Die Suche nach dem Glück
„MATHIEU“ von Sebastiano Sing bei imagetanz als Uraufführung im WUK Projektraum
Bereits beim Betreten des brut nordwest stellt man fest, dass dieser Theaterabend wohl anders ablaufen wird als gewohnt. Rosa Linien am Boden führen zu wichtigen Orten im Theater. Sogenannte Access Friends erklären den Ablauf des Abends und bieten auch eine Bühnen- und Tastführung an. Es gibt einen Quiet Space und einen Sensory Regulation Space, in die man sich auch während der Vorstellung zurückziehen kann. Die Vorstellung findet im großzügigen Foyer statt. Sitzsäcke und Podeste in unterschiedlichen Höhen, Bänke und Sessel dienen als Sitzgelegenheiten. Zu Beginn werden die hellste Lichtstimmung gezeigt und auch kurz die lauteste Musik der Performance gespielt. Während der Vorstellung wird es im Zuschauerraum nicht komplett dunkel. Es wird somit viel unternommen, dass sich alle wohlfühlen. Auffallend ist am Premierenabend, dass sich teilweise wirklich ein anderes Publikum eingefunden hat.
Das basisdemokratisch organisierte LIFT Tanzkollektiv (Liv Schellander, Irene Giró, Fia/Sophia Neises, Tanja Erhart) wird von der DGS-Performancekünstler*in Rita Mazza unterstützt. Somit sind „fünf Körper, vier Räder, drei mal drei Beine“ auf der Bühne zu sehen, wie es in der Audiodeskription heißt. Anfangs dominiert vor allem die Linie: Manchmal nebeneinander, manchmal hintereinander wird über die Bühne gegangen, gelaufen bzw. gefahren. Für alle hörbar wird auf Deutsch beschrieben, was gerade zu sehen ist. Dabei fällt auf, dass die Beschreibung nicht immer dem Gezeigten entspricht. Hin und wieder hat man auch das Gefühl, dass die Audiodeskription wie eine Anweisung an die Performer*innen klingt. Alle Performer*innen stellen sich einzeln vor, erzählen etwas von sich und stellen sich auch der Frage, was von einem bleiben soll, wenn man einmal nicht mehr ist. Diese Texte werden sowohl in Deutsch und Englisch übertitelt als auch in Gebärdensprache und zeichnerisch dargestellt. Danach ist das Publikum eingeladen, Gedanken zu den Zeichnungen zu teilen. Hier sorgt eine Spracherkennung für die Übertitel und automatische Übersetzung ins Englische. Dabei merkt man auch Schwächen im Verständnis des Gesagten. Aber natürlich ist die KI hilfreich, wenn kein*e Gebärdendolmetscher*in verfügbar ist.
Tänzerisch passiert im ersten Teil des zweistündigen Abends eher wenig. Nach der Pause, in der das Publikum auch die Möglichkeit hat, mit den Performer*innen ins Gespräch zu kommen, wird zu lauter Technomusik für ca. 15 Minuten frei getanzt. Das Publikum ist eingeladen mitzutanzen, wodurch Discofeeling entsteht. Damit endet das Stück. Die Ankündigung, dass im Stück „traditionelle Normbiografien als ableistische und kapitalistische Konstrukte“ hinterfragt werden, wurde allerdings nicht eingelöst. Auch hat man das Gefühl, dass die Barrierefreiheit im künstlerischen Prozess im Vordergrund gestanden ist und manch Kreativität gekillt hat. Andererseits ist es natürlich toll, dass sich sowohl auf der Bühne als auch im Publikum queere Menschen mit Crip-Körpern finden und diese Produktion für die Eröffnung von imagetanz 2026 ausgewählt wurde.
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