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Dresden

DA KOMMT DER TOD INS SCHWITZEN

„Viva Valeska! oder Leichen spiele ich besonders gern“, ein Tanz- Schauspiel über die Tänzerin Valeska Gert von Gundula Peuthert im Dresdner Theaterhaus Rudi


  • Viva Valeska von Gundula Peuthert Foto © Lutz Lippmann
  • Viva Valeska von Gundula Peuthert Foto © Lutz Lippmann
  • Viva Valeska von Gundula Peuthert Foto © Lutz Lippmann

So hat sie gedichtet: „Für ewig möcht´ ich mit dir begraben sein, / Kopf an Kopf und Knochenbein an Knochenbein. / Das Sterben selbst tät mich nicht graulen, / Könnt´ich mit dir zusammen faulen.“ Ganz große Liebe oder abgrundtiefe Einsamkeit?

Valeska Gert, der Berliner Jüdin, blieb nach 1933 nur die Emigration, die Besondere unter den Revolutionärinnen der Tanzmoderne in Deutschland geriet in Vergessenheit, anders als manche ihrer Kolleginnen, die geschickter in den politischen Systemen mittanzten. Dabei war sie denen schon in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren um einige Schritte voraus.

Der moderne Tanz hatte die Spitzenschuhe verbannt, aber seine Vertreterinnen schritten beschwörend und priesterlich auf blanken Sohlen durch die Räume. Valeska Gert tanzte in Straßenschuhen und Alltagskleidern. Sie tanzte Karikaturen, sie tanzte den Alltag, keine Konzepte, sondern radikale Darstellungen, die Straße, die Arbeit und immer wieder das Sterben, der Tod. Da konnte man nur begeistert sein, oder sich empört abwenden.

Über einen Auftritt der Gert nach ihrer Rückkehr im Berliner Renaissance-Theater schrieb ein Kritiker 1949: „Es ist, man kann es nicht anders sagen, genial und tierisch zugleich.“ Man kann das alles nachlesen ein einem wunderbaren Buch, „Die Bettlerbar von New York“, die Erinnerungen von Valeska Gert, seit erstem Erscheinen 1958 vergriffen, jetzt in schöner Ausgabe wieder zu haben. L.S.D. macht´s möglich, das ist nichts Verbotenes, sondern ganz einfach „Lagerfeld, Steidl, Druckerei Verlag. Jetzt kann man auch, der AccessDanceCompanyGundulaPeuthert sei Dank, Valeska Gerts Choreografie „Tod“ wieder sehen.

Dieses stille Sterben, das dem Widerstand und dem Verhandeln folgt. Gundula Peuthert hat mit der Tänzerin Ingrid Borchardt und der Schauspielerin Milena Gürtler eine sensible Hommage an diese Ausnahmekünstlerin kreiert. Die Texte stammen von Andreas Vent-Schmidt, oder aber, was besonders eindrücklich ist, es sind eingespielte knappe Mitschnitte von Gesprächen mit Valeska Gert, die sich erinnert. Das Spiel, der Tanz, die Worte in dem Stück „Viva Valeska! oder Leichen spiele ich besonders gern“ sind knapp, dennoch keine minimalistischen Mätzchen.

Zwei Koffer sind die Requisiten, zwei Koffer, gepackt für die letzte Reise. Zwei Koffer, auf denen man noch mal sitzen kann bei der Rast, man kann sie zusammenschieben, dann geben sie das Totenbett, die Aufbahrung für den Abschied.

Ingrid Borchardt hat ihre Karriere als Tänzerin hinter sich, an der Dresdner Palucca Hochschule für Tanz hat sie Tänzerinnen und Tänzer ausgebildet, jetzt ist sie im Ruhestand. Sie kopiert die Gert nicht. Sie empfindet besser im Sinne von Valeska Gert nach, was es bedeutet in den bewegten Dialog mit dem Tod zu treten. Der Tod, das ist die junge Schauspielerin Milena Gürtler, und die muss an ihrem „Opfer“ schier verzweifeln. Kaum hat der Tod die Lampe ausgeknipst, da fahren Energieströme durch den Körper der Tänzerin und ihr Licht geht wieder an. In diesem speziellen Todeskampf kommen sich Mensch und Tod so unwahrscheinlich nahe.

In der Inszenierung von Gundula Peuthert erleben wir einen Totentanz als Reise, die Gert und der Tod, die alte Frau und die junge Frau, und es ist nicht wie im Lied vom Tod und dem Mädchen, wo der Knochenmann so unerbittlich fordert, es ist in einer geradezu visionären Idee, der Tod als Spiegel der Jugend in den die alte Tänzerin sieht und am Ende auf den Resten eines Lebens, für die zwei Koffer reichen, mit einem letzten kleinen Tanz, dem Zucken des Körpers, Tschüss sagt. Manchmal ist es zum Lachen, zum Schmunzeln in dieser Lebensstunde, manchmal wird es sehr still im Theater.

„Ich will leben, auch wenn ich tot bin“, so Valeska Gert in ihrem o.g. Buch. Es muss doch alles andere als ein Zufall sein, dass der genaue Tag des Todes von Valeska Gert nicht bekannt ist.

Veröffentlicht am 24.04.2013, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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