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KÖRPERBILDWERDUNGEN

„On Visibility and Amplifications“: Fünf Arbeiten von Schad und Goldring im HAU



Laurent Goldring spricht zum Publikum, um Stille zu überwinden. „Unturtled #4“ hat am letzten Abend der einwöchigen Werkschau der Kollaboration zwischen der Choreografin Isabelle Schad und dem bildenden Künstler seine Berlinpremiere.


  • Isabelle Schads "Collective Jumps" im HAU Berlin Foto © Dieter Hartwig

Laurent Goldring spricht zum Publikum, um Stille zu überwinden. „Unturtled #4“ (2011) hat am letzten Abend der einwöchigen Werkschau der Kollaboration zwischen der Choreografin Isabelle Schad und dem bildenden Künstler seine Berlinpremiere. Während sie ihren Körper in einer übergroßen Hose und einem ebensolchen T-Shirt knetet, stellt er vom Bühnenrand eine umfassende Archäologie des Zuschauers auf. Zur Bewegungslosigkeit diszipliniert, sieht das Publikum, folgt man Laurent Goldring in seinen Überlegungen, nur noch Zeichen, wo doch Bilder sind. Hier übertönt er die Stille und damit die Zeichen, um Bilder zeigen zu können. Aus Isabelle Schad wird in diesem Moment ein Zweibein-Wesen, ohne Kopf, ohne Arme, ihr Körper derart in die Hose gefaltet, dass menschliche Anatomien überwunden scheinen. Man muss Laurent Goldring in seiner Genealogie des nach innen gerichteten Blicks, angefangen etwa bei US-amerikanischen Shopping Malls bis hin zum genuin angelegten Bezug des Militärs zur darstellenden Kunst, nicht gänzlich folgen. Was sich während seiner Ausführungen jedoch stetig im Bühnenraum mit Isabelle Schad herstellt, sind Bilder, ausgehend von einer spezifischen Körperästhetik.

Der Titel der Werkschau „On Visibility and Amplifications“ ist nicht nur angesichts dessen Programm: Die mittlerweile achtjährige Zusammenarbeit beider begann mit einer Auseinandersetzung um die Frage der Sichtbarkeit: „Ich glaube dir, was du machst, sehe es jedoch nicht“, entgegnete Laurent Goldring Isabelle Schad um das Jahr 2007, als diese ihn mit Körpertechniken des Body-Mind Centering und der Embryologie bekannt machte. Körperpraxen, die ihre Bewegungsmotivation nicht aus der äußeren Form, wie beispielsweise das klassische Ballett, schöpfen, sondern aus inneren Bildern von inneren Körperfunktionen. Die kritische Befragung von Körper(re)präsentationen beschäftigt Isabelle Schad bereits seit der Realisierung ihrer ersten eigenen Projekte um das Jahr 1999. Laurent Goldring wiederum prägt als bildender Künstler seit den 1990er Jahren eine spezifische Ästhetik des zeitgenössischen Tanzes. Wegweisend hierfür seien seine Kollaborationen mit Xavier Le Roy oder auch Saskia Hölbling, wie es die Tanzwissenschaftlerin Susanne Foellmer in ihrer Einführung zur Werkschau im HAU3 herausstellt.

Beide, sowohl Isabelle Schad als auch Laurent Goldring, machen den Körper zum Material ihrer künstlerischen Auseinandersetzung und führen den ZuschauerInnen dessen Konstruktivität bereits seit ihrer ersten gemeinsamen Produktion „Unturtled #1“ (2009) sichtlich vor Augen. Der auf zwei Beinen aufrecht stehende Körper, dessen Grenzen die äußerste Schicht, die Haut, markiert, basiert als ästhetisches Konstrukt auf sich stetig wiederholenden Repräsentationslogiken. In „Unturtled #1“ erweitert zunächst ein übergroßes Kostüm aus Hose und Hemd den Raum um den Körper. Dieser nimmt mit einem Mal ungewohnte Qualitäten an – seine Umrisse beschreiben irritierende Anatomien, die immer weniger zuordenbar sind. Zugleich hängt ein willenloser Kopf in einem sich verselbständigendem Kostüm, das einen Körper beherbergt, dessen Innerstes nach Außen drängt. In „Der Bau“ (2012/2013) wird dieser Körper weit in den Bühnenraum über meterlange Stoffbahnen, über Faltungen und Schichtungen entworfen, bis er schließlich zu einem immensen Körperstoffknäuel verklumpt und dieses sich langsam durch den Raum rollende Knäuel lebendigen Charakter annimmt. In der jüngsten Arbeit der beiden, „Collective Jumps“ (2014), welche an den ersten zwei Tagen der Werkschau zudem als Tanzinstallation zu begehen war, breitet sich der Körper nun über 16 TänzerInnen aus. Jedoch stellt sich in der eigenen Wahrnehmung kein Unbehagen ob jener Vergemeinschaftung ein. Was die TänzerInnen auf der Bühne etablieren, ist kein synchron agierender Kollektivkörper, in dem Individualität dem Prinzip der Masse weichen muss. Die anfänglich an volkstümliche Tanzreigen erinnernden und zu maschinellen Zahnrädern mutierenden Körperbilder werden alsbald aufgesplittet in einzelne Körper und dann doch wieder geschichtet zu einem Tanz der Gliedmaßen. Nichts weiter als die Utopie vom gemeinschaftlichen Subjektsein offeriert hier das Bühnengeschehen. In Form jener Körperbildästhetik eine wunderschön anzusehende Utopie.

Die Kollaboration von Isabelle Schad und Laurent Goldring verfolgt mit einer derart einzigartigen Kontinuität Methoden der Sichtbarkeit und darin der Sichtbarmachung. Darstellende und bildende Kunst verstärken sich in diesen Arbeiten wechselseitig – die Körperpraxen der Isabelle Schad kommentieren die Überlegungen des durch die Kamera gerahmten Blicks von Laurent Goldring und umgekehrt. Das Faszinierende an dieser Fusion – man muss im Grunde nur schauen und jene Körperbilder entstehen lassen. Darum spricht Laurent Goldring, um Stille zu überwinden und Bilder zu zeigen.

Veröffentlicht am 15.05.2015, von Maria Katharina Schmidt in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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