„Eine große Ehre“
Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
Der Saal ist hell erleuchtet. Gemächlich, mit erhobenen Händen, gehen schwarz-weiß-gekleidete Gestalten auf die Bühne. Während des gesamten Stücks kreist langsam die Drehbühne, auf der ein gewaltiges rundes Metallband mit Lampen liegt. In diesen Ring kriechen nach und nach die neun Tänzer*innen hinein. Winden sich herum. Bewegen sich schließlich zu eigenartigen sphärischen Klängen. Eine Tänzerin kommt heraus, umarmt übergriffig eine Zuschauerin.
Dann wird der Lampenkreis hochgezogen. Erzeugt eine Lichtarena. Die Vorstellung kann beginnen.
Schnell bilden die Tanzenden Tableaus wie in der bildenden Kunst. Heftige Zuneigung. Kurze Trippelschritte, neue lebende Bilder: Geheime Kämpfe. Mühselige Beherrschung. Erotische Nähe. Greifen nach Macht. Verteilt im Rund frieren alle ein. Eine geht in die Mitte, an den Rand, zurück ins Zentrum. Unaufhörlich flüstert sie „Pscht! Pscht!“ Eine andere attackiert sie – zwei Tänzerinnen im Pas de Deux des Streitens. Darf die Wahrheit nicht gesagt werden? Oder sind es lauter Lügen?
Die Übrigen fangen an sich in der Arena zu bewegen, zittern mit ihren ganzen Körpern. Kein Angstzittern. Sie frieren auch nicht. Eher scheinen sie ihre Konturen zu verlieren. Ja, sich aufzulösen. Manche wirken seltsam passiv und hilflos. Oder wie stoische Roboter. Durchgehend taucht diese bizarre Bewegungssprache in der Inszenierung auf.
Ein Tänzer balanciert lange mit einem der vielen kleinen Plastikstühle. Gelegentlich krabbelt jemand auf einen hohen Tennisrichterstuhl. Tänzerisch agieren die Übrigen einzeln oder in Cliquen. Es geht um Einfluss und Ohnmacht. Nähe und Distanz. Deutungshoheit. In der Manege bleiben oder sich davonmachen und „privat“ werden? Manche toben dann schreiend oder pfeifend hektisch auf das Publikum los. Oft ruft jemand „Never“. Irgendetwas soll nicht wieder geschehen. Krieg? Faschismus?
Zuschauer „Roland“ wird aus dem Publikum als Mitspieler auf die Bühne in den Lichtkreis geholt, bekommt eine weiße Jacke verpasst, um sich ebenfalls in dieses Schwarz-Weiß einzureihen. Während einige wenige nicht mehr so uniformiert sind. Vielleicht nicht mehr schwarz-weiß denken wollen? Poetische oder brutale Szenen entstehen am Rande der Lichtarena:
Hektisch drehen und werfen sich Tanzende auf dem Boden herum. Stehen nach und nach auf. Zurück in den beleuchteten Ring. Eine macht weiter bis zur völligen Erschöpfung. Will sich nicht anpassen? Niemals konform gehen? Zwischendurch wechselt auch mal die Musik. Raue Töne. Klavierklänge. Dann George Harrisons „While My Guitar Gently Weeps“: Eine Tänzerin liegt am äußeren Bereich der Drehbühne und singt mit: „I don‘t know how someone controlled you / They bought and sold you.“ Eine andere wird später ausgezogen, gewaschen und fein eingekleidet. Mit einer Gitarre sitzt sie nun auf dem Tennisrichterstuhl.
Die sich ständig drehende Bühne ermöglicht immer neue Blickwinkel auf das gerade Geschehende. Sehen wir hier, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern unaufhörlich andere Perspektiven und neue Ansichten? Zunehmend kommt jetzt Sprache ins Spiel, mal heißt es „bullshit“ oder „never“ – doch die Worte nehmen überhand, lenken vom Tanz ab und überfrachten die Choreografie.
Schließlich gleitet die fein gemachte Tänzerin von ihrem hohen Stuhl, verschwindet in einem Bühnenloch – nach einiger Zeit erscheint sie nackt am Randbereich der Drehbühne und dreht mit ihr weiter. Statt sinnbildlich ist sie die reale nackte Wahrheit, nach dem legendären Bild „Nuda Veritas“ von Gustav Klimt. So endet die Choreografie.
Es sei „cool“, sich vorzustellen, die eigene Sicht auf die Dinge einmal auf Null zu setzen, sagte Johannes Wieland zum Titel des Stückes „piece #0“. Mit dem kleinen Gießener Ensemble arbeitete er an Fragen zu Fake News, Wahrheit und Wirklichkeit – also daran, wie wir heute unterscheiden, was stimmt und was nicht. „Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, in der die traditionellen Träger von Wissen und Wissensvermittlung ihre Autorität verloren haben?“ oder „Welche Rolle spielen wir selbst im Drama der Erosion demokratischer, freiheitlicher und solidarischer Prinzipien?“ (Programmheft).
Diese Überlegungen bilden den Ausgangspunkt der choreografischen Arbeit und durchziehen viele der entstehenden Tanzbilder – bleiben jedoch als theoretische Rahmung oft neben dem konkreten Bühnengeschehen stehen.
Die Kompanie erzählt vor allem allegorische Bilder über den Zustand der Welt, statt diese Fragen zu stellen oder zu beantworten. Die Suche nach Wahrheit wird im Stück nicht konkret verhandelt. Sie bleibt Ausgangspunkt und Material der choreografischen Arbeit – und erscheint als verrätselter Bewegungsfluss der Tanzenden.
Der Residenz-Choreograf Johannes Wieland arbeitete 15 Jahre lang in der „Nachbarschaft“, im Kasseler Staatstheater, und schuf dort bemerkenswerte Choreografien. Sein „piece #0“ wirkt noch unvollkommen und bleibt in seiner Bildsprache spröde – in einer Welt, die hier als bedrohlich aufscheint.
Vielleicht ist das ja seine Absicht ...
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