Anna Razzi in Giselle (1979)

Abschied von Anna Razzi

Eine der letzten großen italienischen Ballerinen des vergangenen Jahrhunderts ist tot - die Ballettwelt trauert.

Anna Maria Razzi, unvergessen als Tanzpartnerin an der Seite von Paolo Bortoluzzi und Rudolf Nurejew, ist im Alter von 85 Jahren verstorben.

Neapel, 18/02/2026

Sie galt als eine zentrale Figur des italienischen Balletts in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die am 31. März 1940 in Rom geborene Anna Razzi – als Ballerina, Ballettmeisterin und langjährige Direktorin bedeutender Ausbildungs- und Bühneninstitutionen erlangte sie internationale Berühmtheit.

Ihre tänzerische Laufbahn begann nach der Ausbildung an der Scuola di Danza in Rom und führte sie früh ins Ausland. In Mailand erweiterte sie ihren künstlerischen Horizont durch Schauspielstudien an der Accademia dei filodrammatici; ihr Debüt im Sprechtheater gab sie als Miranda in „Der Sturm“ an der Seite des italienischen Filmstars Gianni Santuccio. Diese theatralische Tiefe blieb auch in späteren Jahren ein Markenzeichen ihres Tanzes.

1963 trat Razzi als Solistin dem Ballettensemble des Teatro alla Scala in Mailand bei. Hier wurde sie bald zur Primaballerina und schließlich 1978 zur Étoile ernannt und verkörperte die großen Frauenpartien des klassischen und neoklassischen Repertoires – von der Giulietta in „Romeo und Julia“ über Odette/Odile in „Schwanensee“, Titelfigur in „Giselle“, Aurora in „Dornröschen“ und Swanilda in „Coppélia“ bis zu neoklassischen Werken George Balanchines. Roland Petit erklärte sie schließlich zu seiner Muse und schuf für sie eigens die weibliche Hauptrolle in „The Marriage of Heaven and Hell“.

Als kongeniale Partnerin von Paolo Bortoluzzi und Ballettlegende Rudolf Nurejew feierte die dramatische Tänzerin internationale Erfolge. Unvergessen bleibt ihr Auftritt an der Seite von Nurejew als „Giselle“ am Metropolitan Opera House 1981, den die Kritik der The New York Times mit großer Anerkennung würdigte. 1985 verabschiedete sie sich von der Bühne.

Nach dem Ende ihrer aktiven Karriere widmete sich Anna Maria Razzi mit Leidenschaft der Weitergabe ihres immensen Wissens. Von 1990 bis 2015 leitete sie die Ballettschule des Teatro di San Carlo in Neapel, von 2006 bis 2009 die Ballettkompanie. Sie formte Generationen von Tänzerinnen und Tänzern und bewahrte mit ihren Erfahrungen zugleich das klassische Erbe, etwa mit ihrer Rekonstruktion von „Giselle“ (2009) für die Bühne des San Carlo – ein Abend, der mit Ausnahmetalenten Alicia Amatriain und Roberto Bolle besondere Strahlkraft erhielt. Für ihr Lebenswerk wurde sie 2009 mit dem Premio Positano Léonide Massine ausgezeichnet, eine der wichtigsten Auszeichnungen für den Tanz in Italien.

Auch dem breiten Publikum blieb die Künstlerin weiterhin präsent, unter anderem durch drei Auftritte in der beliebten Fernsehserie „Un posto al sole“.

Anna Maria Razzi hinterlässt ein Vermächtnis von Eleganz, Disziplin und humanistischer Bildung. Mit der Tänzerin verliert das Ballett eine wichtige Stimme, die über das italienische Publikum weithinausreicht und in den Erinnerungen ihrer Schüler*innen im In- und Ausland erhalten bleiben wird. 

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