bayerischen Staatsballetts und Mitgliedern der eigenen „The Bakery“-Company umgesetzt hat. Darin geht es um Zuschreibungen an den menschlichen Körper, an den Widerstand gegen Normen und die Auswirkungen von Normierungen. Das Bewegungsrepertoire kommt aus dem klassischen Ballett, wird in bester Forsythe-Tradition dekonstruiert und neu zusammengesetzt; schließlich war Richard Siegal von 1997 bis 2004 Tänzer des Ballett Frankfurt. Sogar die Flatterhemdchen und Tanzsocken erinnern an Forsythe-Stücke und bei „Model“, dem zweiten und längeren Stück des Abends, tragen die Tänzerinnen sogar Ballettschuhe.

Einige Bewegungsabläufe von „Metric Dozen“ werden in „Model“ weiter geführt, aber schnell zerstückelt. Immer wieder ist aus dem Off eine weibliche Stimme zu hören, die „nice“ sagt, doch das Bühnengeschehen ist alles andere als nett. Immer wieder beeindrucken die Kontraste, wenn etwa Personengruppen mit roboterähnlichen Bewegungen einzelnen Individuen gegenüber stehen, die offenbar das Gleichgewicht stören; daher werden sie diszipliniert und misshandelt.

Die von Dante beschriebenen Höllenkreise werden durch indirektes Licht auf dem Bühnenboden visualisiert, die einwirkende Gewalt von außen durch Licht und Sound mehr als deutlich gemacht. Das von den Tanzenden live produzierte Stöhnen, Schreien und Wimmern scheint kein Ende zu nehmen. Einmal kehrt Ruhe ein und es erscheint das Gesicht eines Neugeborenen auf einer Lichtwand, daneben laufen Großbuchstaben im Lichtfeld, deren Wort- und Satzgebilde der zuschauende Verstand kaum noch sinnhaft zusammenbringt.

Die zehnköpfige Tänzergruppe ist am Ende wie durch’s Wasser gezogen, blickt genauso erschöpft und verzerrt wie sich die Zuschauer fühlen mögen, denn auch sie wurden am Ende direkt von den Lichtattacken bombardiert. Natürlich gibt es langen, hoch verdienten Applaus für die grandiose Leistung der Beteiligten. Doch bleibt ein schales Gefühl angesichts der Erkenntnis, dass die tanzenden Körper kaum eine Chance gegen das Sound- und Lichtspektakel hatten. Der Mensch geht unter in seinen eigenen technischen Schöpfungen. Aber so war es vermutlich auch gemeint.

Veröffentlicht am 17.08.2015, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Inferno – der Mensch geht unter in seinen eig ..."



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