Am Anfang des Films steht ein Zitat: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine ganze Welt zerstören.“ Es stammt aus „Demian“ von Hermann Hesse. Eine Tanzadaptation dieses Romans wollte Demis Volpi als erstes eigenes abendfüllendes Werk für das Hamburg Ballett erschaffen. Bekanntlich wurde nichts daraus.
Eigentlich sollte der Film zeigen, wie sich das Hamburg Ballett nach 51 Jahren John Neumeier unter der Führung von Demis Volpi weiterentwickelt. Daher der Untertitel „The Hamburg Ballett in Transition“. Gezeigt wird über 90 Minuten hinweg aber keineswegs die Wandlung einer weltberühmten Kompanie unter einem neuen Intendanten, sondern vielmehr dessen Scheitern. Im Mittelpunkt des Films steht Demis Volpi, nicht das Hamburg Ballett. Insofern ist der Untertitel irreführend.
Unsicherheit und Verwirrung
Kim Hess begleitet Demis Volpi mit der Kamera von seiner Abschiedsgala in Düsseldorf beim Ballett der Deutschen Oper am Rhein im Juli 2024 über den Beginn seiner Intendanz in Hamburg im August 2024, die ersten Premieren, dann die Demission im Juni 2025 und die Pause danach. Auch nimmt sie die Aufführung von Volpis „Aftermath“ anlässlich des 100. Geburtstages des Ballettensembles des Teatro Colón in Buenos Aires im Mai 2026 noch mit dazu, und ebenso Volpis jüngste, knapp dreiminütige Kreation „Both Sides Now“ für die Erste Solistin des Stuttgarter Balletts, Elisa Badenes, zu einem Lied von Joni Mitchell (im Frühjahr 2027 ist Volpi dort einer der Choreografen eines vierteiligen Ballettabends). Die aktuell positive Weiterentwicklung des Hamburg Ballett wird nicht thematisiert.
Über lange Strecken hinweg zeigt der Film die Aufbruchstimmung in Hamburg, die Gartenparty zum Auftakt der Spielzeit 2024/25, die Arbeit am ersten Ballettabend („The Times are Racing“), ebenso an der Dezember-Premiere „Slow Burn“. In mehreren Rückblenden bringt er Interviews und Probenausschnitte aus Archivmaterial des NDR über die Anfänge von John Neumeier in Hamburg 1973/74.
Der Film spiegelt die Unsicherheit Volpis, wie er diesem renommierten, von ihm bewunderten Ensemble („Ich habe mich einfach total verliebt in diese Kompanie, weil … das kann man nicht erklären, das ist ein Gefühl.“) begegnen soll, sein Suchen nach dem richtigen Umgang. Er zeigt aber auch die Verwirrung und Unsicherheit auf Seiten der Kompanie, die dem neuen Chef anfangs mit großer Offenheit begegnet, aber doch ein ganz anderes Arbeiten gewöhnt ist.
Man sieht Interviews mit dem damaligen Ersten Ballettmeister Damiano Pettenella und der Ballettmeisterin Natasha Lagunas, beide von Volpi mit nach Hamburg gebracht, anlässlich von „The Times are Racing“ auch mit Hans van Manen, Jo Ann Endicott und Justin Peck, der sagt: „Diese Kompagnie hat hauptsächlich Johns Werke aufgeführt, und nur sehr wenige Choreografen von außen haben hier ihre Werke gezeigt.“ Das Jahrbuch zum 40. Jubiläum des Hamburg Ballett (übrigens ein höchst nützliches Nachschlagewerk über den Werdegang der Kompanie) dagegen listet zwischen 1973 und 2013 insgesamt 70 verschiedene Stücke namhafter anderer Choreografen auf, die das Hamburg Ballett in dieser Zeit getanzt hat, davon waren 23 Kreationen für die Kompanie. Das ist schon etwas mehr als „nur sehr wenige“.
Überforderung und Scheitern
Man sieht eine etwas chaotische Bauprobe zu „Demian“ sowie erste choreografische Skizzen mit den Tänzern Daniele Bonelli und Matias Oberlin, und immer wieder sieht man Volpi in seiner Wohnung in der Hafen-City mit Blick auf die Elbe. Im Dezember 2024 sagt er, die Euphorie des Anfangs habe nachgelassen, er müsse im Voraus denken: „Das macht mir zu schaffen. Was ich schon sehe, ist, dass diese Veränderung auf vielen Ebenen viel größer ist, als ich gedacht habe.“ Erste Anzeichen einer Überforderung?
Man begleitet ihn und die Kompanie zum Gastspiel mit Neumeiers „Romeo und Julia“ nach Venedig ins Teatro La Fenice. Man ist dabei, wenn die Opernstiftung die Haute volée der Lagunenstadt zum Empfang lädt, wenn Volpi dem Ballettfan und früheren Fußballnationalspieler Günter Netzer begegnet (Volpi: „Es ist eine Ehre, Sie kennenzulernen – wirklich!“) und Netzer meint, dass man in Deutschland Franz Beckenbauer übel mitgespielt habe: „Wenn man in Argentinien drei böse Worte über Maradona sagt, wird man standrechtlich erschossen. Bis zum Schluss haben sie ihn verehrt, in Deutschland nicht. In Deutschland wollen sie ihre Stars nach oben bringen, und wenn sie oben sind, werden sie fallengelassen. Das ist die deutsche Mentalität.“ Es sind Zitate wie dieses, die unterstreichen sollen, wie unrecht man auch Demis Volpi getan hat.
Nirgendwo im Film wird deutlich, dass es innerhalb der Kompanie schon seit dem Jahreswechsel kriselt und man mehrheitlich unzufrieden ist mit der Leitung. Und so scheint es wie ein Schlag aus heiterem Himmel, als dann Anfang April offiziell bekannt wird (intern war es seit Monaten im Gespräch), dass fünf Erste Solist*innen gekündigt haben, darunter Sasha Trusch. Er war der Einzige, der aufgrund seiner langen Ensemblezugehörigkeit einen unkündbaren Vertrag hatte, der ihm ein gutes Einkommen bis zur Rente garantierte. So etwas kündigt kein Tänzer ohne große Not auf.
Und dann folgen die Ereignisse Schlag auf Schlag (vgl. dazu „Lehrstück für die Zukunft“, tanznetz vom 15.7.2025), im Film weitgehend zitiert mit Kommentaren anderer Medien (vor allem des NDR) aus dem Off: der Brandbrief der 36 Tänzer*innen des Hamburg Ballett an den Kultursenator, die Resonanz in den Medien, der Brief von 17 Tänzer*innen aus Düsseldorf, die sich mit den Hamburgern solidarisch erklären und deren Vorwürfe mit eigenen Erfahrungen untermauern (später im Film wird seitens des Hamburger Kulturausschusses allerdings bestritten, dass ein solcher Brief vorliege), der Artikel im SPIEGEL mit der Enthüllung, dass Volpi eine Elevin im Gespräch so gedemütigt hatte, dass sie psychotherapeutischen Beistand brauchte, und schließlich die von der Kulturbehörde eingeleitete Gefährdungsbeurteilung, eine anonymisierte Befragung des gesamten Ensembles. Gefilmt wird auch die Ballettwerkstatt vom 25. Mai 2025, bei der Volpi ausgebuht wird („Geh nach Hause“ ruft jemand aus dem Publikum).
Die Premiere von „Demian“ verschiebt Volpi selbst jetzt auf Dezember 2025, wozu es aber auch nicht mehr kommt, weil die Kulturbehörde nach Vorliegen der Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung die Reißleine zieht: Der Vertrag mit Demis Volpi wird mit sofortiger Wirkung aufgelöst.
Versuch einer Rehabilitierung
Das Loch, in das Volpi danach fällt, illustriert Kim Hess mit langen Blenden auf das Wasser an Alster und Elbe, auf die Silhouette des Hafens bei Tag und bei Nacht. Er müsse erstmal durchatmen und verdauen, was passiert ist, sagt Volpi: „Dass das Publikum meine Stücke jetzt nicht sehen wird, das finde ich sehr enttäuschend. Das ist, glaube ich, die größte Enttäuschung.“
Sie zeigt dazu Einblendungen von Zeitungsausschnitten aus der Zeit von 1973, als John Neumeier keinen leichten Start hatte, und legt damit nahe, dass man ihm sehr wohl eine Chance gegeben habe, Volpi aber nicht. Volpi-Getreue kommen ausführlich zu Wort.
Ballettmeister Damiano Pettenella macht vor allem Erste Solist*innen verantwortlich: „In einer Kompanie, die hauptsächlich Handlungsballette tanzt, ist man daran gewöhnt, dass einzelne Tänzer*innen das Stück tragen. Die anderen orientieren sich an ihnen und tragen das Ballett gemeinsam für sie und für sich selbst. Diese Person ist in diesem Moment die führende Figur. Der Fokus liegt automatisch auf ihr, und man ist es gewohnt, ihrem Beispiel zu folgen. Deshalb ist es für Erste Solist*innen sehr leicht, etwas zu sagen, und andere übernehmen diese Haltung und sagen: ‚Ja, sie haben recht.‘ Sehr leicht.“ Die Kompanie sei in zwei Lager gespalten, die sich immer mehr angegriffen hätten. Vor allem diejenigen, die gegen Volpi waren, seien sehr wütend geworden und hätten nichts von ihm akzeptieren wollen.
Und dann bringt Kim Hess noch ein Interview mit Volpis Anwalt, Prof. Dr. Peter Raue: „Ich habe zu ihm gesagt, wenn Sie Ihre Gesundheit schonen wollen, dann sollten wir nicht darum kämpfen, dass Sie bleiben. Ich habe ihm gesagt, wir gewinnen jeden Prozess, es wird auch gar keinen geben, denn man kann ihn nicht entlassen, es gibt keinen einzigen Vorwurf, es gibt keine einzige Abmahnung, es gibt keinen einzigen Grund, warum man sagt, mit dem kann man nicht zusammenarbeiten. Aber es lohnt sich nicht, gegen eine Mauer des Widerstandes zu arbeiten. (…) Ich habe den Eindruck, dahinter steht, obwohl er vielleicht gar nichts damit zu tun hat, der Gigant Neumeier, der in Hamburg geliebt wird wie kein einziger Politiker und kein Fußballer. Nicht der Kompaniechef Neumeier war das Problem, sondern dieser ‚corpus mysticum‘, den er geschaffen hat.“
Letztlich ist es das Hauptanliegen des Films, Demis Volpi zu entlasten und zu untermauern, dass man ihn rausgemobbt hat. Man kann das goutieren oder auch nicht, fest steht, dass Kim Hess vieles aus- und noch mehr weglässt. Die ganze Entwicklung, die zu dem Eklat im Mai und Juni 2025 geführt hat, wird aus diesem Film nicht nachvollziehbar und auch nicht verständlich. Insofern malt er ein höchst einseitiges Bild der Vorgänge.
Was Kim Hess vor allem verschweigt, ist die Gefährdungsbeurteilung, deren Ergebnisse bis heute unter Verschluss sind. Nachdem sie jedoch dem Kultursenator vorlagen, entschied dieser, dass Volpi nicht mehr zu halten war. Wenn es, wie Rechtsanwalt Raues Äußerung nahelegt, juristisch kaum möglich gewesen wäre, Volpi fristlos zu kündigen, dann gab es nur eine Lösung: Die Auflösung des Vertrags und das Zahlen einer Abfindung. Kein Kultursenator entlässt einen Intendanten ohne Not und zahlt ihm freiwillig eine sehr hohe Kompensation.
Im Rückblick muss man allerdings auch feststellen, dass die Findungskommission und Carsten Brosda als deren Vorsitzender zu wenig Sorgfalt darauf verwandt haben zu prüfen, ob Demis Volpi den enormen Anforderungen der Dreifachbelastung als Intendant des Hamburg Ballett wirklich gewachsen wäre: als kuratierender Direktor, eigenständiger Choreograf und Bewahrer des Neumeier-Erbes. Im Nachhinein steht fest: Er war es nicht. Insofern hat Brosda durchaus einen Anteil am Scheitern Volpis.
Ob der Film je im Kino gezeigt wird (außer einer Vorstellung im Rahmen des Hamburger Filmfests), ist derzeit unklar. Da zwei ARD-Sender an der Finanzierung beteiligt waren (SWR und NDR), wird er wahrscheinlich irgendwann in einem der dritten Programme gesendet werden. Einen Zeitpunkt konnte die Produktionsfirma noch nicht nennen.
Kommentare
Between Times scheint sichtbar zu machen, wie schnell ein künstlerischer Neuanfang zum öffentlichen Urteil wird. Das ist eine durchaus akzeptable Perspektive, weil er damit Raum für die menschlichen Dimensionen eines solchen Prozesses schafft. Ein Führungswechsel im Ballett ist niemals nur eine Personalentscheidung – er berührt Identitäten, gewachsene Strukturen und künstlerische Überzeugungen. Gerade deshalb braucht es Differenzierung statt vorschneller Schuldzuweisungen.. Die schnellen Antworten und die Demontage gab es bereits ( auch in diesem Medium).
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