SECHS FRAGEN AN DIE TANZLEHRER, DIE UNS BEWEGEN



Stuttgart

PETR PESTOV

Ballettpädagoge an der John Cranko Schule in Stuttgart


  • Petr Pestov mit seiner Akademieklasse in der John Cranko Schule in Stuttgart Foto © Patricia Kapp
  • Petr Pestov in der John Cranko Schule in Stuttgart. Foto © Patricia Kapp
  • Petr Pestov in der John Cranko Schule in Stuttgart Foto © Patricia Kapp
  • Die Akademieklasse von Petr Pestov beim Training Foto © Patricia Kapp

Als mir meine Redakteurin Angela vorgeschlagen hat, meine sechs Fragen an Petr Pestov von der John Cranko Schule in Stuttgart zu stellen, da habe ich keinen Moment gezögert! Solche Meister gibt es nur noch wenige.
Wir wurden sehr herzlich von Herrn Matacz, dem Direktor, empfangen, um dem Unterricht der Abschlussklasse um 9 Uhr morgens beizuwohnen. Sieben Jungs standen mit Herrn Pestov vor der Tür des Studios 5 und sprachen mit ihm. Um 9 Uhr ging der Meister in den Ballettsaal und erst jetzt durften die Schüler hinein. Eine kurze Verbeugung als Begrüßung. Herr Pestov sitzt in der Mitte vor dem Spiegel und wird zwei Stunden lang genau da sitzen bleiben! Die 30-minütige Stange fängt mit langsamen Tendus à la seconde an, Demi Plié in der ersten Position, in der fünften und etwas schneller. Danach geht es durch ohne Pause bis zu den Grands Battements. Die Mitte, in vier Gruppen, fängt mit einem Adagio an, dessen Schluss eine Double tour en l‘air ist! Die Schüler kennen die Übungen. Herr Pestov spricht nur Russisch und ab der Mitte korrigiert er viel. Das Unglaubliche dabei war, dass auch ich nach 60 Minuten Russisch verstanden habe! Sieben Schüler, einer begabter als der andere, zwischen 16 und 19 Jahren, vier Deutsche, ein Kanadier, ein Italiener und ein Amerikaner, arbeiten ohne Pause an immer höheren technischen Schwierigkeiten, wiederholen ohne zu zögern, sobald der Meister von seinen Platz sie dazu auffordert. Toll dabei ist, dass man immer viel Liebe und Respekt von beiden Seiten spürt, so streng auch Herr Pestov seine Forderungen stellt.

Sehr oft werden die Schüler angehalten, mit der Musik zu arbeiten, die Pianistin ist für diesen Unterricht immer dieselbe und diese Kooperation zwischen Lehrer und Pianistin ergibt eine wunderbare Symbiose, wodurch die schwierigen Grand Tours in allen Positionen von reiner Technik zu reinem Tanz werden! Sehr viel Wert wird auch auf das leise Ankommen bei den großen Sprüngen gelegt. Da spricht der Meister sogar zwei deutsche Worte: „Fuß Beton?“ Mich hat beeindruckt, wie Herr Pestov seine Klasse fest in den Händen hält, ohne von seinem Stuhl aufzustehen, und außerdem in einer fremden Sprache für alle seine Schüler.

Wir saßen danach gemütlich bei einer Tasse Kaffee im Büro von Herrn Matacz, der unser Übersetzer war (als ich aus dem Ballettsaal raus war, war mein Russisch weg), und ich konnte meine sechs Fragen stellen, mich noch lange mit Herrn Matacz unterhalten und mich so überzeugen, dass ich noch mehr sehen möchte, und dass in dieser Schule eine herzliche Arbeitsstimmung herrscht!

[ Sechs Fragen an die „Lehrer die uns bewegen“

Wie und wann sind Sie zum Unterrichten gekommen?

Ich war selbst noch in der Schule, ich war vielleicht sechzehn, das war gleich nach dem Krieg in der Ballettschule in Perm. Damals gab es sehr viele Waisenkinder, und im Waisenhaus war kein Platz mehr für alle, da hatte man die Idee, sie für eine gewisse Zeit in der Ballettschule unterzubringen. Es waren Straßenkinder, die auch kriminell waren, und man wollte sie irgendwie beschäftigen. Es waren neun Jungs im Alter von neun oder zehn Jahren, und sie hatten überhaupt keine Lust auf Ballett. Die Direktion wusste nicht, was sie machen sollte, da meinte meine Lehrerin Ekaterina Geidenreich, ich sollte mich mit Ihnen beschäftigen! Man hat mir Geld versprochen, aber das habe ich nicht bar bekommen, sondern sie haben mir ein Bühnenkostüm gekauft, und ich war sehr glücklich darüber. Man hat mir gesagt: Du kannst machen, was du willst, aber die Jungs sollen in der Klasse bleiben, damit sie die anderen nicht stören - das wäre schon ein Erfolg gewesen. Ich habe mich dann bereit erklärt, sie zu „unterrichten“. Ich bin also in diese Klasse gegangen, und kein einziger hat mir zugehört. Ich habe etwas gesagt, aber die Jungs machten, was sie wollten. Dann hatte ich eine Idee: Lasst uns kämpfen, aber mit Musik. Und die haben sich dann wirklich zur Musik geprügelt, dann haben sie angefangen zu streiten: wer hat es auf die Musik gemacht und wer nicht? Und jeden Morgen sind sie zum mir gekommen und haben gefragt: Werden wir uns heute prügeln? Die Jungs waren noch nie im Theater gewesen, und dann wurde „Dornröschen“ gespielt. Während des Krieges hatte es wenig Publikum gegeben, deshalb war im Theater im Perm nur das Parkett geöffnet, die Ränge waren geschlossen. Die Schulleiterin hat also den Theaterdirektor überredet, dass man da oben aufmacht, damit unsere Schüler zuschauen können. Damit meine Jungs nicht weglaufen, habe ich sie dort eingeschlossen. Und dann ging der Vorhang auf, und sie haben die Augen nicht mehr von der Bühne weg bekommen, wie verzaubert haben sie still zugesehen. Ab diesem Tag ist alles anders gelaufen. Die Jungs meinten: okay, du kannst uns was beibringen. Manche von ihnen sind Tänzer geworden, aber andere waren und blieben Banditen… Das war meine erste pädagogische Erfahrung! In Moskau habe ich dann während einer Tournee eine Anzeige gesehen für einen pädagogischen Kurs von Nikolai Tarasow, dem berühmten Bolschoi-Ballettlehrer. Ich war da mit Lehrern aus ganz Russland. Tarasow war sehr beeindruckt davon, dass ich die Klasse, die ich unterrichten sollte, so gut in der Hand hielt. Von da an war er mein Mentor. Bei ihm habe ich die Struktur einer Ballettklasse gelernt, einmal musste ich meine Klasse dreizehn Mal ändern!

Welche Meister haben Sie nicht vergessen? Und warum?

Als erste Ekaterina Geidenreich und dann später Nikolai Tarasow. Und Madame Tolubjewa, sie war Ballerina in Perm und hat gleichzeitig in der Schule dort unterrichtet. Sie hatte damals in der Klasse studiert, mit der Agrippina Waganowa ihre berühmte Methodik ausgearbeitet hatte. Sie konnte jede Übung sehr gut ausführen und erklären – wie und was und warum etwas gemacht wird. Ich habe auch Alexander Puschkin nicht vergessen, den berühmten Lehrer von Nurejew und Baryschnikow. Als ich in Perm in der Abschlussklasse war, hatte Puschkin in Leningrad nicht so viel zu tun und kam oft nach Perm, er hat unsere Abschlussvorstellung vorbereitet und wir arbeiteten mehrere Monate mit ihm. Wie gut sein Unterricht war, habe ich natürlich erst sehr viel später verstanden.

Sind Sie der Meinung, dass man das Lehren lernen kann? Wenn ja, wie sollte Ihrer Meinung nach so ein Lehrgang aussehen?

Ich weiß nicht... Das ist wie in jedem Beruf, man muss ein besonderes Talent, eine besondere Gabe dafür haben. Ulanowa zum Beispiel, Vasiliev oder Baryschnikow konnten nie Lehrer werden, sie sind sicher gut als Coach oder als Trainingsleiter - aber jeden Tag dasselbe, jeden Tag die kleinen Steinchen zusammensetzen…? Es braucht eine spezielle Begabung, ein Lehrer zu werden.

Muss für Sie ein Lehrer professionell getanzt haben?

Er sollte wissen, was die Bühne ist. Denn es geht nicht nur darum, den Körper zu erziehen, es geht auch um das ganze Umfeld des Tänzers.

Was ist für Sie das Wichtigste zum erfolgreichen Unterricht?

Wissen, was du vermitteln willst. Ein Lehrer muss wissen, was er will, und die Schüler müssen dich verstehen.

Welche Korrekturen sollen Ihre Schüler nicht vergessen?

Sie sollen nie die Fundamente des klassischen Tanzes vergessen. Das war so und das wird so sein, das ist die klassische Schule. Und sie ist ewig. In der klassischen Schule hat sich über die Jahrhunderte die ganze Erfahrung so vieler Menschen gesammelt, da liegt jetzt das ganze Wissen um den Tanz. Die Klassik ist die Klassik, aus ihr wächst alles. Das ist die Kultur. Man kann nicht professionell tanzen, wenn man das nicht beherrscht. Wenn man die Klassik gelernt hat, kann man leicht in andere Fächer gehen. Umgekehrt geht es nicht.

B]Biografie[/B]
Petr Pestov wurde 1929 geboren und studierte an der Ballettschule in Perm bei Ekaterina Geidenreich. Er tanzte in den Ballettkompanien von Perm und Ekaterinenburg, dann studierte er in Moskau beim berühmten russischen Ballettpädagogen Nikolai Tarasow und wurde Lehrer an der Schule des Bolschoi-Balletts, wo er 33 Jahre lang unterrichtete. 1996, als er in Moskau bereits im Ruhestand war, holte ihn Alexander Ursuliak nach Stuttgart an die John Cranko Schule, wo Pestov bis heute die Akademieklassen der Jungen unterrichtet. Zu seinen zahlreichen Schülern gehören Vladimir Malakhov, Nikolai Tsiskaridze, Sascha Radetsky, Mikhail Kaniskin, Yuri Possokhov, Jorge Nozal, zahlreiche Tänzer des Stuttgarter Balletts wie Alexander Zaitsev und Evan McKie, sowie mit Viacheslav Gordeyev, Alexander Bogatyrev, Alexei Fadeyechev, Alexei Ratmansky und Yuri Burlaka fünf der sechs letzten Direktoren des Bolschoi-Balletts. Im April letzten Jahres wurde Pestov mit einer großen Gala im New Yorker City Center unter dem Titel „Peter the Great“ zu seinem 80. Geburtstag von seinen Schülern geehrt, im Januar fand unter dem Titel "Homage to Master in Honor of Pyotr Pestov" eine Gala im Moskauer Bolschoi-Theater statt.

Veröffentlicht am 04.02.2010, von Patricia Kapp in Sechs Fragen an die Tanzlehrer, die uns bewegen

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