„Orlando“ von Tim Plegge, Tanz: Ensemble

Wir alle im gelben Wams

Zum Einstand des neuen Heidelberger Tanzdirektors Tim Plegge mit „Orlando“

Ein Händchen für Handlungsballette hat er, der neue Ballettchef Heidelbergs. Und sonst? Bleibt wohl abzuwarten.

Heidelberg, 04/10/2026

Heidelberg und der Bühnentanz haben eine besondere Beziehung. Seit in der Ära Kresnik Anfang der Achtziger die Neckarstadt quasi über Nacht zum Mekka für die Fans von radikal zeitgenössischem Bühnentanz wurde, mussten sich die nachfolgenden Intendant*innen – erst recht die von ihnen ausgewählten Leiter*innen der immer wieder neu benannten Tanzsparte – diesem Erbe stellen. Jüngster im Bunde ist Tim Plegge. Der neue Tanzdirektor in Heidelberg kommt aus der Hamburger Schule von John Neumeier – damit wurden ihm Handlungsballette in die künstlerische Wiege gelegt. Mit viel Zukunftshoffnung kürte man ihn 2014 zum Chef des Hessischen Staatsballetts (Wiesbaden / Darmstadt). Kleines Kuriosum: Die explizite Zuständigkeit speziell für Handlungsballette wurde sogar im entsprechenden Staatsvertrag festgehalten.

Bis zum selbst gewählten Abschied aus dieser Position (2022) kam Tim Plegge seinem Auftrag für konsensfähige getanzte Geschichten erfolgreich nach – und setzte diese Serie mit seiner Heidelberger Auftaktpremiere „Orlando“ konsequent fort. Virgina Woolfs exzentrische Romanvorlage bot ihm den Stoff für ein knapp 90-minütiges Stück über das fulminante Gedankenspiel, einfach mal das Geschlecht zu wechseln und trotzdem ein integres Ich zu bleiben. Dass er keinen Einzelfall erzählen wollte, machte Plegge schon an der Tatsache fest, dass die Orlando-Rolle von mehrfach wechselnden Tänzerinnen und Tänzern getanzt wird. 

Charme-Offensive

Orlandos Kennzeichen ist ein gelbes, elisabethanisches Wams. Nach 90 pausenlosen Minuten vermischen sich die Gender-Rollen komplett; alle dreizehn Beteiligten tragen ein gelbes Wams oder werfen es weit von sich. Manuskriptblätter rieseln verheißungsvoll aus dem Off und lassen auf schriftstellerische Selbstverwirklichung hoffen. Die Musik von Ezio Bozzo steuert währenddessen unaufhaltsam auf ihren dramatischen Höhepunkt zu, und die Tänzer*innen nehmen Anlauf zum Bühnenrand, als wollten sie den Schlussapplaus vorwegnehmen. Die Charme-Offensive entfaltete ihre Wirkung: Das Premierenpublikum hieß die neue künstlerische Mannschaft in Sachen Tanz herzlich Willkommen. 

Tim Plegge tritt mit einem ganz neu zusammengecasteten Ensemble an. Aus der Überfülle von Bewerbungen hat er auffallende Erscheinungen ausgesucht: viele sehr groß, athletisch mit klassischem Background (der freilich nur ab und zu durchblitzt). Das Konzept dieser ersten Premiere setzte auf maximale Sichtbarkeit für alle dreizehn Beteiligten in wechselnden Rollen, (sogar mit Doppelbesetzungen). Die Botschaft ist klar: Hier geht es erst einmal um Ensemblebildung, um das Einschwören auf eine künstlerische Gemeinschaft. 

Gleich für den Einstand durfte Tim Plegge die Dienste des Philharmonischen Orchesters nutzen, mit Dietger Holm am Pult. Bei der Musikauswahl hatte der Choreograf auf eher unbekannte Stücke gesetzt, viele aus zeitgenössischer Feder, aber mit klassischer Ausrichtung. Als besonderer Ohrenschmaus erwies sich das Eingangsstück von Anna Clyne, in dem Johann Aparicio Bohórquez als Cello-Solist punkten konnte. Im Zusammenspiel zwischen Musik und Tanz zeigte sich Plegge als sensibler Vermittler. Das konnte auch deshalb gelingen, weil die ausgewählten Kompositionen und das verwendete Bewegungsvokabular das Zeug zu breiter Zustimmung des Publikums hatten.

Flüssiger Wechsel zeitgenössischer Stile

Auf weichen Sohlen oder barfuß, in einem flüssigen Wechsel zeitgenössischer Stile auf klassischer Grundlage bewegen sich die Tänzer*innen durch eine abstrakte Szenerie aus verschiebbaren Stellwänden (Andreas Auerbach). Mit dabei eine große Kreidetafel mit Platz für ein paar Schlüsselsätze von Virgina Woolf. Für die Kostüme hatte sich Judith Adam von Orlandos Zeitreise inspirieren lassen und ein zugleich einheitliches und vielfältiges Schwarz durch historisch leicht zuzuordnende Kostümdetails akzentuiert. Einzig in der großen Verwandlungsszene Orlandos vom Mann zur Frau setzte sie auf Glitzerkleider für Alle.

Das Motiv „sowohl – als auch“ zieht sich konsequent durch das Stück, in dem Tim Plegge seine Fähigkeit unter Beweis stellt, einen fantastischen Stoff eingängig zu erzählen, auch wenn die vielen Rollenwechsel den choreografischen Fluss gelegentlich etwas hakelig werden lassen. Vielleicht gibt ihm der Einstandserfolg ein bisschen Rückenwind für mehr künstlerischen Wagemut?

 

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