Stefanie Felber: Carnal Screen

Das Fluide ist ihr Metier

Die Videokünstlerin und Choreografin Stephanie Felber bekommt den Förderpreis Tanz der Landeshauptstadt München

Stephanie Felber geht ohne erkennbare Vorbilder ihren ganz eigenen Weg geht. Deshalb ist sie immer für eine Überraschung gut ist. Und einen Preis.

München, 15/05/2026

„Art, for me, is a space of questioning, listening, and transformation. It invites us to imagine new possibilities, to see the world through different eyes, and to remain curious toward one another.” 

Dies schreibt Stephanie Felber auf Facebook – als Antwort auf die Nachricht, dass sie in diesem Jahr den Förderpreis Tanz der Landeshauptstadt München erhält. Im gleichen Atemzug dankt sie allen, die sie unterstützt und an sie geglaubt haben. Und das sind viele.

Denn die 1987 in München Pasing geborene Künstlerin ist nicht nur in mehreren Disziplinen zuhause, sondern auch eine umsichtige, länder- und generationen-umspannende Brückenbauerin. Neben ihren regelmäßigen Uraufführungen in der Münchner freien Szene auch für das inklusive Ensemble der Freien Bühne München e. V., forscht sie derzeit zum Thema Körpergedächtnis und Migration. Sie gibt Workshops in Oslo, Tessaloniki und Tallin und hat 2017 mit dem Tänzer und Schauspieler Nikos Konstantakis das Kölner Kollektiv "Diphtong" gegründet, das innergesellschaftliche Dynamiken untersucht und fluide Formate kreiert. Und das (sozial und künstlerisch) Fluide ist ihr Metier.

Das Schaffen von Selbstermächtigungsräumen

Studiert hat Felber Film und Fotografie, sie ist zunächst selbst als Performerin aufgetreten – etwa bei Susanne Linke, Tino Sehgal und Alexeij Sagerer –, bevor sie 2015 mit „L´atelier de flanerie“ ihr Debüt als Choreografin gab. So viel Selbstermächtigungs-Power nötigt Respekt ab. Und rückblickend beeindruckt besonders, dass Felber vom Fleck weg den Rahmen absteckte, in dem sich ihre Arbeiten bis heute ungeheuer organisch verändern. Ihr „Raum des Hinterfragens, des Zuhörens und der Verwandlung“ ist nämlich wirklich ein Raum: Eine (meist) gemeinsame Bühne für Tänzer*innen, wechselnde installative Elemente und mobile Zuschauer*innen.

Felbers geteilte Spielflächen gewannen 2018 – mit „Vague de corps“ - an Dichte und sozialer Dynamik. In „(In)Security“ (2019) konnte das Publikum einzelnen Tänzer*innen näherkommen und sich Puls und Muskelspannung von Sensoren abnehmen lassen. Die elektronisch umgewandelten Signale wurden atmosphärisch-akustischer Teil der Performance.

Die Herkunft dieser Choreografin aus dem Film und der Bildenden Kunst befeuern abstrakte Fragen nach dem Wesen der Leere oder der Abwesenheit, bieten aber auch Lösungen an. In „Is there a world beyond the image?“ clashten 2022 ikonische Gesten in filmisch komponierten, hart aneinandergeschnittenen Sequenzen.  Film selbst wurde wichtig für ihre Arbeiten am Spiegel-, Abbild- und Doppelgänger-Motiv.

Film und Tanz zusammengedacht

Ihr 2023 zur Premiere gekommener Film-Tanz-Abend „Carnal Screen“ spannt schon im Titel das dreidimensionale Fleisch mit der Flächigkeit eines Bildschirms zusammen und spielt sich konsequent in der Zeit-Raum-Unschärfe dazwischen ab. Es war ausnahmsweise mal eine Guckkastenbühne, die hier zwischen mehreren Leinwänden mit Projektionen auch live betanzt wurde. Im schemenhaften Miteinander ununterscheidbar geworden, war die Hierarchie zwischen virtuellem und realem Tänzerkörper aufgehoben und ein neues Genre geboren.

„Carnal Screen“ ist ein Höhepunkt von Stephanie Felbers bisherigen Karriere und ein Beispiel dafür, wie konsequent sie die Rolle des Tanzes als Bewegungs- und Begegnungskunst in ihren multimedialen Arbeiten befragt. Als so neugierige wie technikaffine Körper-, Raum und Wahrnehmungsforscherin bespielt sie ein Feld, das einzigartig ist in der Tanzszene dieser Stadt. Der Preis wird am 12. Oktober feierlich verliehen und geht mit ihr an eine Choreografin, die ohne erkennbare Vorbilder ihren ganz eigenen Weg geht. Und deshalb immer für eine Überraschung gut ist.

Offenlegung: Die Autorin gehört selbst der Preisjury an 

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