Ein feiner Kessel Buntes
Gelungener Gala-Abend beim Ballett Kiel
Abstrakter Tanz oder lieber ein bisschen mit Handlung. Das Ballett des Theater Kiel lässt nicht lange wählen, sondern bringt einfach beides in einer Double Bill zusammen. „Get into the Groove“ heißt der dortige Doppelabend, der mit Kevin O’Days „Riffdrift“ eröffnet und mit „Perfect Scent“ von Amilcar Moret Gonzalez schließt.
Abstrakter Start
O’Day, der selbst bei Forsythe getanzt hat und 14 Jahre lang die Tanzsparte am Nationaltheater Mannheim geleitet hat, setzt ganz auf eine abstrakte Formenlehre, die von der Musik von Bryce Dessner vorangetrieben wird. Das Gimimani Quartett intoniert diese meist repetitiven musikalischen Muster in sehr treibenden Streichern, die auf der Bühne meist in Duetten oder Trios umgesetzt werden. Die Männer tanzen mit nacktem Oberkörper, die Frauen in flatterndem blauem Tuch mit Kostümen von Angelo Alberto. Zusammen produzieren sie Szenen zwischen Nähe und Distanz mit schönen Hebefiguren und meist Bewegungen auf halber Spitze. Pompös wird es, als die Männer alle zusammen in einem Kreis eine Art Kraftritual zelebrieren und dabei zu einem großen Haufen werden, wie bei einem Männer-Sacre.
Nicht immer wirkt der Tanz auf der Bühne minutiös, wenn die Paare etwa synchron tanzen, doch O’Day spielt auch ganz bewusst mit Asynchronitäten. So spulen sich die Duette, Trios und Soli ab, mal in kraftvollen Sprüngen, mal in schmiegsamem Gleiten, doch all das Geheimnisvolle, all das Rätselhafte löst sich gegen Ende nicht ein. Stattdessen stehen all die Einzelnummern unverbunden, nebeneinander, ohne dass ein Rahmen oder eine gemeinsame Idee jenseits der Musik sie fassen kann. Hier ist nichts mehr als die Summe seiner Teile und schlussendlich nicht viel mehr als eine Schau von getanzten Exerzitien. Der Groove fehlt einfach.
Das Gute tanzt mit dem Bösen
Wie kommt Amilcar Moret Gonzalez in den Groove? Er ist Ballettmeister in Kiel, hat bei John Neumeier getanzt, und hier bereits 2022 einen „Othello 2.0“ inszeniert. Wohlbekannt ist in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt auch Vitalii Kyianytsia, Repetitor des Balletts, der nicht nur das Streichquartett mit dem Klavier begleitet, sondern zudem die Musik zum zweiten Teil komponiert hat. Es ist seine erste Komposition für Ballett, die er zudem mit Stücken von Hans Zimmer aus „Das Parfüm“ angereichert hat. Seine Komposition dringt aus dem Graben wie ein Film-Soundtrack mit einem gehörigen Schuss Yann Thiersen. Entsprechend setzt Gonzalez in „Perfect Scent“ auf die großen Bilder. Ganz zu Beginn schwebt Vitalii Netruneko als weißgewandeter Engel über ein rotes Meer auf die Bühne, dazu wandeln die Tänzerinnen mit großen weißen Leuchten umher.
Es geht um den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse, Himmel gegen Teufel. Im Bühnenhintergrund erscheinen mal große Holztüren, mal zeichnet sich durch den Hintergrundstoff ein großes, schreiendes Gesicht ab. Ein antikes Sofa wird aufgefahren, ein Sekretär, gar eine Badewanne – alles sehr Retro. Im Kern stehen drei Szenen mit Madrina Kadyurkova, Gulzira Zhantemir und Virginia Tomarchio. Sie werden in den jeweiligen Momenten von den Dämonen bedrängt, mit dem Ziel, sie in den Selbstmord zu treiben, sei es durch Ertrinken, durch einen Strick, der aus dem Schnürboden fällt oder durch Öffnen der Pulsadern. Das sind rasante Szenen mit großen Sprüngen und voller Emotionen, in die dann immer der Engel hereinplatzt, um die bedrängten Frauen zu retten.
Das sind alles große, wuchtige Nummern, während Netruneko danach mit seiner jeweiligen Herzdame in sanfter Erschöpfung in den Sonnenuntergang gleitet. Ob eine solche Ritterrettungsnummer den Erzählweisen und Selbstbildern des 21. Jahrhunderts gerecht wird, darf hier zurecht bezweifelt werden. Inhaltlich ist das eine alte, durchaus fragwürdige Kamelle. Emotional aber kommt der Abend gut über die Rampe, auch wenn sicher hier und da die Kitschgrenze schon mal überschritten wird.
Im Kontrast zum aseptischen „Riffdrift“ wirkt „Perfect Scent“ noch einmal stärker, als er es vielleicht alleine täte. Und der Groove? Es hat auf jeden Fall einen schönen Flow, aber das eckige, was ja das Groovige ausmacht, das fehlt hier.
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