„Gala“ von Jérôme Bel

Einladung zum Unperfekten

„Gala“ von Jérôme Bel bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen

Eine emblematische Arbeit des zeitgenössischen konzeptuellen Tanzes : Statt Virtuosität gibts einen humorvollen und berührenden Abend. Dieses Mal sind es die Einwohner*innen Recklinghausens, die mit den Erwartungen des Publikums spielen.

Recklingausen, 17/05/2026

Auf der stillen Bühne der Ruhrfestspiele in Recklinghausen erscheinen nacheinander Bilder verschiedener Theater. Theater jeder Größe, aus allen möglichen Orten, Ländern und Zeiten, begleitet vom Gemurmel des Publikums, das überrascht feststellt, dass darunter auch das Große Festspielzelt ist, in dem es selbst sitzt. Es lässt sich vermuten, dass diese die Orte sind, an denen „Gala“ bereits gezeigt worden ist. Ob vom Zuschauerraum, von der Bühne, aus dem Schnürboden oder aus der Luft, das Theater wird aus allen Perspektiven gezeigt, und die Bühnenaufführung erscheint als zentrales Element von „Gala“. 

Bekannt von Paris bis Berlin, London ebenso wie Venedig oder Brüssel, hat die Produktion in ihren elf Jahren Bestehens die ganze Welt bereist, was die Vielzahl der Fotografien spiegelt. Einige Stühle in einem Park, eine Plattform in einem Einkaufszentrum wechseln sich mit Nationaltheatern ab, als wolle Bel verkünden, dass alle Formen von Theater legitim sind. Schon hier scheint Bel zu fragen, was Theater eigentlich ausmacht. Was schafft eine Aufführung? Mit dieser Abfolge von Bildern beginnt bereits die Dekonstruktion des Spektakelbegriffs, die „Gala“ vorschlägt.

Auf das Wesentliche reduziert

Ein Schild wird umgedreht und zeigt das Wort BALLETT. In schlichten Großbuchstaben geschrieben, strukturieren diese Schilder das Stück und erinnern an die Ästhetik einzelner Nummern: Ballett. Walzer. Michael Jackson. Verbeugung. Die Sequenzen folgen aufeinander, und jedes Mitglied der Gruppe führt aus, was angekündigt wird. Ein klar strukturiertes und vorhersehbares Setting, und doch vollkommen unvorhersehbar darin, wie die Aktionen umgesetzt werden.

So lernen wir die Tänzer*innen kennen: Eine Person nach der anderen geht zur Bühnenmitte, dreht zwei Pirouetten und verlässt die Bühne wieder. Wie schauen wir auf Tanz? Das Publikum wird mit seinem eigenen Urteil konfrontiert, während alle einfach das tut, was getan werden soll. Die Teilnehmenden nehmen sich selbst zwar nicht allzu ernst, führen ihre Aufgaben aber ernsthaft aus. Wie beim Seiltanz bringt Bels Vorgehen das Publikum sofort dazu, vorgefertigte Vorstellungen davon zu hinterfragen, was Tanz ist.

Die Pirouetten folgen aufeinander, gleichen sich aber nie, und die Vorstellungen davon, was Ballett bedeutet, sind so vielfältig, dass sie unsere Bilder und Assoziationen hinter demselben Wort infrage stellen. Im Laufe des Stücks wechseln wir von Michael Jackson zu Stromae, begleitet von eingängigen Songs und Bildern, die das Publikum herzlich lachen lassen und mit dem Vorstellungsvermögen spielen. Über die Reverenz an den berühmten Moonwalk hinaus schafft Bel bereits Verbindung mit dem Publikum.

Humorvolle und berührende Porträts

Obwohl die Wege und Aufgaben für alle dieselben sind, entdeckt das Publikum in dieser seltsamen Parade allein daran, wie sie die Bühne betreten, nach und nach jede einzelne Persönlichkeit der Gruppe. „Gala“ schafft Porträts von Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen, Altersgruppen, Körpern, Herkünften und Tanzerfahrungen, Amateur*innen wie Professionellen, Menschen mit und ohne Einschränkung. „Gala“ von Jérôme Bel ist ein inklusives Stück, in dem alle willkommen sind. Gerade die Einzigartigkeit jeder einzelnen Person macht das Stück so reich. Doch wie es im Programmblatt heißt: „Auf der Bühne sind sie alle gleich(berechtigt).“

Mit dem Schild KOMPANIE KOMPANIE auf der Bühne entdecken wir die Gruppe als Ganzes, in farbenfrohen und exzentrischen Kostümen. Sie folgen einander in einem Spiel der Nachahmung, das zugleich die einzelnen Individuen und ihre Persönlichkeiten sichtbar macht. Wieder lächeln die Menschen auf der Bühne ebenso wie im Publikum. Der Tanz schafft Verbindung zwischen diesen Körpern, und ihre Ehrlichkeit sowie ihre Freude daran, gemeinsam auf der Bühne zu stehen, berühren. „Gala“ ist ein Fest der Freude.

Die scheinbare Einfachheit des von Jérôme Bel für „Gala“ entwickelten Konzepts schlägt eine Demokratisierung des Tanzes auf der Bühne vor und öffnet das Theater für alle. Für dich. Für mich. Für uns.

 

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