KRITIKEN 2008/2009



Berlin

RÜCKWÄRTS, IM DIALOG ODER PARALLEL

„Sasha Waltz & Guests presents“ im Rahmen von Tanz im August


  • Renata Graziadei in ihrem Solo "Rückwärts" Foto © Dieter Hartwig
  • Shang-Chi Sun in seinem Solo "Dialogue II". Foto © Dieter Hartwig
  • Xuan Shi und Niannian Zhou in „Parallel“ Foto © Dieter Hartwig

Der diesjährige Abend präsentierte Arbeiten von und mit vier Künstlern, die seit Jahren im Ensemble von Sasha Waltz & Guests arbeiten, auf einem künstlerisch hohen Niveau.
Renate Graziadei/Berlin: „Rückwärts“ (Uraufführung) Mucksmäuschenstill und hochkonzentriert verfolgten die Zuschauer und Zuhörer den ebenso hochkonzentrierten Körper-Dialog von Renate Graziadei und Flamencogitarrist Ralf Krause in Lichträumen von Lutz Deppe. Im enganliegenden grünen Hosen-Kleid liegt die Protagonistin anfangs rücklings im Lichtkegel. Zögernd streben Becken, Arme, Finger, Mittelkörper spiralförmig aufwärts. Sehr langsam, jede Bewegung ertastend, malt Renata Graziadei Bewegungsmuster, diverse Momentaufnahmen, winzige Veränderungen der Richtung, am Boden, hockend, liegend, stehend. Kurzzeitig überlässt sie sich dem Bewegungsfluss, stoppt, zögert, beschleunigt, lauscht in die Stille des eigenes Körpers oder erobert eruptiv den Raum und treibt Bewegungen in die Wiederholung. Dieses Sezieren über mehrere Phasen ist nie monoton, sondern fasziniert durch die androgyne Persönlichkeit Renata Graziadeis, die jede Nuance ihres Körpers und besonders ihrer beredten Arme der eigenen wie der Beobachtung durch die Augen der Zuschauer aussetzt. „Rückwärts“ - ein getanztes ‚Nocturne‘ auf den körperlichen Nachhall bekannter Bewegungsmuster. Rituale der Vertrautheit und der Fremdheit. Rituale der Vertrautheit, die in der Routine erstarren, fremd werden, Angst machen können. Die bekannte österreichische Tänzerin und Choreografin gründete 1994 in Berlin gemeinsam mit Arthur Städli das Kollektiv LaborGras. Die stark akklamierte Uraufführung von „Rückwärts“ ist eine Produktion von Sasha Waltz & Guests und LaborGras im Rahmen von „Choreographen der Zukunft“.
Shang-Chi Sun/Berlin: “Dialogue II” Verstehende Lacher erntet der wieselflink seinen Körper über die Diagonalen wirbelnde Taiwanese, der mit drehenden Armen sieben Minuten lang um die eigene Achse rotiert, als eine weibliche Stimme aus dem Off ihn fragend innehalten lässt „Oh shit, can I stop that?“ Mit diesem lakonischen Satz fällt er zu Boden ins Black-Out. Das Männersolo ist expressiv choreografiert, von klarer Raumdramaturgie auf den Lichtbahnen als Wege im Dialog mit György Ligetis Sonata für Solo-Cello. Die kurze Textsequenz aus „4.48 Psychosis“ von Sarah Kane grundiert das tänzerische Geschehen spannungsvoll.
Shang-Chi Suns Solo erlebte seine Premiere im März 2008 beim 12. Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festival in Stuttgart und gewann den 1. Preis. Xuan Shi + Niannian Zhou/Berlin: „Parallel“ Die topausgebildeten Tänzer-Choreografen aus China zeigen in ihrer ersten gemeinsamen Arbeit eine Paarsituation besonderer Art. Gleichgekleidet in grauen, eng anliegenden Anzügen entwickelt sich dieser Paartanz aus der Option einer Armlänge Distanz. Denn nur in dieser Entfernung streben beide zu- und auseinander, einander führend, haltend, umeinander kreisend wie zwei unisono schwebende Teilchen im impressionistischen Sound des perlenden Klavierparts. Was entsteht aber, wenn ihre Flug-Arme sinken (die Musik verstummt)? Sie vollführen die gleichen Bewegungen, doch der Zusammenhalt, der Paar-Klang ist zerstört. Nur zwei Einzelwesen ohne Arme drehen sich um sich selbst. Ebenso interessant sind die kleinen Phasenverschiebungen bei ihr oder ihm, die Ministopps, die kleinen „Alleingänge“. Am Ende dieses 25-minütigen Zwiegesprächs zelebrieren beide über einer ostinaten Tonfolge die Bewegungswiederholung als Stillstand, der musikalische Fluss versiegt ebenso wie der Lebensfluss des Paares. Am Ende liegen Lichtflecken über einer menschleeren Bühne mit repetierter Tonfolge. Dieses Duett, im Radialsystem uraufgeführt am 22. April 2008 und im Rahmen des Förderprogramms „Choreographen der Zukunft“ weiterentwickelt, begeisterte erneut im ausverkauften Stammhaus von Sasha Waltz.
Es gab starken Beifall für diesen großartigen Tanzabend intimer Bewegungen und Begegnungen, der dem Thema des diesjährigen Festivals „Listen“ künstlerische Substanz verleiht.
www.tanzimaugust.de www.sashawaltz.de

Veröffentlicht am 29.08.2009, von Karin Schmidt-Feister in Kritiken 2008/2009

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