KRITIKEN 2007/2008



Rom

WEINLESE ZWISCHEN RÖMISCHEN RUINEN

Carla Fraccis „Giselle“ in den Caracalla-Thermen


  • Carla Fracci bei Proben zu „Giselle“ mit Laura Comi, Larissa Lezhnina, Oksana Kucheruk, Mara Galeazzi und Ashley Bouder Foto © Copyright Corrado Maria Falsini
  • Larissa Lezhnina und Giuseppe Picone Foto © Copyright: Corrado Maria Falsini

Fünf Ballettvorstellungen in fünf unterschiedlichen Besetzungen beendeten dieses Jahr die Saison des römischen Teatro dell’Opera; sie fanden unter freiem Himmel im beeindruckenden Rahmen der Caracalla-Thermen statt. Nach der Premiere, die von den römischen Etoiles Laura Comi und Mario Marozzi bestritten wurde, tanzten die Gäste Larissa Lezhnina (Het Nationale Ballet) und Giuseppe Picone, Oksana Kucheruk und Igor Yebra (beide Opéra National de Bordeaux), Mara Galeazzi (Royal Ballet London) und Jean-Sébastien Colau (Leipziger Ballett) sowie Ashley Bouder und Jared Angle (New York City Ballet). Carla Fracci, eine der berühmtesten Giselles der letzten Jahrzehnte – heute noch kann man sie auf Video an der Seite von Erik Bruhn sehen – kreierte eine eigene Version jenes Meisterwerkes des romantischen Ballettes, in die sie unter anderem einige später gestrichene Elemente der Urfassung von Coralli und Perrot wiedereinfügte. Nicht alle zusätzlichen Sequenzen in dieser Version dienen dem Stück, das vor allem im zweiten Akt durch die zu langen Corpsszenen an Dichte verliert. Auch im ersten Akt stellen manche Zusätze weder choreografisch noch für das Verständnis der Handlung oder der Atmosphäre einen großen Gewinn dar, und besonders die Wahnsinnsszene ist in unnötige Länge gezogen. Reizvoller sind hingegen eine zusätzliche Variation der Giselle zu Flötenmusik sowie ein Pas de Deux zwischen Giselle und Albrecht, durch die das Hauptpaar kurz vor Albrechts Demaskierung und Giselles Tod noch im Diesseits einen langen Moment reinen tänzerischen Glücks erleben darf.
Die beiden Etoiles des Ballet de l’Opéra National de Bordeaux Oksana Kucheruk und Igor Yebra erwiesen sich als besonders harmonisches Paar. Mit sprühender jugendlicher Frische und einer glänzenden Technik ausgestattet, wirbelte Kucheruk im ersten Akt wie eine ungebändigte Kitri über die Bühne, und es brauchte schon einen feurig-entschlossenen Albrecht wie Igor Yebra, um diese wenig bäuerliche Schöne zu beeindrucken. Es war ein Genuss zu sehen, mit welcher Eleganz Kucheruk die technischen Schwierigkeiten der Partie überflog und man wartet schon mit Spannung darauf, wie sie die Rolle in den nächsten Jahren noch schauspielerisch vertiefen und stilistisch verfeinern wird. Sehr stilbewusst war die Giselle von Larissa Lezhnina, einer ehemaligen Solistin des Mariinsky-Ballettes, die all die Reife und Erfahrung einer langen Karriere in die Partie einbrachte. Giuseppe Picone, ehemals erster Solist des ABT, war ein herausragend nobler und schauspielerisch sensibler Albrecht, der viel zu spät bemerkt, was er durch seinen Charme angerichtet hat und im zweiten Akt durch die Höhe seiner federleichten Sprünge die Tiefe seiner verzweifelten Reue zum Ausdruck bringt. Am Ende der Serie gab schließlich Ashley Bouder, eine junge Solistin des New York City Ballet, ein bemerkenswertes Debüt als Giselle. Bestach sie im ersten Akt vor allem durch ihr natürliches Spiel und ihre sichere Technik, so war die blasse, zarte Tänzerin im zweiten Akt mehr als eine nur physisch ideale Besetzung der körperlosen Willis. Durch schwebende Balancen, eine beeindruckende Batterie und ein Fingerspitzengefühl, das er ihr erlaubte, jeden Schritt und jede Geste in den Kontext des Balletts zu stellen, wirkte sie tatsächlich schwerelos und erzeugte zudem jene Emotion aus der Bewegung, die die Zuschauer an ihrem Schicksal teilhaben ließ. Jared Angle erwies sich an ihrer Seite als kompetenter Partner; er gab einen sympathischen, eher gedanken- als gewissenlosen Albrecht, der vor allem in seiner Variation im zweiten Akt überzeugte. Das Corps de Ballet zeigte sich in guter Form und vor allem die Willis bildeten inmitten der Pinien und Ruinen ein beeindruckendes Bild. Auch das Orchester unter der Leitung von Alessandro Agostini spielte Adams Partitur mit Hingabe und trug damit wesentlich zur Atmosphäre der Vorstellung bei, deren romantische Magie nicht einmal durch gelegentlich passierende Flugzeuge gestört werden konnte.

Veröffentlicht am 17.08.2008, von Julia Bührle in Kritiken 2007/2008

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Kommentare zu "Weinlese zwischen römischen Ruinen"



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