„Galateo“ von 4roomscompany, Live-Musik: Christian „qrauer“ Grochau (l), Tanz: Brian Scalini, Chiara Detscher, Catherine Rinehart Beer, Seraphine Detscher und Gianmarco Martini Zani (v.l.n.r)

Die Leute gucken schon!

4roomscompany mit „Galateo“ in der Dresdner Markthalle

Anstand und Sitte bei Tisch? Darüber lässt sich offenbar streiten. Zumindest hier. Deshalb geht es auch drunter und drüber.

Dresden, 26/09/2026

Eigentlich wollen alle nur ihre Ruhe haben. Chiara Detscher scheint für ein Date da zu sein. Eine Rose hat sie mitgebracht. Ihre Schwester Seraphine will offenbar nur in Ruhe ihr Pausenbrot genießen. Und Catherine Rinehart Beer hört einfach über Kopfhörer ihre Musik. Könnte also alles so schön sein. Würde da nicht Brian Scalini aufschlagen. Selbstvergessen telefoniert er zwischen allen, mit in ear-Knopf. Laut, lebhaft, aber nichts als ein wiederkehrendes No! von sich gebend. Klar, dass das die Ruhe stört. Kann man doch nicht machen. Gehört sich nicht. Kein Wunder, dass ihm Beer schließlich seinen eigenen Sekt über den Latz kippt. 

Die 4roomscompany, allesamt Akteure der freien Szene, bespielen unterm Dach der Dresdner Markthalle einen white cube, der mit seinem gefliesten Boden ziemlich steril wirkt. Aber performen kann man bekanntlich überall, wo es Publikum gibt. Mit „Galateo“ hat sich die Company den italienischen Knigge vorgenommen. Hier wird vor allem die Frage aufgeworfen, wie man sich „korrekt“ bei Tisch verhält. Oder wenigstens „am Tisch“. Deshalb haben sie sich vier große Tische und vier Stühle als Ausstattung genommen. Christian „qrauer“ Grochau gibt im Hintergrund den DJ und schiebt den Performer*innen immer wieder lässige Clubsounds unter, während die ziemlich bald die Dinge wörtlich auf den Kopf stellen. Die Tische und Stühle geraten genauso in Bewegung. Die Wirkung ist in erster Linie eine räumliche. Will heißen: Es wirkt durchaus so, als wären erst die Tische und Stühle dagewesen und das Bewegungsvokabular wäre drumherum gestrickt worden. Ausdruck liegt nicht in den Bewegungen selbst. Die Bewegungen selbst sind der Ausdruck, groß, weit, verspielt die Möglichkeiten des Mobiliars austestend. Das sind Dialoge der Auseinandersetzung miteinander, wie Streitgespräche darum, wer was wie denn nun gern hätte. Die Eine schaltet die kleine Tischlampe an, die Andere wieder aus. 

Ironischer Kommentar

Die spontane Reaktion auf das störende Telefonat bricht den Moment. Und nicht zum letzten Mal. Zwischen den Beats sind immer wieder Klassiker eingeschoben: Beethovens Schicksalssymphonie etwa oder der Piaf-Gassenhauer „Non, je ne regrette rien“. Zu diesen getragenen Klängen wird für einen fünften Gast, Gianmarco Martini Zani, der urplötzlich aus dem Nichts auftaucht, ein mehrgängiges Menü auf weißer Tischdecke serviert. Während er genüsslich die Kostbarkeiten genießt, wiegen sich die vier „Kellner*innen“ im Hintergrund ironisch im Takt. So hat das also alles seine Ordnung. 

Das ist ein ganz klarer Kontrast zu den ungebändigten Szenen, in denen ein Tisch zur schrägen Rutsche mit viel Spaß wird oder ein Stapel Stühle zur persönlichen Bürde. Auf dem Tisch, unter dem Tisch. Ganz egal. Hauptsache ohne Korsett.

Dieser Parcour findet ein wunderbar ironisches Ende, wenn alle, DJ inklusive, an einer großen Tafel zusammenkommen. Gediegen und kultiviert widmet man sich dem Aufgetragenen, nur um festzustellen, dass sich das zähe Zeug offenbar einfach nicht schneiden lassen will. Während die Verzweiflung darüber ins Groteske kippt und eskaliert, lässt sich Christian Grochau nicht stören. Er isst einfach mit den Fingern. Was für eine Erlösung!

 

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