Wechsel in Regensburg
Wagner Moreira gibt mit Ende der Spielzeit die Leitung des Tanzensembles ab
„Dance Lab 4.0“ von Vincent Wodrich und Leander Veizi am Theater Regensburg
Überspitzt formuliert, hat der Tanzabend „Dance Lab 4.0“ sein Thema verfehlt. Und zugleich damit voll ins Schwarze getroffen. Denn kaum jemand vom geradezu berauschten Publikum wird diese Premiere so schnell vergessen. Und ums Vergessen und das unlösbar damit verbundene Erinnern ist es bei der Uraufführung im Regensburger Theater am Haidplatz gegangen. Die „Gesten des Vergessens – Vergessen von Gesten“, wie der englische Titel „Gestures of Forgetting – Forgetting of Gestures“ auf deutsch lautet, brennt sich in Fragmenten oder ganzen Sequenzen ins Gedächtnis und Gehör ein.
Der Abend war in verschiedener Hinsicht herausragend. Es sind nicht, wie in den zurückliegenden Jahren, mehrere kurze Choreografien von Mitgliedern der Tanzcompany im hauseigenen Dance-Lab-Format vorgestellt worden. Erstmals erarbeiteten zwei Tänzer, der mit dem Bayerischen Kulturförderpreis Tanz ausgezeichnete Vincent Wodrich und Leander Veizi, designierter kommissarischer Leiter der Tanzcompany, zusammen eine Choreografie, deren Teile sich nahtlos ineinander fügen.
Vor allem in der ersten Hälfte ist diese von einer höchst eigenwilligen aufwühlenden Soundcollage geprägt. Die Sounddesigner Maximilian McManus und Benedikt Meschnik haben diese Komposition nach klanglichen Vorgaben Wodrichs am elektronischen Mischpult entwickelt. Tänzerisch legt die Company in den sieben Kapiteln des Stücks eine durchaus erfrischende neue Sprache an den Tag. Sie wirkt wie ein Blick in die nahe Zukunft und macht neugierig auf die kommende Interimsleitung Veizis, der mit dieser neuen Funktion seine Karriere als aktiver Tänzer beenden will. Für Wagner Moreira, der gerade in Brasilien weilt und von dort ein „Toi, toi, toi“ an die Company schickte, ist es die letzte Produktion unter seiner Leitung. Ab kommender Spielzeit übernimmt er die Direktion der Tanzsparte am Theater Görlitz-Zittau.
Formen des Erinnerns
Wuchtige Gong- oder Glockenschläge markieren den Beginn des ersten Kapitels „Remembering“/ „Sich Erinnern“, auf der in rotes Licht getauchten kleinen Bühne des Haidplatz-Theaters. Nach und nach geht der bedrohlich harte, an keinen musikalischen Parametern orientierte Sound in einen Herzschlag-Groove über. Vier Tanzende in weiten Beinkleidern agieren teils synchron in der klanglich aufgeladenen Stimmung mit dynamischer, gestenreicher Energie. Solange, bis sich eine kleine Gruppe bildet, die sich schützend, aber auch engend einhegt und erst von Soleil Jean-Marain, die ein mitreißendes Solo tanzt, in ihrer Ecke voneinander gelöst wird.
Klanglich ruhiger und weicher erinnert sich das Quartett im zweiten Kapitel „Recalling“ an frühere Bewegungsmuster, bis die Umgangsformen unter einer lauter werdenden Litanei – ein flehentliches Kyrie Eleison – ruppiger werden. Das steigert sich bis zu einem Streit im nächsten Kapitel, in dem von unten beleuchtete Stühle und ein Tisch das karge Bühnenbild von weißen Papierfahnen erweitern und neue aggressive Dynamiken im Tanz hervorbringt.
Berstende Klangkulisse
Eine Tänzerin hatte begonnen, Papierbahnen zu beschriften, die übrigen werden heruntergerissen und schaffen ein verändertes Bühnenbild. Bewegungen werden fragiler und transparenter. Hände vor den Augen fragen „Wer bin ich (noch)“? Videoprojektionen reflektieren Gliedmaßen in verwaschenen Bewegung und Tanzende. Die Klangkulisse erreicht zeitweise eine Lautstärke, die zu überwältigen droht. Der Tanz wird fast ins Abseits drückt. Aus dem körpereigenen Bewegungs- und Gestenrepertoire wird plötzlich eine neue Dynamik, kontrastierend zweigeteilt in zeitlupenartiger Bewegung und parallel getanzten Duetten und Solos.
Auch die Musik hat sich verändert, ergießt sich in wagnerschem Pathos und griegscher Leichtigkeit, bevor sie in der letzten Phase von Beethovens 7. Sinfonie abgelöst und in einen ironisch-bunten Taumel voller keckem Witz umschlägt. Die vorherige Härte wird in Frage gestellt, das traumhaft-grüblerische über den Haufen geworfen. Was bleibt sind Fragen und Assoziationen, Blicke die sich verschieben und Eindrücke die sich wandeln und einen verwandeln können. Abgesehen vom manchmal zu dominanten Sound ein faszinierender Abend mit großartigem Tanz, der vieles anreißt und noch mehr offen lässt.
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