„Obsidian“ von Bobbi Jene Smith und Or Schraiber, Tanz: Ensemble

Claire-Obscure

Triple-Bill-Gastspiel des Ballet BC Vancouver in Winterthur

Mit minimalem (sichtbarem) technischen Aufwand erreicht die kanadische Company unter der künstlerischen Leitung von Medhi Walerski ein Maximum an Tanz, Energie und Poesie.

Winterthur, 04/10/2026

Inspiriert von Emily Dickinsons Gedicht „Hope is the thing with feathers” ist „Sway“ von Medhi Walerski ein federleichtes und zugleich emotionales wie abstraktes Stück zeitgenössischen Tanzes. Sieben Männer und Frauen mit hautfarbenen Oberteilen und in langen, schwarzen Hosen tanzen vor einem dunklen Hintergrund. Sanft und dumpf werden sie von der Musik von Adrien Cronet in ihrem kaleidoskopischen Tanz begleitet. Die Hell-Dunkel-Kontraste von Kostümen und Bühne (Mehdi Walerski) zusammen mit der perfekt abgestimmten Lichtregie (Lisette van der Linden, Pierre Pontvianne) wirken asketisch. Die oberflächliche Monotonie übt einen Sog aus, der nicht flach ist, sondern den Fluss der akribisch verlaufenden Choreografie unterstützt. 

„Obsidian“

Auf dieses erste, kurze Highlight folgt eine intensive, ausdrucksstarke Kreation des Choreografie-Paares Bobbi Jene Smith und Or Schraiber, beides ehemalige Tänzer*innen der israelischen Bathseva Dance Company. Begleitet wird das Stück live von der Pianistin Pierri Lo, die ebenso frenetischen Beifall erhält wie die 7-köpfige Tänzer*innen-Riege. In Alltagskleidern à la Pina Bausch mahnt „Obsidian“ erst an Tanztheater, entwickelt sich dann aber zu rasanten Intermezzi mit vielseitigen Tanzstilen. Bei einem Paartanz nach Walzerart emanzipiert sich die Tänzerin und setzt zu einem zackigen Solo-Tanz an. Zwei Männer necken sich, bevor sie in einen humoristischen, kraftvollen Zweikampf verfallen. In den ausdrucksstarken Variationen können die einzelnen Tänzer*innen ihr umfangreiches tänzerisches Potenzial zeigen. Wie von leichten Tropfen bis zu starkem Regen verbinden sich die Szenen und bilden mit unerwarteten Einfällen und Wechseln schließlich ein geschlossenes Ganzes. 

„Frontier“

Dass sie ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft hat, bewies die 24-köpfige Company im letzten Stück des Abends, „Frontier“ der kanadischen Choreografin Crystal Pite. Hier treten sowohl die persönlichen Ausdruckstärken wie die Ensemble-Leistungen in den Vordergrund. 

In Pites „Frontier“ werden mit minimalen bis akrobatischen Bewegungen maximale Effekte erzielt, dazu passend die streckenweise sakral tönende Musik (Owen Belton, Eric Whitacre). Auch dieses Stück ist eine Art Claire-obscure: Zu den in Weiß gekleideten Tänzer*innen gesellen sich schwarz maskierte Figuren, unkenntlich auch die Gesichter. Unvermittelt werden Tänzerinnen von verborgenen Händen emporgehoben. Sie alle bewegen sich in einer geheimnisvollen, aber auch etwas unheimlichen Welt. 

Pite sucht hier „das Unbekannte, die Charakterisierung der dunklen Materie, die Personifizierung der Schatten“, wie im Programmheft zu lesen ist. Unsichtbares wird sichtbar gemacht und umgekehrt. Sie ist eine Meisterin ihres Fachs, das muss einmal mehr gesagt werden. Jedes ihrer Werke ist eine künstlerische Überraschung für sich, ihre Ideen sind ausgelotet und schöpferisch umgesetzt.

Das Ballet BC Vancouver zeigte mit den drei Stücken insgesamt einen intelligenten, gut kombinierten und hervorragend getanzten Ballettabend. 

 

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