„Point of no Return“ von Cie. Pazar 

Endlich Frieden

„Point of no Return“ von Cie. Pazar im Dock 11 Berlin

Waacking nicht als Freestyle im Battle, sondern in einer Choreografie, die eine klare Botschaft mitbringt? Funktioniert tadellos, denn die Performer*innen zeigen, was „Mittel zum Zweck“ bedeutet.

Berlin, 06/07/2026

Das ist eben so eine Sache, wenn Ausdrucksformen „der Szene“ oder „des Undergrounds“ an Sichtbarkeit gewinnen und sich in den Mainstream bewegen: Da entsteht der Diskurs um Aneignung, darum, wer was darf oder sollte und wer nicht. Bei Waacking ist das auch nicht anders. Der Tanzstil, der in vielen Ausprägungen von oft schnellen Armbewegungen geprägt ist, ist im Bereich des künstlerischen Bühnentanzes angekommen. Und damit in den etablierten Häusern. Deshalb ist es auch folgerichtig, wenn Waacking auch kanalisiert für eine abendfüllende Choreografie genutzt wird.

Yeliz Pazar kennt sich damit aus. Sie tanzt und unterrichtet Waacking seit geraumer Zeit und hat, gemeinsam mit ihrer Compagnie, mit „Point of no Return“ das erste in Deutschland produzierte Waacking-Stück geschaffen. Im simplen Raum des Berliner Dock 11 arbeitet sie genauso simpel: Bühnennebel, einfarbige Kostüme irgendwo zwischen Grau und Anthrazit und farbloses Licht. Nichts lenkt von der Performance selbst ab. Und darauf kommts an. 

Pazar platziert ihre vier Performer*innen und sich selbst isoliert voneinander auf der Bühne in Spots, die jede*n einzeln herausstellen. Alle für sich, aber vereint in einem Schmerz. So viel ist klar. Eine komplexe Gefühlslage, Herausforderungen, Probleme. Alle performen mit dem Rücken zum Publikum, verschlossen, blicken aber immer wieder über ihre Schulter, wohl zurück zu jenem Punkt aus dem Titel.

Über eine gute Stunde hinweg durchlaufen alle mittels Waacking einen Läuterungsprozess, bei dem sie ihren inneren Dämonen zu begegnen scheinen. Es ist ein Prozess der Selbsterfahrung mit unbedingtem und individuellem Ausdruck als Kern. Genau das ist Waacking. Intensiv, mit Gesten und Posen, bei denen Virtuosität oder Technik nicht im Vordergrund stehen. Genau deshalb kann das Publikum desto einfacher an die inneren Prozesse der Performer*innen andocken, obwohl sie lange Zeit nach innen gekehrt zu bleiben scheinen. 

Zweifel und Unsicherheiten

Die Arme bleiben Zentrum und Fokus, ihre Arbeit begleitet von gepresster, rhythmischer Atmung. Jeder Move öffnet das Innere weiter, bringt Zweifel und Unsicherheiten an den Tag. Ein innerer Kampf, der über die Bewegung erst sichtbar wird. Orientierung im und am Außen entwickelt sich nur langsam, als würde Vertrauen schrittweise wachsen. Die Performer*innen suchen vorsichtig nach Verbindungen zueinander, deren Entstehen aber Zeit braucht. 

In einem beeindruckenden Solo bricht ein Tänzer immer wieder in sich zusammen, landet am Boden und richtet sich mühsam wieder auf. Das wiederholt sich so lange, das unklar wird, ob es sich um ein permanentes Kollabieren oder den unermüdlichen Versuch, durchzuhalten handelt. Vorsichtig versucht er, mit der Hand das eigene Kinn zu heben. Nur langsam kommt Unterstützung von den Anderen, erst zögerlich, dann immer deutlicher spürbar als sensible Weitergabe und Vermittlung von Energie, eine synchrone Hilfestellung, sich selbst wieder aufrichten zu können.

Schließlich finden sich alle auffällig harmonisch in einer Einheit, losgelöst, in hellem Licht. Mit unmissverständlichen Gesten wird das Alte abgestreift, das Vergangene wortwörtlich weggeworfen. Verschwunden sind die Krämpfe vom Anfang. Keine Zweifel, nur innere Ruhe. Schließlich wenden sich alle aufrecht dem Licht zu. Endlich Frieden.

Bei all dem scheint nicht die „künstlerische Geste“ im Vordergrund zu stehen, sondern Authentizität im Ausdruck und die ganz persönliche Gefühlslage. Das vermittelt sich so problemlos, dass es geradezu simpel wirkt. Genau das ist die Stärke dieser Arbeit. Für das Theater Oberhausen wird Yeliz Pazar mit dem dortigen urban Tanzensemble mit „KippPunkte“ ein neues Stück erarbeiten. Premiere ist im Oktober. 

 

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