Schubs aus der Komfortzone
„Le Sacre du printemps“ von Annett Göhre am Theater Ulm
Diese Frau hat es choreografisch drauf. Schon als junge Tänzerin – damals noch im Ensemble des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München und von ihrem dortigen Chef Philip Taylor losgelassen in die selbstschöpferische Kreativität – verstand es Annett Göhre, Aussagen zu transportieren und durch kuriose Einfälle zu überraschen. Und das mit Witz. Seit sie, inzwischen längst selbst Direktorin, Plauen-Zwickau verlassen und im September 2023 die Leitung der Tanzsparte am Theater Ulm übernommen hat, rückt endlich ihr großartiges Talent, aus dem Wenigen, das ihr zur Verfügung steht, ein Maximum des Erstaunlichen herauszuholen, mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit.
Programmatisch verfolgt Göhre ein zweigleisiges Konzept. Das ermöglicht ihr, sowohl tradierte Handlungsballett-Stoffe für eine kleine Gruppe von Interpreten durchaus erfolgreich neu zu überdenken als auch komplett neue Inhalte gemeinsam mit ihrem Team zu messerscharf gedachten, sehenswerten Abendfüllern zu entwickeln. Dieser zweiten Kategorie ist ihre jüngste Uraufführung „Kipppunkte“ zuzuordnen. Letztlich demonstrieren darin elf Protagonist*innen in allen möglichen Lebenslagen wunderbaren Zusammenhalt – in einem von Silvio Motta (Bühne und Kostüme) dreimal ästhetisch umgekrempelten Set aufs Unterschiedlichste herausgefordert.
Augenblick des freien Falls
Die Tänzer*innen halten tatsächlich 75 Minuten lang ohne Unterbrechung den Spannungsbogen auf der großen Bühne des Ulmer Theaters aufrecht. Und das über verschiedene Spielszenen hinweg, in denen sich jede*r einzelne trotz zahlreicher starker Unisono-Momente irgendwie vom Rest durch ein sichtbar individuelles In-Sich-Hineinspüren abhebt. Bedeutsam in „Kipppunkte“ ist gerade das Hier und Jetzt, vergleichbar Augenblicken eines freien Falls, den man spontan abzufangen versucht.
Zudem treiben solistisch getragene Passagen, die sich sporadisch aus den Ensemblekonstellationen herauslösen, den Fluss aus taumelnden, trudelnden, wankenden, strauchelnden und aus dem Gleichgewicht kippenden Bewegungen weiter an: ein choreografisch vor allem am Ende bizarr die dynamischen Erwartungen rund um ein überdimensionales Trampolin durch partielle motorische Verlangsamung und Zeitlupenhaftigkeit brechender soghafter Strom, der die Zuschauer bei der Stange hält und zur thematischen Vertiefung das Seine beiträgt.
Eingefangen von einer Live-Kamera, die beispielsweise dem eben noch gegen die Angst vor dem Scheitern oder Schlappmachen ankämpfenden Casey Hess in die sonst abgeschirmte Intimität hinter der Kulisse folgt, werden dramaturgisch clevere Übergänge gestrickt. Groß auf den durchscheinenden Bühnenhänger projiziert erzählt so ein kurzer stiller Zwischeneinblick von Atemlosigkeit, Durst und dem Bezwingen des Lampenfiebers vor dem folgenden Auftritt. Das persönliche Ausloten einer Unsicherheit wird so zum mit dem Publikum im Saal geteilten Sujet.
„Kipppunkte“ verdichtet sich zu einem Abend, der anfangs bestückt mit drei riesigen Kreiseln noch recht physikartig startet, dann aber zunehmend abstrakt aus dem Leben gegriffene Erfahrungen und Umstände aufgreift, die Menschen im Privaten, in einer Gemeinschaft oder im Beruf aus dem Lot bringen können.
Die Schwerkraft aufhebeln
Plötzlich werden Hände wichtig, die zupacken, um einen Sturz zu verhindern. Im Duett lässt sich die Schwerkraft aushebeln und schräge Gefühle alias Haltungen ausprobieren. Wäre doch langweilig, wenn die Tänzerinnen und Tänzer immer nur schön in der Balance blieben. Nach dem experimentellen Kippeln und Drehen auf den Kreiseln verschwinden diese an Karabiner gehängt wie gen Himmel schwebende Pilze. In perfektem Timing senkt sich stattdessen eine klobige, von oben über die Befestigungsseile fremdgesteuerte Riesenwippe herab. Schnell stürzen sich alle auf die turnerisch neue Spielwiese. Zu sechst erobern sie den breiten Balken, von dem sie flugs zum Balancieren, Rollen, Hinauf- respektive Hinabkraxeln gebracht werden. Mal willentlich, mal versehentlich durch externe Kräfte in die Schieflage und folglich körperliche Unruhezustände versetzt.
Wer beim vielen Umgreifen und Partnern genau hinschaut, sobald Damiano Ferraro an der Reihe ist, bekommt bei diesem wichtigen Neuzugang ein inklusives, ganz selbstverständlich ins Ensemble integriertes Musterbeispiel vor Augen geführt. Denn innere Ausgeglichenheit, tänzerische Perfektion und performative Ausdrucksstärke wie bei ihm haben absolut nichts mit konventioneller körperlicher Makellosigkeit zu tun. Mittels Einsatz eines in die Bühnenarchitektonik eingepassten Trampolins gipfelt „Kipppunkte“ in einem Gefühlskosmos des Fliegens, Schwebens und Aufgefangen-Werdens.
Gut ineinander verwoben schüren Minimal-Music-Kompositionen den choreografischen Drive. Neben Arvo Pärt („Tabula Rasa“), Philip Glass („Rubric“) und Michael Lawrence Nyman („Trysting Fields“) gehören dazu auch zwei Sätze aus „Sextett“ von Steve Reich ebenso wie sein „Drumming“, das für eine wunderbar intensive Raumdiagonale sorgt. Zu Jeremy Shermans „Beach Party“ hechtet die großartige Ulmer Kompanie am Ende durch ein archaisches Pool-Ambiente. Über die Farbigkeit und Haptik der Pyramiden-Architektur des dritten Teils mag man sich streiten, aber nichts mindert das, was Gabriel Mathéo Bellucci zum Schluss vor dem sich bereits herabsenkenden Vorhang glückt: der lustvolle, torpedoartige Fall in die Luft. KeinesFALLs verpassen!
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