Disziplinierte Interdisziplinarität
Auftakt der Pina Bausch Professur mit ihrer ersten Inhaberin, Marina Abramović, an der Folkwang Universität der Künste
Im riesigen Lichthof des Gropius Baus empfangen uns klagende, schwarz gekleidete Frauen auf einer überdimensionalen Leinwand. Rhythmisch schlagen sie ihre Fäuste gegen die Brüste, die klatschenden Geräusche mischen sich mit tristen Gesängen aus dem Off. Verhärmte, traurige, erschöpfte Gesichter schauen uns an. Dazwischen kurz das – hineinmontierte – Antlitz von Marina Abramović. Noch ist unklar, worum es geht, aber setzt man sich eine Zeitlang vor die Klagenden, gerät man wie in Trance in deren eigenartige Welt.
In der Ausstellung selbst stellt sich dieser traumartige Zustand häufiger ein. Projektionen, Installationen, Fotos und Live-Performances ziehen uns an. Berühren uns, überwältigen jedoch nicht und lassen ein Mitschwingen zu. Die Medien veranstalteten nach der Vernissage Mitte April einen unglaublichen Hype um die vermeintliche „Sex-Ausstellung“ – tatsächlich irritieren nach dem Eintreten ins Halbdunkel kolossale Penisskulpturen vor einem Waldfilm aus ähnlichen Plastiken. Hier scheint Marina Abramović einen, wie sie sagt, auf dem Balkan gepflegten männlichen Körperkult bis ins Groteske zu treiben.
Trickfilme im phallischen Wald
Aus den Bildern des phallischen „Waldes“ entwickeln sich Zeichentrickfilme: animierte herumhüpfende Frauen zeigen dem Regen ihre Vulven oder nackte Männer penetrieren die Erde – in einer Direktheit, die zwischen Ernst und Überzeichnung wechselt. Das könne man nicht wirklich zeigen, schreibt Abramović in ihrem Buch „Durch Mauern gehen“, darum diese acht Animationen. Auf die Idee kam sie im Jahr 2005 durch die Bitte des britischen Kurators Neville Wakefield, künstlerische pornografische Arbeiten mit elf anderen Kunstschaffenden zu gestalten.
Parallel auf einer anderen Leinwand kommentiert die Performerin selbst, ironisch als Wissenschaftlerin mit weißem Kittel verkleidet, diese archaischen, volkstümlichen Bräuche. Es waren Fruchtbarkeitsrituale, die aus Not und Hoffnung entstanden – und in denen Sexualität keine Provokation, sondern Teil eines existenziellen Zusammenhangs war. So begann vor rund 20 Jahren die Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrem Projekt „Balkan Erotic Epic“.
In einem weiteren Saal präsentiert sie auf zwei großen Leinwänden dann doch die damals noch nicht möglichen erotischen Darstellungen. Gesänge aus dem Off. Fünf Tänzerinnen in Folklore-Tracht, verlangsamt im Regen: Sie drehen sich, die Röcke fliegen. Schauen zum Himmel, strecken die Arme hoch. Bilden Figurengruppen, recken sich nach hinten. Saugen den Regen mit langen Zungen auf. Die Kamera fährt immer wieder zwischen die Tänzerinnen. Nahaufnahmen. Langsam steigert es sich – eine Tänzerin steht auf dem Kopf, der Rock hängt über Kopf und Oberkörper. Ihre entblößte Vulva reckt sie dem Regen entgegen. Die anderen fügen sich gemeinsam zu lebenden Bildern. Irgendwann lassen alle ihre Vulven beregnen. Ich spüre Lebenslust und Trauer – und das Ganze wirkt niemals pornografisch.
Neben den Regentänzen erscheinen Männer auf einer zweiten Leinwand. Zunächst sind Dutzende von ihnen aus der Vogelperspektive zu sehen, gleichförmig über die Fläche verteilt, jedoch kaum als Menschen erkennbar. Ihre nackten Körper agieren mit rhythmischen, fast mechanischen Bewegungen. Zuvor hieß es in den Animationen: Männer penetrieren die Erde. In den Filmaufnahmen bleiben diese Gesten offener. Nahaufnahmen lassen lediglich ein vorsichtiges, fast tastendes Wackeln ihrer Hintern erkennen. Ihre Rituale sind weniger eindeutig als die der Frauen.
Memento Moris mit Skelett
Einige Räume weiter liegt Abramović in einem Video nackt auf einer wandfüllenden Leinwand und ist von einem Skelett umwunden, das auf ihr liegt. Vier Stunden lang bewegt sie sich nicht, scheint mit dem Gerippe zu verschmelzen. In dieser Aktion „Nude with Skeleton“ von 2002 setzte sie sich mit Leben und Tod, Erotik und Sterben auseinander. Das Ganze wirkt sehr ästhetisch, aber aus anderen Performances von ihr ist bekannt, dass die Künstlerin den Schrecken und Geruch des Todes kennt. Etwa durch ihre Arbeit auf der Biennale in Venedig, wo sie eine Woche lang stinkende Rinderknochen schrubbte – auch hier in einem Video zu sehen.
Vor der Leinwand steht ein leeres hölzernes Podest. Die Projektion wird täglich um 14 Uhr unterbrochen. Jeweils für zwei Stunden re-performt eine von acht ausgewählten Performer*innen hier Abramović’ Aktion live. Rund einhundert Leute drängeln sich im Saal, als Roksolava Nakvatska nackt erscheint, sich auf die Rampe legt und mit einem Skelett bedeckt wird. Unbeweglich bleiben beide liegen – es passiert scheinbar nichts, der Raum leert sich schnell wieder. Eineinhalb Stunden lang bleibe ich bei dieser Performance. Atme ruhig und langsam. Denke an nichts. Schaue die Szene an. Verschmelze mit ihr. Irgendwann kann ich nicht länger sitzen – und komme aus einer anderen Welt zurück, ins hektische Berlin. Die Erinnerung bereitet Gänsehaut.
Vor dieser Live-Performance erlebte ich im Nachbarraum bereits den Film „Orgy“, einen Totentanz mit zahlreichen Skeletten auf einem Friedhof, die von einigen nackten Tanzenden in verlangsamtem Tempo in Szene gesetzt werden: Sie vereinigen sich miteinander. Gerippe oder Teile davon werden umhergetragen. Eine hängt sich ein Skelett auf den Rücken. Die hervorragend gestalteten Totentänze changieren zwischen Pathos und Ästhetik – eine dichte Abfolge choreografierter Aktionen erzeugt eine eigene traumartige Wirklichkeit.
Die Erotik der Trauer
„Wer ist’s der weinend klagt und nach mir ruft?“ Trauernde Frauen am Ende der Ausstellung, die zum einsetzenden Gesang ihre Brüste zeigen und kneten. Auch diese sinnlichen Videoszenen sind Teil des Projektes „Balkan Erotic Epic“ – und ein Standbild daraus ist das Plakat dieser Ausstellung. Hier schließt sich der Kreis mit den Frauen im Lichthof, die um den verstorbenen Tito, den jugoslawischen Staatschef und die legendäre Symbolfigur des Landes, trauerten.
Nicht unerwähnt bleiben sollen hier einige frühe eindringliche Solo-Performances von Marina Abramović, die in der Ausstellung dokumentiert sind. Bereits in ihnen steht ihr eigener Körper im Zentrum, sie setzt sich Dauer, Schmerz und äußerster Konzentration aus. Vieles, was später folgt, geht auf diese frühen Arbeiten zurück.
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