HOMEPAGE



Hannover

DORNRÖSCHEN IN DER LASER-HECKE

Jörg Mannes präsentiert Tschaikowskys Klassiker in Hannover mit heiteren Effekten und großer Virtuosität



In Hannover hat Jörg Mannes nun eine zauberhaft entschlackte, mit den klassischen Vokabeln der Originalchoreografie von Marius Petipa nurmehr spielende Version entworfen.


  • Ensemble Foto © Gert Weigelt
  • Denis Piza, Catherine Franco Foto © Gert Weigelt
  • Denis Piza, Catherine Franco Foto © Gert Weigelt
  • Catherine Franco, Elvis Val Foto © Gert Weigelt
  • Catherine Franco (liegend), Cássia Lopez, Ballettensemble Foto © Gert Weigelt
  • Debora Di Giovanni (vorn), Mónica García Vicente (hinten) Foto © Gert Weigelt
  • Cássia Lopez aus dem Ballettensemble des Staatstheaters Hannover in "Dornröschen" Foto © Gert Weigelt
  • Mónica García Vicente, Ballettensemble Foto © Gert Weigelt

von Andreas Berger

Es ist ein Märchen vom Erwachsenwerden, von erster Blutung, Entjungferungsangst und dem „hundertjährigen“ Schlaf der Abkapselung und Reife, aus dem das Mädchen Dornröschen mit neuem Selbstbewusstsein als Frau hervorgeht. Bereit für den weckenden Kuss des Traumprinzen.

Peter Tschaikowskys Ballettmusik bedient nicht nur die oberflächlich märchenhaften Seiten des Stoffs, sondern lässt unter Walzern und Mazurken vage Gefühle anklingen, die sich in blütenfeinen Adagien aussingen dürfen.

In Hannover hat Jörg Mannes nun eine zauberhaft entschlackte, mit den klassischen Vokabeln der Originalchoreografie von Marius Petipa nurmehr spielende Version entworfen.

Das Bühnenbild sind leere Lichträume von Florian Parbs. Besonders eindrucksvoll ist die Szene gelungen, wenn sich Dornröschen nach der verwirrenden Begegnung mit den Heiratskandidaten im Turm verläuft. Da stürzen per Video Zimmerfluchten und Treppen auf sie ein, bevor ihr im hintersten Eck eine Rose vor die Füße fällt: Stich und Rückzug in den Schlaf.

Die Dornenhecke wächst aus roten Laserstrahlen, die den Raum durchschießen. Darin werden die Prinzen von anderen Frauen mit spitzem Fuß zur Strecke gebracht.

Bis der kommt, der für Dornröschen der Richtige ist. Das ist mit Denis Piza gleichfalls ein Suchender, der erst mal notorisch in die falsche Richtung guckt und das Mädchen anscheinend gar nicht entdecken will. Was einen etwas verwirrenden Wunsch- und Albtraum mit gewissermaßen bester und schlimmster Endprognose zur Folge hat. Dann aber Kuss, und im Pas de deux klassisch unziemliche Tollereien.

Sie schlägt Rad über ihn hinweg, darf in der Hebung alle Glieder hemmungslos verzerrt von sich strecken. Dafür legt Piza noch eine Runde Jetés hin, die sich gewaschen hat. Und die Gruppe reißt rhythmisch die Arme hoch zum Jubelschluss, vertorkelt auch die Linie schon etwas.

Es macht wachsenden Spaß, Mannes’ respektloser und gleichzeitig wiederum hochvirtuoser Neusicht zuzuschauen. Erst hat man Sorge. Die Königin (Mónica García Vicente) in ihrer Verzweiflungsgymnastik, die erst einen Luftballon als Bauch, dann das Baby kriegt, wirkt schon reichlich parodistisch, und die ausgestellte Breitbeinigkeit der Damen bei anhaltendem Port de bras erst recht. Die ausgebremsten Feen-Soli sind trotz modischer Teller-Tutus wenig ergiebig. Hübsch immerhin die kleine, in Erwartung der bösen Carabosse (Cássia Lopes) zitternde Fee. Und die klischeeverkehrten Hüpfer der Männer an Frauenhand.
Aber dann tritt Dornröschen auf, und der Jokus bekommt auch Anliegen und Charme. Catherine Franco mimt anrührend das schüchterne Mädchen, das nach den ersten Schritten auf dem Parkett am liebsten schon wieder weglaufen würde. Die Kerle legen sich als Heiratskandidaten mächtig ins Zeug, da macht Mannes aus Gesten wie Haare-Gelen eine virtuose Posing-Choreografie.

Sie wirbeln Dornröschen kopfüber über sich, zerren sie im Takt hin und her oder trappeln aufgeregt auf der Stelle. Aber mit dem Schwungbein kann Dornröschen eine ganze Runde auf Abstand halten, und doch strecken dann alle Jungs hinter ihr aufgereiht die Hände grabbelnd aus. Mannes nimmt sogar die geführte Drehung von Petipa auf, in der die Solistin auf Spitze den Anträgen Stand halten muss.

Dass sie jetzt erstmal von Männern genug hat, liegt auf der Hand. Schlaf und Träume werden plausibel. Am Ende springt Dornröschen ihrem Prinzen Désiré in die Arme. Und Carabosse tröstet sich mit dem herrisch anbefohlenen Galan einer anderen.

Mannes ist eine heitere, den Kern des Erwachsenwerdens rührend ausdrückende Umsetzung gelungen, die den klassischen Gestus oft mit modernen, alltäglichen, lustigen Bewegungen spickt und zu neuer Virtuosität führt. Anja Bihlmaier dirigiert dazu Tschaikowskys Musik mit kraftvollen, auch harten Impulsen. Begeisterter Applaus.

Wieder am 18. Oktober, 3., 23. November, 21., 23. Dezember., 17. Januar. Karten: (0511) 99 99 11 11.

Artikel aus der „Braunschweiger Zeitung“ mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Veröffentlicht am 15.10.2013, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 3729 mal angesehen.



Kommentare zu "Dornröschen in der Laser-Hecke"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    MARGOT FONTEYN: 100 JAHRE

    Pick bloggt über eine große Ballerina
    Veröffentlicht am 19.05.2019, von Günter Pick


    MIT- UND WEGBEWEGEN

    Grenzüberschreitungen am Theater Pforzheim
    Veröffentlicht am 06.05.2019, von Gastbeitrag


    ALLES GUTE!

    Zizi Jeanmaire zum 95. Geburtstag
    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    »SACRE« IN DER INTERPRETATION VON SASHA WALTZ

    Im Juni 2019 erneut an der Staatsoper Unter den Linden Berlin zu sehen

    Es gilt als eines der Schlüsselwerke der Moderne: Hundert Jahre nach der Entstehung von Igor Strawinskys »Le Sacre du Printemps« beschäftigte sich Sasha Waltz 2013 im Auftrag des Mariinsky Theaters mit diesem außergewöhnlichen Werk der Tanz- und Musikgeschichte.

    Veröffentlicht am 15.05.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VON ALLEM STAUB BEFREIT

    Gelungene Premiere: Kenneth MacMillans „Mayerling“ beim Stuttgarter Ballett

    Veröffentlicht am 19.05.2019, von Annette Bopp


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    DIE TOTEN-INSEL

    In der Gastspielreihe Old stars New moves bringt José Luis Sultán am 24. Mai ein neues Stück zur Uraufführung

    Veröffentlicht am 21.05.2019, von Anzeige


    GUIDO MARKOWITZ ERHÄLT DEN ISADORA-PREIS

    Der Pforzheimer Ballettdirektor wird von der Iwanson-Sixt-Stiftung ausgezeichnet

    Veröffentlicht am 18.05.2019, von Pressetext


    BERUFEN!

    Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK

    Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP