„Quid si sic“ von Jonathan dos Santos

Was wäre, wenn ...

„Quid si sic“ von Jonathan dos Santos in Schwerin

Die traditionelle Gestalt des Petermännchens aus dem Schweriner Schloss inspirierte den dortigen Ballett-Chef zu einem abwechslungsreichen Ballettabend

Schwerin, 29/03/2026

Es sei ein Hut auf zwei Beinen, sagt die Überlieferung. Ein Gnom. Ein Geist, der durch das Schweriner Schloss spukt. Ein Schelm, der Schabernack treibt. Ein Wächter über die Gerechtigkeit. Ein Schlingel, der Lehren erteilt. Ein Zwerg, der sich überall durchschummeln kann und unsichtbar bleibt für normale Menschen. Kurzum: Die Fantasie kann bunte Blüten treiben, wenn es darum geht, ein Wesen zu charakterisieren, das seit Jahrhunderten für die Menschen in der Gegend rund um Schwerin und ebenso in ganz Mecklenburg ein Begriff ist. Wann immer etwas Unerklärliches, Geheimnisvolles passiert, darf man davon ausgehen, dass das Petermännchen seine Finger im Spiel hat. Rund 200 Geschichten ranken sich um seine Gestalt. 

Eine Skulptur im Schweriner Schloss zeigt ein zwergenhaftes Männchen mit großem Schlapphut und breiter Halskrause in weiten Hosen und gespornten Stiefeln, mit großem Schlüsselbund und Dolch am Gürtel. Im Sockel sind drei lateinische Worte eingraviert: „Quid si sic“, übersetzt: Was, wenn so. Oder etwas freier formuliert: Was wäre, wenn … Und so trägt dieser Ballettabend auch diesen Titel.

Aber eine Märchengestalt als Thema einer Uraufführung auf die Bühne bringen? Ist das heute noch zeitgemäß? Schon. Denn gerade die Menschen dieses Landstrichs werden es schätzen, dass dos Santos diese traditionelle Überlieferung, die ihnen immer noch etwas bedeutet, mit so viel Wertschätzung aufgegriffen hat. Gerade in der Zeit des Internets und des Materialismus gewinnen alte Sagen und Traditionen einen neuen Wert. Als Brasilianer, in dessen Heimat Spiritualität schon immer eine große Rolle gespielt hat, dürfte dos Santos das ohnehin nicht fremd sein. 

Ein guter Geist in allen Lagen

Bevor es um die Frage des „Was wäre, wenn“ geht, erzählt dos Santos aber erst einmal, wer das Petermännchen eigentlich ist. Er lässt dafür einen Mann, der natürlich Peter heißt, erzählen, wie der Zwerg in seiner Kindheit seine Fantasie beflügelt hat und wie sehr er sich bis heute wünscht, ihn doch einmal zu Gesicht zu bekommen. Dos Santos lässt dafür einen Schauspieler (Olaf Meißner) aus dem Off sprechen, während Peter (Matteo Thiele) sich auf die Suche macht. 

Das Ballettensemble verkörpert derweil das Volk und alle Gestalten, die so ihre Erfahrungen mit dem Petermännchen machen: eine betrunkene Wache (grandios in der Hosenrolle: Anna Korostelova), eine faule Wache (Eiya Ishikawa), eine gutherzige Wache (Ares Caudillo Adán), eine gutaussehende Wache (Willem Houck), einen Stallknecht und einen Beamten (David Serrano), eine Köchin (Klaudie Lakomá), eine Magd (Inés Esteve), eine schöne Dame (Eliza Kalcheva) und natürlich auch den Schlossgeist selbst (Matteo Andrioli). Dieser durfte alle hundert Jahre den Menschen erscheinen und um Erlösung aus seinem Geist-Dasein bitten, indem er einzelnen Menschen eine bestimmte Aufgabe stellt. Aber natürlich sind diese Aufgaben unlösbar, und so bleibt er dann doch wieder hinter den Schlossmauern gefangen. 

Jonathan dos Santos hat all diese einzelnen Episoden zu einem abwechslungsreichen Abend zusammengestellt, der geschickt auf den Höhepunkt am Ende zusteuert. Dann nämlich, wenn Peter, inzwischen groß geworden, aber immer noch auf der Suche nach dem Petermännchen, die entscheidende Frage stellt: „Was wäre, wenn …?“ Was wäre zum Beispiel, wenn das Petermännchen (stellvertretend für jeden von uns) der Liebe seines Lebens begegnen würde? Einen Bruder hätte zum Spielen? Was wäre, wenn das Petermännchen sich plötzlich den Menschen zeigen und sich mit ihnen zusammentun würde? Was wäre, wenn …?? Und so feiert man in schönster Märchentradition gemeinsam das Leben und die Liebe, bis ganz zum Schluss das Petermännchen dann eben doch die Schlossmauern wieder hinter sich schließt. 

Die Schweriner Ballettkompanie zeigt sich an diesem Abend von ihrer besten Seite und wirft sich mit Schwung und Begeisterung in jede Rolle. Musikalisch getragen von einer Auftrags-Komposition von Leon Gurvitch, der für die Mecklenburgische Staatskapelle (mitsamt umfangreichem Schlagwerk) eine ebenso anspruchsvolle wie eingängige Musik erfunden hat und auch selbst dirigierte. Mal erinnert sie an Filmmusik, mal an eine Sinfonie, mal an Kammermusik – jeweils passend zu der Szene, um die es geht. Man merkt, dass Gurvich nicht zum ersten Mal für das Ballett gearbeitet hat. 

Thomas Mika schuf ein variables Bühnenbild, und Silke von Patay kleidete die Tänzer*innen in zeitgemäß passende Gewänder. Und so wirkt alles aufs Feinste zusammen: Orchester, Bühne, Tanz und Choreografie. Das Publikum feierte alle Beteiligten zu Recht mit langanhaltendem Beifall. 

 

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