Unter der Haut ist unsere Schatzkarte
Christoph Klimke zum 60. Geburtstag
Unter weißen Laken winden und kriechen zwei Menschen. Die elektronische Musik wird leiser. Sandra Hüller beginnt, die fiktive Geschichte einer Frau zu erzählen, die auf den realen Erlebnissen von vier Opfern basiert.
Die Frau vertraute dem Mann, war schrecklich verliebt, beide hatten viel Spaß miteinander. „Es war wirklich ein Traum“, zitiert die Schauspielerin aus dem Off – ein Traum, der sich bald als Alptraum erweist. Als sie alles aufgab, sich völlig abhängig von ihm machte und gemeinsam mit ihm ein Haus kaufte, zeigte er sein wahres Gesicht. Er kontrollierte und überwachte sie, beschimpfte, misshandelte und prügelte sie. Mal kam die Polizei vorbei, doch die Frau schützte und verteidigte ihren Schinder, der sich immer wieder entschuldigte. Sieben Jahre dauerte es, bis sie schließlich die Kraft entwickelte, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien.
Während Hüller eindringlich erzählt, begleiten zwei Tanzende – Gesa Holland und Damian Gmür – die berichteten Erlebnisse. Der Tänzer umklammert und bedrängt die Tänzerin, die sich zu befreien sucht. Beide winden sich ineinander, lösen sich, stoßen sich ab. Später werden die Bewegungen heftiger: sie drehen sich, reißen und zerren aneinander. Immer wieder gibt es aber auch Momente der Nähe und Zärtlichkeit.
Geschichte und Tanz werden von Kommentaren aus der Praxis unterbrochen. Ein Polizist berichtet von zwei Formen der Intervention: Entweder melden sich Nachbarn oder die Betroffene selbst. Eine Ärztin spricht von alters- und schichtübergreifenden Erfahrungen mit Opfern – Gärtnerinnen, Ärztinnen, Verkäuferinnen. Der Sozialarbeiterin ist vor allem der Schutz der Betroffenen wichtig, der gerade im ländlichen Raum schwierig ist. Eine Therapeutin erklärt die zunehmende Verstrickung und fordert konsequenten Opferschutz vor Gericht. Später spricht sie davon, auch in der Therapie müsse gegen Täter angearbeitet werden. Die Rechtsanwältin betont die Notwendigkeit, juristisch klar auf der Seite der Opfer zu stehen.
Schließlich kämpft sich die Geschundene „zurück ins alte Leben“ und fragt: „Was hast du eigentlich die letzten Jahre gemacht?“ Dazu bewegt sich die Tänzerin allein, abgesetzt von der gemeinsamen Bewegung.
Schauspielerin Sandra Hüller rezitiert so berührend, als hätte sie die Ereignisse selbst erlebt. Die Fachleute überzeugen durch ihre klare Sprache und nachvollziehbare Beispiele. „Fassaden“ ist kein Tanzfilm, sondern ein wichtiger Film – gerade für Menschen, in deren Leben solche Beziehungen kaum vorstellbar sind, oder für Betroffene, die nach Auswegen suchen. ARTE und MDR haben den Film mitproduziert; eine Fernsehausstrahlung ist zu erwarten.
Welche Rolle spielt der Tanz? Eine Tanzkritik
So überzeugend „Fassaden“ in seiner inhaltlichen Anlage und seiner dokumentarischen Klarheit ist, so stellt sich aus der Perspektive einer Tanzkritik eine andere Frage: Welche Rolle spielt der Tanz – und was hätte er leisten können?
Die Tanzszenen in der Choreografie von Sebastian Weber stehen den Erzählungen zur Seite, bleiben jedoch zurückhaltend. Die unvorstellbaren Verstrickungen häuslicher Gewalt werden körperlich nur angedeutet. Nähe und Abstoßung, Umklammerung und Lösung sind erkennbar, doch das eigentliche Ringen um Distanz und Nähe, die Kämpfe, das Sich-Verstricken zwischen Unterwerfung und Befreiung werden nicht wirklich erfahrbar.
Dabei gehört genau dieses Spannungsfeld seit vielen Jahren zum Vokabular des zeitgenössischen Tanzes. Tanz kann Situationen und Emotionen auf eine Weise paraphrasieren, die sich nicht erklären lässt, sondern sinnlich vermittelt wird – man versteht nicht, sondern fühlt, wird hineingezogen. Gerade hier hätte der Film zeigen können, dass die Choreografien das Geschehen, das Hüller so eindringlich vorträgt, in körperliche Erfahrungen übersetzen.
„Ballett kann kämpfen“, sagte Johann Kresnik. In „Fassaden“ jedoch kämpfen die Tanzbilder nicht. Sie begleiten, illustrieren, bleiben vorsichtig. Gerade dort, wo Tanz mehr könnte als erklären – er bleibt zurück, wo er Situationen und Gefühle sinnlich zuspitzen, körperlich erfahrbar machen könnte.
„Fassaden“ von Alina Cyranek | Kinostart: 12. Februar 2026
Kino-Tour vorab
Alle Termine finden in Anwesenheit von Regisseurin Alina Cyranek und Mitgliedern des Filmteams statt.
06.02. |Frankfurt| 19:30 | Mal Seh’n Kino
07.02. |Dortmund| sweetSixteen-Kino
08.02. |Köln| 16:30 | Filmpalette
09.02. |Mössingen| 17:30 | Lichtspiele Mössingen
09.02. |Reutlingen| 19:15 | Kamino
10.02. |Überlingen| 19:00 | Kammer/Tivoli
11.02. |München| 18:00 | Monopol Kino
11.02. |München| 20:30 | Werkstatt Kino
12.02. |Bamberg| 18:30 | Lichtspiel
13.02. |Wiesbaden| 20:00 | Murnau Filmtheater
14.02. |Regensburg| 11:00 | Regina Filmtheater
18.02. |Jena| 20:00 |
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